Die Ratten sind müde

Molière: Don Juan, Residenztheater, München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Als Herrscher ohne Haus muss wohl selbst ein Frank Castorf die Werbetrommel rühren. So wohlwollend man ihm in seinen Münchner, Hamburger oder Zürcher Halb-Exilen begegnet, so sehr muss auch er hier um sein Publikum buhlen, zumal sein Theater außerhalb des Volksbühnen-Kokons von vielen Zuschauer*innen nach wie vor als „radikal“ wahrgenommen wird. Anders ist das unsägliche Interview, das der wie kein zweiter deutschsprachiger Regisseur Angehimmelte kürzlich der Süddeutschen Zeitung gab und in dem er sich anhand abstruser Fußballvergleiche zur Aussage verstieg, weibliche Theatermacher*innen seien in der Regel schlechter als männliche. Selbst für den überzeugten Macho Castorf war das harter Tobak, Empörung und offene Briefe ließen nicht lange auf sich warten. Castorf hingegen hatte was er wollte: Aufmerksamkeit für sein neues Projekt – Molières Don Juan am Münchner Residenztheater. Premiere hatte die Inszenierung, als sich Theater in anderen deutschen Metropolen bereits in die Sommerpause verabschiedeten – da tut ein bisschen Publicity gut. Und ein dem Sujet angemessener Schuss Sexismus. Das Provokationsspiel beherrscht Castorf wie eh und je und Rücksichtnahme ist seine Sache nicht. Wenn sich der frauenverachtende Wutbürger jetzt bestätigt fühlt, was soll’s? Hauptsache, das Theater ist voll.

Bild: Matthias Horn

Dort fällt zunächst auf, dass sich dieser Zynismus auf der Bühne zunächst angenehmerweise nicht fortsetzt. Aleksandar Denić, Castors „Go-to-guy“ seit dem Tod Bert Neumanns, hat sein übliches eklektischen Drehbühnenkonstrukt aufgebaut. Elemente sind eine skizzierte Barockbühne, Zitat aus Castorf letzter Molière-Arbeit in Berlin, ein zeltartiges Vergnügungsetablissement, das laut Neonschild 24 Stunden am Tag offen sei, einen ländlichen Ziegenstall mit echten Ziegen und Badezuber vor der Tür, dazu ein Schlafzimmer mit Louis-Vuitton-Bettwäche , ein dekadent schäbiger Salon und neben dem Badearrangement ein rustikales Toilettenhäuschen mit Louis-Vuitton-Tabete. Hier überlagern sich – mal wieder – die Orte, Register, Repräsentationsebenen. Das Theater ist Ort wie Objekt der Repräsentation. Nichts Neues beim Postdramatiker Castorf. Hier wird gespielt: Barockes Drama auf der Bühne, Weltuntergangshorror mit Pestbeulen und blutigen Ratten (geborgt bei Puschkin) im Salon,  der Don-Juanismus als obsoletes Theorem der Grenzüberschreitung.

Gelangweilt sind sie, die zwei Don Juans, die zunächst vor der Bühne sitzen und Warten. Franz Pätzold ist ein ausnehmend jugendlicher, bildschöner nöliger, spöttelnder, überheblicher, sich seiner Macht bewusster Juan, Aurel Manthei ein trockenerer, abgebrühterer, routinierterer. Castorf universalisiert und fragmentiert den Titelhelden: Die Dopplung thematisiert „Don Juan“ als Prinzip, aber eben auch als eines, das sich längst totgelaufen hat. Hier ist alles Endzeit: Die Bühne verbleibt im Dämmerlicht, irgendwann wird es sogar geisterhaft grün, im Hintergrund wabert Nebel, im Salon fließt  das Blut und wird die Gesellschaft von der Puschkinschen Pest dahingerafft. Zwischendurch wird von gewaltsamem Sex erzählt und Pasolini-haft Fäkalien vom Damenfuß geleckt. Eine ersterbende Gesellschaft, die sich aus Langeweile aller Zügel entledigt hat. Neu ist das nicht, vor allem nicht bei Castorf, und hier denn auch weitgehend zur Routine erstarrt.

