Ruhe in Schoki

Benny Claessens: The Last Goodbye / Vibrant Matter, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Benny Claessens)

Von Sascha Krieger

„Der Stillstand ist eine Synkope, an der das Private das Gesellschaftliche berührt. In seiner Leere und Bedeutungslosigkeit schwebt die Erwartung an etwas Neues, Größeres, das dieses Vakuum füllen könnte. Er lenkt unseren Blick auf das Kommende.“ Schön klingt er, dieser Text aus der Stückankündigung, der auch den Abendzettel von Benny Claessens neuer, fast dreieinhalbstündiger Performance am Berliner HAU ziert. Tiefgründig, philosophisch, zu unendlichen kreativen Reflexionen über das Ende und den Anfang inspirierend. Und es geht durchaus vielversprechend los. Freundlich ins Publikum winkend treten die fünf Performer*innen aus dem Bühnenhintergrund hervor, hauchen scheue „Hi“s und „Hello“s gen Zuschauerraum und gehen ab. Dann kommen Shiori Tada und Rob Fordeyn zurück, setzen sich ins Dämmerlicht – der Abend wird im Niemandsland von Sonnenauf- und -untergang verharren – einander halb zu-, halb abgewandt. Immer wieder begegnen sich die Blicke, für einen Moment nur, streicht Tada Fordeyn sanft übers Gesicht, nickt sie ihm kaum merklich zu. Eine stille Sinfonie des Annäherns und Zurückweichens, des Begrüßens und Abschiednehmens, des Wartens, auf etwas, was da kommen möge. Ein intimer, intensiver, berührender Beginn. Eine Verheißung, die der Abend nie einlöst.

Bild: Sascha Krieger

Über den restlichen drei Stunden könnte als Motto der Titel der großen Knef stehen: „Von nun an ging’s bergab“. Und zwar mit einem Gefälle, das man selbst den gedoptesten Tour-de-France-Fahrern nicht zumuten würde. Nach einer gefühlt halbstündigen Solo-Winkeperformance ergeht sich das fünfköpfige Ensemble in einer nicht enden wollenden Serie fragmentierter und eingefrorener Posen, immer schön vereinzelt und in Endloswiederholung. Ein paar hübsche Lichteffekte, die zum Beispiel einmal die Performer*innen scheinbar im niedrigen Bühnenhimmel verschwinden lassen, täuschen auch nicht darüber hinweg, dass das Stillstandsthema schnell zur Publikumsfolter ausartet, zur Totalverweigerung nach dem Motto „Hier gibt’s nichts zu sehen“, bei der jede Originalität als Verrat gewertet würde. Also wählt man zur musikalischen Untermalung The Smiths und später Terry Riley „In C“, jener Minimalismus-Super-Hit, den man als Künstler gern ausgräbt, wenn man intellektuell erscheinen aber nicht lang googlen will. Irgendwann erhebt sich eine Planen-Rückwand, darauf Grabsteine und das Wort „RELAX“. Ein Wink an das längst bis zur Erschöpfung gegen die Selbstaufgabe kämpfende Publikum. Und ein wichtiger Hinweis: Lasst euch nicht von der zarten Lyrik, der berührenden Intimitität und der subtilen Offenheit des Beginns foppen! Hier ist alles Ironie!

Nur ist das mit der Ironie eben so eine Sache: Sie ist ein äußerst gefräßiges Wesen – wenn man nicht aufpasst hat, hat sie schnell alles, was ihr in den Weg kommt, verschlungen. Und so gelingt es Claessens und Co., das geschundene – und am vom Rezensenten besuchten zweiten Abend schon zu Beginn sehr übersichtliche – Publikum in der zweiten Hälfte die erste beinahe herbeizusehen. Es beginnt mit einer fünfminütigen „Gastperformance“ – heißt, sie wurde nicht für diese Arbeit entwickelt – von Parisa Madani alias „Psoriasis“ – namens „Trans*people killed since April 2017“, eine kleine, intensive Miniatur, in der sich Madani symbolisch erschießen lässt und mit ihrem Körper gegen sie Namensliste der ermordeten Trans-Menschen aufbegehrt. Ein kleiner politischer Moment, der den Abend in der Folge nicht weiter interessiert. Ein Feigenblatt, mehr nicht. Stattdessen geht das ironische Spiel des „Wir machen hier irgendwas, aber wagt es ja nicht, darin einen Sinn zu suchen“ munter weiter, eine Nummernrevue der gewollten Publikumsverarschung.

Jetzt geht es um den Tod: Grabsteine aus Schokolade, gipfelnd in einem Kakao-Obelisken, der das Grab Henrik Ibsens darstellen soll, werden auf die Bühne gehievt, Hexen verbrannt, es gibt eine Teufelsaustreibung mit Papa-Kamplex und blutverschmiertem Urinal, es wird sich ausgezogen und viel gezappelt. Melanie Jame Wolf gibt eine Hexe, die sich in einen Baum (Stillstand!) verwandelt, begleitet von gewollt albern amateurigem Dauergeplapper, das ohne Unterlass auf seine eigene ironische Brechung hinweist, bis sich selbige genervt abwendet. Elemente der ersten Hälfte werden zitiert, Nebel wabert, der Tag bricht nie an. Der Stillstand wird gefeiert, das Neue interessiert nicht, seine Möglichkeit würde auch mit dem Diktum „Alles ist Ironie“ schwer zusammenpassen. Ein Schwenwerfer kracht herunter. Ja, selbst das Theater ist genervt ob des Nichts-Passierens und der Abend berauscht sich daran, dem Zuschauer immer weiter auf die Nerven zu gehen. Die nächste Schleife einer Ironie, die sich genüsslich selbst auffrisst und den Zuschauer am Ende nicht, aber auch gar nichts übrig lässt, als weit über drei Stunden verlorener Lebenszeit. Zumal der penetrante Kakaoduft auch noch ein latentes Hungergefühl hinterlässt. Kann es sein, dass Benny Claessens, der begnadete Vollkontakt-Schauspieler, sein Publikum nicht mag? Ach was, ist doch alles nur Ironie.

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Ein Gedanke zu „Ruhe in Schoki

  1. Benny sagt:

    U ll get it eventually

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