Theater als Niemandsland

Thomas Bernhard: Der Theatermacher, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges Mondtag)

Von Sascha Krieger

Feuerlöscher sind reichlich, überreichlich vorhanden, Feueralarmschalter ebenso. Dabei stellt sich die Frage, was hier brennen sollte, in dieser Halle aus Sichtbeton, leer, bestenfalls funktional, alles, nur nicht einladend. Hier, in einer Lagerhalle, die offenbar niemand braucht (Bühne: Daniel Roskamp), soll er Theater spielen, der große Staatsschauspieler Bruscon, entsorgt wie auf dem Sperrmüll, das Theater als unnötiges Anhängsel, das nur dann und dort noch Platz findet, wenn und wo es nicht im Wege steht. Da überrascht es nicht, dass Bruscon schnell die Hutschnur platzt. Andreas Beck spielt den tyrannischen Choleriker zunächst als kontrollierten Effektversteher, der genau weiß, wann es sinnvoll ist, zu brüllen und wann, das gegenüber zu umschmeicheln. Einer, der den spielt, der er ist. Hohe Kunst. Regisseur Kay Voges lässt Bernhards Stück, das auf einem eigenen Erlebnis mit einer Peymann-Inszenierung (nachzulesen auf dem Programmzettel) fußt, zunächst vom Blatt spielen, als im Realismus grundierte Boulevardkomödie. Und baut schon hier kleine Verzerrungen ein. Uwe Rohrbeck etwa ist ein übertrieben serviler, großäugig schmachtender Wirt, dessen ausgestellte Unterwürfigkeit sich erst später auflöst, die vom Protagonisten als „Antitalente“ gebrandmarkte Familie sind lächerliche Karikaturen, treudoof dreinschauende Comedy-Versatzstücke.

Bild: Sascha Krieger

Hier ist von Beginn alles Theater und alles am Kippen. Wie bei Bernhard. Denn dort ist dieser Bruscon schon keine einfache Figur. Ja, ein Narzisst, ein Tyrann, ein Größenwahnsinniger, ein Ego-Monster. aber auch ein zunehmend verzweifelter Streiter für die Kunst, für das Theater, für dessen transformative Kraft. Man mag darin die großen Theater-Alfa-Tiere der jüngeren Vergangenheit wiederfinden, die Zadeks und Steins und Peymanns und Castorfs, jene in der #MeToo-Ära vermeintlich aus der Zeit gefallenen Tyrannen, aber eben auch Theaterkunstverabsolutierer. Das Verhältnis von autoritärem Genie und Theaterkunst ist noch nicht geklärt, nicht bei Bernhard und auch nicht bei Voges. Er gibt diesen Bruscon nicht preis, stellt hin nicht aus. Entlarvt ihn in seiner gockelhaften Hybris, aber er denunziert, verwirft ihn nicht. Weil er Theater ist, nicht macht, wie es bei Bernhard heißt. Was auch für Kay Voges gilt. Er nimmt den in der Provinz festsitzenden Großschauspieler, den aus der Zeit gefallenen ernst, der in seiner Betonhalle am Blutwursttag sitzt wie einst Vladimir und Estragon unter dem ersterbenden Baum im Niemandsland.

Denn auch das Theater ist ein Niemandsland, sich immer wieder abarbeiten müssend an der Gefahr der eigenen Obsoletwerdung, an der fragilen Position gegenüber einer Wirklichkeit, die es oft kaum noch wahrnimmt. Und so bekommt der hehre Boulevard, den Voges in den ersten 45 Minuten abspult, schon bald eine bittere, verzweifelte Note, fragt er sich mit Bruscon: was tue ich hier? Warum? Für wen? Das Theater, seine Macher, seine in ihm verstrickten kann nicht anders als es immer wieder zu versuchen, ein Publikum zu erreichen, mit der Welt zu sprechen und von ihm zu erzählen und am Ende mit sich selbst in Dialog zu treten. Also geht der Vorhang, gerade geschlossen, sogleich wieder auf. Nochmal hebt Bruscons Klage über die ewige Provinz, in der sein Theater, das Theater gelandet sei an. Nun in angezogenem Tempo und mit so mancher Verschiebung. Aus dem Rant über die Proletarier wird einer über die Feuerwehr, aus Hitler Stalin, aus „den Frauen“ „die Jugend“. Der Realismus weicht einer Farce, die endgültig übernimmt, als Becks Bruscon seine Macht verliert. Jetzt ist der geduldig wartende Rohbeck dran, streift den Brusconschen Anzug über, gibt ihn herrlich camp als snobistischen Geck, der mit dem humoristischen Florett zu verletzen weiß und sich Becks Widerspenstigkeit erwehrt, bevor die an den Rand gedrängte Frau (Janine Kreß) ihren Platz einfordert.

Das wohlgefügte Theatersystem gerät aus den Fugen, bricht zusammen, kollabiert – und gebiert sich aus der eigenen Asche neu. plötzlich ist der bisherige Sohn (Christian Freund) der Star, endlich befreit von den sich von Version zu Version vermehrenden Gipsen und haut eine eindrucksvolle Musical-Version auf die Bretter. Ex-Tochter Xenia Snagowski bläst später alle Reste bürgerlichen Wohlfühltheaters mit einer hochaggressiven Techno-Punk-Nummer hinweg, bevor die Stimmung noch einmal kippt: in eine Thrillerparodie, die zur Horrorvision wird. Nazis tanzen in SS-Uniform und Tutu Ballett, Hakenkreuze und Hassbegriffe überziehen die Wände, der Firnis der Zivilisation erweist sich als aberwitzig dünn, wenn der „gesunde Volkszorn“ übernimmt. Der Theatertyrann wird zum Opfer und versucht sich und den zivilisatorischen Charakter seiner Kunst am Ende behaupten, während er und sie sich von mehreren Seiten angegriffen sehen. Von der wirklichen Tyrannei, die nur Verachtung hat für eine Kunst, die kein Machtinstrument sein will und einer Traditionszertrümmerung, die zerstört und droht nichts übrigzulassen aber auch neue Angebote macht, neue Ästhetiken, neue Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit bietet.

Der destruktiven steht die konstruktive Gefahr entgegen, dem Hakenkreuz das Volksbühnen-Räuberrad, wenn auch noch mit der Gefahr überwuchert, ersteres zu werden. Das Theater als Endlosschleife der Vergeblichkeit – neunmal, durchgezählt mit einer Art Fahrstuhlanzeige, setzt das Bernhard-Stück an – läuft sich tot und trägt in sich doch die Chance zur Erneuerung. Die Ambivalent ist: Der Zerstörungsfuror eines Frank Castorf etwa erscheint hier als letzte Chance und längst zu Überwindendes. Das Theater bleibt am Abgrund, es schafft sich hier am Ende im Feueralarm selbst ab. Und hat doch, wie ein ehemaliger Bayern-Trainer sagen würde, noch lange nicht fertig. Dieser Abend ist ein Theaterwunder, ein selbstzerstörerischer Spaß, ein verzweifeltes Anrennen gegen das eigene Verschwunden und ein rotzig trotzigen Dagegen-Anspielen. Es macht sein eigenes Theater, ohne „Genies“, Tyrannen, Zertrümmerer – und braucht sie doch alle. Als Antreiber oder ans Feindbilder, als Mitstreiter oder als zu Überwindende. Der Vorhang geht zu, alle Fragen bleiben, wie eins bei Brecht offen. Das Niemandsland bleibt und es bleibt lebendig.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: