„Dann geht’s halt nicht“

Lola Arias in Zusammenarbeit mit Raeed Al Kour: What They Want to Hear, Münchner Kammerspiele (Regie: Lola Arias)

Von Sascha Krieger

Das BAMF, mit vollem Namen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge,findet sich derzeit immer wieder in den Schlagzeilen. Zuletzt sorgte ein „Skandal“ in Bremen für Empörung: Da war einigen Menschen möglicherweise zu Unrecht Asyl gewährt worden. Der Aufschrei war groß, es wird ermittelt, die BAMF-Chefin musste gehen. Dass die überwältigende Mehrheit aller fehlerhaften Asylbescheide zu Ungunsten der Antragsteller ergehen, war den Medien und erst recht den sich echauffierenden Politikern meist nicht einmal eine Fußnote wert. Wie es in den Mühlen der Asylbürokratie tatsächlich aussieht, hat sich die argentinische Regisseurin Lola Arias genauer angeschaut. Sie hat sich einen realen Fall, den des Syrers Raeed Al Kour, herausgesucht und rollt ihn mit den syrischen Schauspielern des Open Border Ensemble akribisch auf. Man könnte fast sagen: mit bürokratischer Genauigkeit.

Bild: Thomas Aurin

Im Mittelpunkt eine Amtsstube: nüchtern, ein wenig verlebt, das kalte Herz so vieler deutscher Behörden (Bühne: Dominic Huber). Hier finden Re-Enactments statt: Buchstabe für Buchstabe wiederholt Al Kour selbst seine Anhörungen mit der Entscheiderin des BAMF (Michaela Steiger). Über ihnen erscheinen auf einer Videowand die echten Gesprächsprotokolle. Es ist eine Lektion in der entmenschlichenden Macht bürokratischer Gründlichkeit. Mit einem gehörigen Maß berufsmäßigen Misstrauens und einer Prise Herablassung lauscht Steiger, oft in Großaufnahme gedoppelt, den Einlassungen Al Kours, übersetzt vom Dolmetscher (Hassan Akkouch), der wenn es nötig erscheint, die Antworten des Delinquenten, pardon, des Asylsuchenden auch schon mal abkürzt. Mit größtmöglicher Sachlichkeit führt Arias vor, wie aus einem Leben eine Geschichte wird, aus einer Geschichte ein Protokoll, und aus einer traumatischen Erfahrung eine nüchterne Bewertung. Ein Leben reduziert auf ein Wort: „neutral“, Das notiert die Entscheiderin, als Al Kour ihr von seiner Heimatstadt Daraa erzählt, dem Ort, wo die Rebellion gegen Assad begann, von den Demonstrationen, an denen er teilnahm, vom Scharfschützen der auf ihn schoss. Neutral sei er eingestellt gewesen, notiert die Dame vom Amt. Ein Wort, ein Urteil, wie Al Kour sachlich anmerkt.

Überhaupt besticht der Abend durch seine Unaufgeregtheit, irritiert zuweilen durch seine Kühle. Er entlarvt das deutsche Asylverfahren als Erzählwettstreit, in dem der Hilfesuchende stets nur einen Schritt davon entfernt ist, vom System ausgespuckt zu werden. Der Anhörungsprozess, das gesamte Verfahren interpretiert Arias als Theater. Der Bürokasten in der Mitte ist klar als Bühnenkonstriukt erkennbar. Wer ihn verlässt, verlässt eine Kulisse, wer in ihn eintritt – oder auch den zweiten Raum oberhalb, betritt klar sichtbar eine Theaterbühne. Hier ist alles Spiel: Das Posieren der Macht der Entscheiderin, das Aufbereiten der Lebensgeschichte als Erzählung, die den Rezipienten überzeugen soll. Einmal erscheint oben, im Aufenthaltsraum eines Heims, eine Helferin (ebenfalls Steiger), die den Asylbewerbern ein Coaching anbietet, die die Anhörung mit ihnen zu proben verspricht. Ein Kampf um Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung, Zukunft und Vergangenheit als theatrale Probensituation. Und mittendrin der nicht gecoachte, nicht vorbereitete Al Kour, der einfach nur sein Leben erzählt. Und schon deshalb keine Chance hat.

