Vom Atom zum Kosmos

Musikfest Berlin 2018 – Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Rotterdam Philharmonic Orchestra

Von Sascha Krieger

Oft sind seine Werke nicht zu hören in deutschen Konzertsälen: Bernd Alois Zimmermann war immer ein unzeitgemäßer Komponist. In seiner Jugend in Nazi-Deutschland abgeschnitten von den Entwicklungen der zeitgenössischen Musik fand – und suchte – er nie den weg in eine der bestimmenden musikalischen Bewegungen seiner Zeit. Die konstruktivistische, mathematisch inspirierte Musik der 1950er und 1960er Jahre blieb ihm ebenso fremd wie der vermeintliche Traditionalismus der tonalen Schulen jener Zeit. Ein Wanderer zwischen den Welten, mit dem Anhänger beider Pole wenig anfangen konnten. Das Musikfest Berlin erlaubt in diesem Jahr einen kurzen, kursorischen Blick auf sein Werk, auf seine collagenhafte Musik der Schichtungen, der Zitate, der Zusammenfügung des Disparaten. Den Anfang machen Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra. Dabei ist dieses Wiederhören auch ein Abschiednehmen: Soeben hat der Kanadier seine zehnjährige Zerit als Rotterdamer Chefdirigent beendet, jetzt gehen beide auf eine letzte Tournee und in eine neue Phase der Zusammenarbeit – Nézet-Séguin ist seit Neuestem Ehrendirigent des Orchesters.

Yannick Nezet-Seguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra (Bild: Bob Bruyn)

Das Neben- und Miteinander von Werden und Vergehen, von Abschied und Anfang steht denn auch im Mittelpunkt dieses Berliner Gastspiels. Zimmermanns kaum zwanzigminütige Sinfonie in einem Satz bildet den Auftakt dieses Abends. Dass die später vom Komponisten verworfene Erstfassung mit Orgel gespielt wird, ist sicher auch als Statement lesbar. Zurück auf Anfang. Und an diesem steht der Widerstreit elementarer Mächte: auf der einen Seite ein Ringen mit dem Nichts, eine Atomisierung der Töne und Stimmen, die Nézet-Séguin ins Extrem treibt. Unversöhnlich stehen sich brüchiges Schweben miskroskopischer Musikbestandteile und die kühle Härte dunkler Kraftentladungen entgegen. Bis etwas in Bewegung gerät. Denn das plakative Gegeneinander, das der Dirigent zu Beginn zelebriert, ist kein Selbstzweck, sondern der Auftakt zu einem Dialog der musikalischen Weölten, der Klangbilder und Ausdrucksformen. Das Einzelne und das Ganze treten in Beziehung, reiben sich aneinander, verschmelzen kurz um auseinander zustreben. Klar arbeitet Nézet-Séguin die musikalischen Schichten und Schichtungen Zimmermanns heraus, schiebt sie in-, über- und auseinander, stellt sie separat aus, um sie im nächsten Moment miteinander reagieren zusammen. Universum und Atom, Ergebnis und Urgrund belegen diesen musikalischen Raum gleichzeitig, die Geburt und Tod, Leben und Nichts sind die gleiche Medaille und nicht einmal unterschiedliche Seiten selbiger. Eine Miniaturgeschichte der (musikalischen) Welt, wie in jener magischen Passage, in der sich ein wuseliges Chaos einzelner Klangatome sucht, irgendwann der ordnende Rhythmus hinzutritt und ein Werden andeutet, das sich in einer Wellenbewegung formt, auflöst, wieder formt. So klar, so transparent, so klanglich verfeinert und geschärft, wie Nézet-Séguinund seine Musiker diese Musik vorführen, grenzt sie schon an ein kleines Wunder.