Bild: Matthias Horn

Was zum Konzept gehört. Der Stillstand, der Leerlauf einer Welt, die keine werte mehr kennt, als Nährboden für die blinde Gier des Don Juan, der in seiner langen Literaturgeschichte oft ein Nihilist gescholten wurde, aber wohl selten ein so radikaler war wie hier bei Castorf. Hier ist alles leere performance, auch der Opferstatus der Frauen. Bibiana Beglau lässt sich theatralisch auf der Bühnenbühne entkleiden und verdient sich später mit einer kalkulierten Raserei über das Nicht-stillstehenkönnen als letztem Lebensinhalt den einzigen Szenenapplaus des – für Castorf-Verhältnisse mit deutlich unter viereinhalb Stunden übrigens sehr kurzen – Abends, während Nora Buzalka als Charlotte das Klischeebild einer Unterdrückten lustvoll und höchst ironisch auf die Bretter zimmert. Wie hier im Übrigen alles sich selbst ausstellt: Marcel Heupermanns mechanisches Berlinern als Bauerntölpel Pierrot und trotteliger Diener Sganarelle, Pätzolds Mischung als roboterhaftem und tonal verzerrten Sprechen, das jegliche Authentizität sofort in die Tonne tritt, Mantheis ruppig kumpelhaftes Ennui – alles ist hier Pose, Performance, routiniertes und zutiefst gelangweiltes Spiel. wenn die beiden Juans splitternackt über die Bühne laufen und sich am Ende in einem Badezuber-Dreier versuchen, ist das wohl das Unerotischste, was derzeit auf einer deutschsprachigen Bühne zu sehen ist.

Bild: Matthias Horn

Der Eros ist längst tot, seine Anbetung verzweifelte Pose, pathostriefende Reaktion auf das Abhandenkommen allen Sinns. Der „Verführer“, der Don Juan übrigens in dem Sinnen, den man diesem Wort gemeinhin unterstellt, nie wahr, der Extremist puren Begehrens, ist hier nurmehr ein Gelangweilter, ein Zeittotschläger. Ein wenig melancholisch, sehr zynisch, betont desinteressiert. Das tut der politischen ebene des Stoffs, die Castorf etwas krampfhaft aufzumachen sucht, nicht gut. Ja, der doppelte Juan setzt seine standesgegebene Macht gezielt ein, aber er tut dies eher gewohnheitsmäßig, ohne sich dafür weiter zu interessieren. Sie ist Mittel zum Zweck, nicht Objekt der Kritik. Die beim späten Castorf fast schon obligatorische Kolonialismusdiskussion verpufft diesmal völlig, zumal einmal mehr Heiner Müllers der Auftrag die nicht gerade originelle Folie bietet. Nein, eine kolonialistisch zu interpretierende Unterdrückungfindet nicht statt, eher ein lustloses Blinde-Kuh-Spiel. Damit verschwinden aber eben auch alle Antagonist*innen, werden Mitspieler*innen, vor allem die Figuren des bemitleidensweten Norbert Stössinger: der alberne Pappkameraden-Vater und der Traschfilm-Geist seines Komturs. Selbst für Totentanz und Geisterspiel ist es zu spät.

Der Abend krankt an mancherlei: Zum einen daran, dass er zwar genau weiß, was er alles entsorgen will, aber keinen Ersatz parat hat. So wirkt sein Abgesang auf das Lustprinzip als Akt der Rebellion, seine Gesellschafts-Grablegung, seine sarkastische Zerlegung einer sich überlegen gerierenden Elite schal, aus der Zeit gefallen, wie ein Zitat eines Zitats eines Zitats. Die apokalytische Vision ist aus dem Baukasten, blutleer wie die weißgeschminkten Gesichter, ihrer Funktion beraubt. So schwanken denn auch die Figuren-Gestalten wie zweidimensionale Hologramme über die Bühne, Zeichen eines Bedeuteten, das sich längst aus dem Staub gemacht hat. Die düster melancholische Grundstimmung ist Pose, aber ohne Funktion, Kritik ohne Kritisiertes. Es fehlen auch die Castorfsche Assoziationskraft, die losen Enden, die Weiterdenkangebote. Der Fremdtext ist hier bestenfalls dienend, viel zu oft auch nur aufgesetzt, eine Pflichtübung. Und so gelingt dem Abend über weite Strecken eben nicht, was bessere Castorf-Inszenierungen oft auszeichnet: über die leere zu erzählen, ohne selbst ler zu sein, von Langweile zu sprechen, ohne sie zu verströmen. Es ist ein müder Abend über eine müde Welt. Gute Nacht.

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Ein Gedanke zu „Die Ratten sind müde

  1. Christine Kolk sagt:

    Ich war gestern (18.7.2018) in der Vorstellung und der obigen Beschreibung des Abends ist fast nichts hinzuzufügen. Die 4 1/4 Stunden waren enttäuschend uninspiriert und ich habe mich selten so gelangweilt! Schade um die vertane Zeit…

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