Das Versprechen des Kirill Petrenko

Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit ihrem zukünftigen Chefdirigenten Kirill Petrenko und Werken von Strauss und Beethoven

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist es eine eigentümliche Phase, die jetzt bei den Berliner Philharmonikern beginnt. Eine Zwischenzeit, ein Jahr ohne Chefdirigenten. Das gab es bei dem selbstverwalteten Orchester zuleltzt nach dem plötzlichen Tod Herbert von Karajans im Jahr 1989. Doch vieles ist anders jetzt. Der Nachfolger Sir Simon Rattles, der 18 Jahre lang das Orchester in die Stadt und die Welt trug und mit unverbrüchlicher Neugier die Musiker herausforderte, das Publikum begeisterte und zuweilen auch spaltete, steht längst fest. Kirill Petrenko wird in einem Jahr übernehmen, eine Zeit, die er sich ausbedungen hatte, um seine Verpflichtungen mit dem geliebten Bayerischen Staatsorchester zu erfüllen. Ein Dirigent, der nichts halberherzig tut, soll er sein. Auch daran ist nach seinem Saisoneröffnungskonzert kein Zweifel. Auch weil er klar anzeigt, dass die Ära Petrenko jetzt beginnt: Er eröffnet die Spielzeit, er nimmt das Orchester gleich auf seine erste Tournee, er nimmt die Verantwortung an. Und am Ende dieses Abends ist wohl jeden im Saal klar: Die Wahl Petrenkos, so schwierig sie einst gewesen sein mag, war die richtige Wahl. Eine neue Zeit beginnt jetzt und im September 2019. Und die Chance, dass es eine großartige sein wird, stehen äußerst gut.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2018 (Bild: Monika Rittershaus)

Auch weil Petrenko zeigt, wie ernst er dieses Orchester und seine Geschichte nimmt. Hat er bislang bei seinen wenigen Auftritten hier eher Randbereiche des Repertoires beackert, zeigt er nun ein klares Bekenntnis zum Kernrepertoire. Richard Strauss und Ludwig van Beethoven: Wenn man die DNA der Berliner Philharmoniker auf zwei Komponisten reduzieren wollte – die Chancen stünden gut, dass es diese beiden wären. Und kaum erklingen die ersten Takte von Strauss‘ Tondichtung Don Juan, wird klar: Nicht nur zeigt er sich diesem Kern der musikalischen Welt dieses Orchesters verbunden, sein Dirigat wirkt, als wolle er die Essenz seiner Vorgänger suchen und finden: Die ewige Suche nach dem perfekten Klang Karajans verbunden mit der analytischen Schärfe Claudio Abbados und der unbändigen Neugier Rattles. Eine Verbindung, die nichts Kompromisshaftes hat. Im Gegenteil: Er sucht das Ganze, das so viel mehr sein soll, als die Summe seiner teile. Er vertieft sich in die Musik, jeden einzelnen ihrer Momente und blickt zugleich von oben auf seine Ganzheit hinab. Er geht mit seinen Musikern auf eine reise ins Unbekannte. Als Gleicher, als Partner, aber auch als einer, der die Route vorgibt. Freundlich. bestimmt. Unwiderstehlich.