Das sich im viel größeren Rahmen von Anton Bruckners vierter Symphonie fortsetzt. Die „Romantische“ wird sie genannt und Yannick Nézet-Séguin begreift sie als ein Spiel der Stimmungen. Bewusst unscharf der Beginn, eine Art Zurechtfinden, ein Mischen der Farben, die in der Folge umso eindrucksvoller strahlen. Ein wenig ungeordnet wimmelt hier zu Beginn das Leben, muss sich noch sortieren. Immer wieder droht das Nichts, die stilleren Passagen ähneln eher Auflösungsmomenten, die zu einer Neuordnung, einem weiteren Versuch führen. Auch hier akzentuiert der Kanadier die Kontraste, aber nicht, um ein Gegeneinander zu plakatieren, sondern um die schöpferischer Kraft gegenläufiger Pole zu nutzen und vorzuführen. Den Kopf- wie später den Finalsatz liest er als Abfolge von Versuchen, die einander verwerfen und zugleich bestätigen, sich aneinander reiben und gleichzeitig auf dem vorangegangenen aufbauen. Fließende organische Entwicklungen treffen auf scharfe (Ab-)Brüche, immer wieder versucht die Musik zaghaft zu singen, wird abgewiesen, probiert es erneut. Bedrohlich Dunkles tritt auf wärmste Naturlyrik.

Zusammen finden sie am ehesten in den Mittelsätzen. Der langsame zweite hebt tastend an, ungemein zart, der Klar klar und verletzlich, der Abgrund durchschimmernd. Die Holzbläser geaten ins Singen, die Streicher versuchen sich an einem satten, schwelgerischen Klang, doch immer wieder kommt das Spiel der Farben und Stimmungen ins Stocken. Dann versucht es sich wieder am Bau musikalischer Welten, die Experimente laufen durch die Streicher, Holzbläser, Hörner, ein warmer, lichter Ton etabliert sich und bleibt seiner selbst unsicher. Stimmungsmomente emanzipieren sich zaghaft, am Ende steht ein Versuch gemeinsamen Erstrahlens. Dann beginnt alles von vorn: Das Scherzo nimmt den triumphalen Ton in den Blechbläsern auf und fährt mit ihm gegen die Wand. Organische Fülle ringt mit abrupten Bremsbewegungen und setzt sich doch durch. Die Wärme des Andante kehrt wieder, ein heller, von den Hoklzbläsern getragener, lichtdurchfluteter, vielfarbiger Grundton etabliert sich, tränkt das Werk und muss sich immer wieder aufs Neue behaupten. Er erobert sich erst das Trio und färbt dann den Scherzo-Hauptteil, ohne die energischen Gegenbewegungen aufzuheben. Kein Werden, ohne Vergehen, kein Anfang ohne Abbruch.

Und so erweist sich das lange Finale als Wiedergänger des ersten Satzes, als Reihung klanglicher Findungsversuche, als Dialog und später Stimmengewirr unterschiedlichster Stimmungen. Licht und Dunkelheit, zarte, lichte, warme Lyrik, und harte, kalte, dunkle Kraftentladung heben einander nicht auf, aber gehören zusammen, brauchen sich, bedingen sich. Und so wird der Schlusssatz zum Mosaik, bei dem längst nicht alles zusammenpasst – und das wohl auch nicht soll – Lücken bleiben und doch die Ahnung eines heterogenen, aber tragfähigen musikalischen Kosmos entsteht, der sich organisch zusammenfügt, statt konstruktivistisch behauptet zu sein. Erneut verliert sich das Universum kurz im Beinahe-Nichts, im zarten Flirren umherfliegender Atome und sich final zusammenzufinden. Jeder Satz endet mit einem Erblühen oder Erstrahlen, einer stimmungsvollen Lebensballung, die sich in der Folge wieder aufs neue behaupten muss. Das ist auch beim farben- und stimmungsreichen Schluss nicht anders. Diese Vierte entsteht aus dem romantischen Geist, sucht und findet ihn und geht doch weit darüber hinaus. Sie verbindet und verbündet sich mit der vermeintlich so fremden Welt des Bernd Alois Zimmermann in einer Suchbewegung, die nicht endet und nicht enden darf, weil sie versteht, dass Stillstand Tod bedeutet. Dies ist Musik wider das Nichts und im Bunde mit ihm. Nicht weniger.

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