Wiederholt dreht er leicht den Kopf, spricht das Publikum an, kommentiert, was hängen bleibt, im Versuch, um sein Leben zu betteln. Und zugleich versucht der Abend, seine Geschichte so zu erzählen, wie das BAMF, die deutsche Bürokratie, das kollektive wegschauende „Wir“ sie hören wollen. Da sind Bilder zerbombter Häuser, Aufnahmen der Demonstrationen, Begräbnisse, hinter der semitransparenten Projektionswand re-enactet vom syrischen Ensemble, das auch die eine oder andere humorvolle Brechung einfügt. So sehen wir Szenen – ebenfalls wieder neu aufgeführt, aus einem Propagandafilm Assads, an dem einer der Darsteller beteiligt war, sehen allerlei schlechte Ratschläge auf den verwirrten Asylsuchenden einprasseln. Metaebene und Unterhaltung, Vorführung des Asylgesuchs als performativen Akt und dessen ironische Brechung: Lola Arias nimmt des Ausgangspunkt des Re-Enactment, wie man es etwa von Milo Rau kennt, lädt es dokumentarisch auf – immer wieder gibt es Erfahrungsberichte, der syrischen Schauspieler (Jamal Chkair, Kinan Hmeidan, Kamel Najma) etwa oder einmal des auf die prekäre Lage afghanischer Geflüchteter hinweisenden Bühnentechnikers (Sajad Hosayni) und Kroesinger-hafte Momente des Dozierens von Fach- und Wikipediawissen – und überlagert es mit der Theatersituation, die zweierlei Aufgabe hat: Sie macht das Unsichtbare sichtbar, das Ungehörte hörbar, übersetzt das bürokratische Dokument in eine repräsentation gelebten Lebens. Und gleichzeitig betont die Theatralität, die Künstlichkeit, die auf den Effekt ausgerichtete Natur des dargestellten Prozesses.

Manchmal ein bisschen zu gut: Wiederholt ertappt sich der Zuschauer dabei , gebannt der Geschichte zu folgen, mit ihren effektvollen spielerischen Verkörperlichungen, den visuellen und narrativen Überlagerungen, der virtuosen Beherrschung erzählerischer Mittel. Je mehr der Abend die Mechaniken der zielführenden Narration ausprobiert, desto weniger werden sie als solche sichtbar, desto schwächer wird der Eindruck der Gemachtheit dieser Geschichtenproduktion. Zumal alles an Al Kours Erzählung glaubhaft ist, der Abend sich klar auf seine Seite schlägt und damit der systemische Zwang zur Manipulation, zum Ausmalen und Weglassen, zur auf die Wirkung bedachten Adaption der Geschichte in eine passende Fiktion von Beginn an ein wenig im Hintergrund bleibt.

Die unspektakuläre Nüchternheit des Abends, die seine größte Stärke ist, gerät auch zu seinem einzigen Fehler. Der nicht schwer wiegt. Denn was bleibt, ist die zynische Effizienz einer gewollt unpersönlichen Bürokratie, die das Individuum auf Beweisbares reduziert und es sich so einfacher macht, es um sein Leben zu bringen. Die entsetzlich ist, weil sie es nicht ist. weil sie Regeln befolgt, streng, sachlich, ohne Emotion. Die tötet, weil sie kalt ist, jedes Lebens beraubt. Vierstellig ist am Ende die eingeblendete Zahl der  tage, die das Verfahren bereits dauert. Raeed Al Kour steht vor dem Entscheidertheater, außen vor, neben seinem Leben und erzählt, ernsthaft, ruhig, resigniert vom Warten. Ohne die Wut, die ihn sicher erfüllt, und die doch alles, das hat er längst gelernt, viel schlimmer machen würde. Steht in einer Realität, in der sein Wunsch, weiter zu studieren platzt, weil das System eine solche Situation und die Notwendigkeit, hierfür den Wohnort zu wechseln nicht vorsieht. „Dann geht es halt nicht“, sagt die Mitarbeiterin des Landratsamt (erneut Steiger), lapidar. So einfach ist das. So wirkungsvoll. So entsetzlich.

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