Und so gelingt an diesem sehr besonderen Abend eine klangliche Magie, wie sie selbst dieser Saal nur selten erlebt hat. Petrenko ist ein detailverliebter Dirigent: Er sucht jede Note, jeden Ton, jede Stimmung, jede Farbe und weist ihnen einen Platz zu, der dem der anderen ebenbürtig ist. Das Orchester, geschult in Rattlescher Transparenz, erfüllt ihm diesen Wunsch scheinbar möhelos. Und so glänzt und schimmert und leuchtet die bittersüße Geschichte vom Untergang des mythischen Verführers Don Juan in tausend Farben und Millionen Schattierungen, die doch nie vereinzeln, sondern stets als Teil eines großen Plans erscheinen. Petrenkos analytischer Ansatz, der jede Note, jede rhythmische Wendung, jeden dynamischen Wechsel auf ihre Funktion, aber auch auf ihren inneren Gehalt hin befragt, paart sich mit einer Liebe zur klanglichen Skulptur, in der jede „Szene“ ihr eigene „Kleid“ erhält und doch nie separat gedacht ist von ihren „Nachbarn“. Strauss dachte – wie Beethoven – dramatisch, und auch das arbeitet Petrenko klar heraus. Harte Kontraste lässt er setzen: zwischen innigster, feinster Lyrik und rhythmischer Härte, zwischen entgegengesetzten dynamischen Polen und klanglicher Dichteverhältnisse, er setzt radikal gegenläufige tempi gegeneinander und doch wirkt hier nichts aufgesetzt, scheint alles seine wurzeln im musikalischen Kern dieses Werks zu haben, in den Keimzellen der Töne, Klangfarben und rhythmischen Elemente. Ein Ying und Yang von Ruhe und Aufgewühltsein, von Lyrik und Dramatik, von Hoffnung und Tragik. Und das alles in einer klanglichen Lebendigkeit, die tief atmet, pulsiert, bebt.

In Tod und Verklärung gelingt das womöglich sogar noch ein wenig besser. Hier denkt Petrenko in klanglichen Einheiten, die er behutsam einander hinzugesellt, die musikalische Erzählung von Leben, Sterben und Verklärung, zusammenfügen lässt, um sie ganz am Ende wieder sacht auseinanderschweben zu lassen. Wie sich zu Beginn die zärtlich zerbrechlichen Gesänge der Solinstrumente auf ein wacklig unsicheres klangliches Fundament sehnen, ist nicht weniger als atemberaubend. Die Binnendramatik, ausgelöst durch trockene, unerbittliche, aber nie übertriebene, effekthischende Einbrüche, entwickelt sich organisch und kommt der Erfahrung eines finalen Aufbäumen des Lebens so nahe wie Musik es nur kann. Das berührt, erschüttert, weil es so beiläufig, so natürlich, so unspektakulär daherkommt. Sacht fragmentiert Petrenko die auseinanderdriftenden abschnitte, als Leben und Sterben, Gegenwart und Ewigkeit beginnen sich voneinander zu lösen. Am Ende, das jetzt scheint überwunden, finden sich die Klanginseln für einen Moment zusammen, schweben kurz gemeinsam, um dann wieder in den sanften Schlummer des Vergessens zu entschwinden. All das geschieht in einer vielfarbigen, durchaus körperlichen Klangwelt, die den Ort dieser Phantasie in der vergänglichen Realität unserer Existenz verortet. Ein irdisches Wunder.

So präzise, klanglich berauschend und analytisch überzeugend und zugleich emotional berührend dieser Strauss ist, so wenig bereitet er das Publikum auf das Folgende vor: Beethovens siebte Symphonie, eines der bekanntesten Werke der Musikliteratur. Bis die ersten Takte anheben. Note für Note, mit höchster Genauigkeit, auf jedes noch so kleines Detail Acht gebend, wagt sich Petrenko auf das allzu bekannte Terrain, reduziert die Beethovensche leidenschaft auf das Allernötigste, verknappt, schärft, verschlankt. Und beseelt langsam, Schritt führ Schritt das musikalische Konstrukt. Deutet die Bewegungsenergie der tänzerischsten aller Beethoven-Symphonien an, lässt harte, fast brutale Ab- und einbrüche zu , bringt das Geschehen vor dem Vivace-Hauptteil des Kopfsatzes fast vollständig zum Erliegen, beginnt diesen beinahe zaghaft, scheu, sich das Selbstbewusstsein aus der Musik erringend. Er setzt Brüche, beschleunigt und bricht ab, arbeitet den Fremdkörper der lyrischen Moll-Passage fein und zerbrechlich heraus, verdichtet das Satzende zu sachlicher Kraft. Er nimmt Beethoven sämtliche romantische Opulenz, gräbt ihn frei, entstaubt seine Einzelteile und setzt ihn aus diesen wieder zusammen. Da bleiben lose Enden, aber das geübte Ohr traut sich selbst nicht. Es hört dieses Werk wie zum ersten Mal.

Ein Wunder, das sich im berühmten Allegretto fortsetzt, an dem Dirigenten fast immer scheitern. Auch weil sie die Einheit suchen, den einen Nenner, der alles zusammenhält. Petrenko geht den gegenteiligen Weg: Er sucht und findet die Widersprüche und versucht sie nicht miteinander zu versöhnen. Immer wieder emanzipieren sich Vorder- und Hintergrund rhythmisch voneinander, erlaubt er ihnen gar leichte Gegenläufigkeiten. Er lässt den vermeintliche Trauermarsch leicht tänzeln, den Grundrhythmus hüpfen, findet plötzlich barocke Innigkeit, verleiht den Holzbläsern das Kommando, variiert spürbar die Tempi, zieht an, bremst ab. Und verleiht dem so oft gehörten satz eine Lebendigkeit, eine Unruhe, eine Uneindeutigkeit, die erstaunt, erregt, verwundert. an der sich der Zuhörer reiben kann, weil sie die Musik öffnet, zur Diskussion stellt, ihre Einzelteile klar und ungefiltert in den Raum stellt. Und plötzlich berührt das mehr als jede „tragische“ Lesart dieses Satzes dies je vermochte. Unmittelbar, roh, unverfälscht.

Vielgestaltig dann auch das Scherzo: Ungestüme Bewegungsenergie trifft auf ein enges rhythmisches Korsett, unzählige Klangwelten lösen einander ab, es schillert bunt und glüht fahl, tönt satt und zittert dünn, brilliert opulent und berührt schlank und innig. Das Trio ist verknappt, beschleunigt, tänzelt unsicher, ist sich selber nicht sicher, die lyrischeren Momente verlieren sich fast, bemühen sich um irgendetwas, an dem sie sich festhalten können. Das ganze musikalische Leben, es kann in jedem Moment verlöschen. Rhythmisch akzentuierte Klangfülle ringt mit Holz-dominierter sanft glänzender Wärme. Das Finale hebt dann sehr schnell an, beinahe hastend. Starke rhythmische Verdichtungen stehen nehmen radikaler Zurücknahme, das tobende, jubelnde Leben bildet eine fragile Gemeinschaft mit dem Verschwinden., Die Unruhe steigert sich, der Satz rast und feiert und fleht zugleich inniglich und erschütternd. Vergleichbar ist diese Beethoven-Entladung, diese Neuerschaffung am ehesten mit den Interpretationen Nikolaus Harnoncourts. Mit einem wesentlichen Unterschied: Wo der Österreicher wie ein Wirbelsturm durch die Partitur fegte, das Material aufwirbelte und wo es sich verstreut hatte, wieder aufsammelte, setzt Kirill Petrenko kleinste Sprengladungen, reist öcher in die Oberfläche, um tiefer zu sehen. Er liest die Partitur als Raum unterschiedlichster Möglichkeiten, als Experimentierfeld, das am Ende zu einem großen Ganzen – und neuen – zu reagieren vermag. Hier bleibt kein Stein auf dem Anderen und alles intakt. Der Zuhörer durchgeschüttelt, die Partitur belebt, das Orchester neu erstanden. Nicht aus Ruinen, sondern aus Musik. Aus Neugier, Gedankenschärfe und Tradition. Welch ein Auftakt, was für ein Versprechen!

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Ein Gedanke zu „Das Versprechen des Kirill Petrenko

  1. […] ist bis zum 31. August hier nachhörbar. Der schwer zufriedenzustellende Stagescreen-Kritiker ist zufriedengestellt. Der Tagesspiegel bekrittelt Strauss und lobt Beethoven. Maria Ossowski (rbb) hält es für […]

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