Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Den Widerstreit zwischen Idee und Wirklichkeit verhandelt der Abend auch in der Folge. Zwei Gesichter habe sie, wird Europa später sagen: das Vordere sei die Idee, das Hintere die Realität. Aus diesem Widerspruch schöpfen Stück und Inszenierung so machen Reibungsmoment, vor allem aber eine durchgängig hohe und mitunter anarchische Energie. Denn die Realität will mit der Idee nicht so recht zusammenpassen. Der König, den Valentin Postlmayr mit die Muskelpartien herausarbeitender Körperbemalung herrlich infantil und testosteronstrotzend auf die Bretter knallt, postuliert die Deckungsgleichheit von Macht und Recht und führt sogleich die Europa-Vision ad absurdum. Das kann selbige nicht so leicht hinnehmen und ruft selbigen König zur Ordnung und ihre Kinderlein zusammen zum „Karneval der Wirklichkeit“. Doch schnell kippt auch das bunte Treiben, über dem die längst zu Reichtum gekommene im opulenten Ballkleid residiert. Denn die Prototypen sind alles andere als pittoreske Ausmalung einer idealtypischen Gesellschaft: Die tumben Bauern entdecken bald die eigene Unterdrückung, der Pfarrer (hier eine Pfarrerin) schwadroniert von Gemeinschaft und Ordnung und meint Unterordnung und Abschottung, die verbrannte Hexe erinnert die Festgemeinschaft an den Unterboden aus Gewalt und Hass, auf dem dieses Europa fußt.

Da kann die Namensgeberin noch so sehr den Rock lüften und all die nährenden Brüste die Kleid und Körper übersäen, als Heimat für alle anpreisen, auch sie sieht bald ein, dass hier nicht Platz für alle sein können. Der Saum, der alle beherbergen sollte, bleibt jenen vorbehalten, die sich Europa herauspickt. Willkommen im Jahr 2018. Da wird der einstige Tempel zur Festung, die in ihm immer schon angelegt war. Europa erhält eine Augenbinde und die Kinderlein suchen allein gelassen nach der Wahrheit inmitten unzähliger falscher Angebote einer solchen. Erst ganz am Ende ein wenig Hoffnung. Die neuen Kinder Europas, depressive Zombies, treffen auf die längst ermüdete Ideengeberin, die bereit ist, dem elend ein Ende zu machen. Doch die kaum mehr als Geisterhalften bedrängen sie, wach zu bleiben. So fehlerbelastet die realität, so unverzichtbar scheint die Idee, so wertvoll die Utopie. „Wir erfinden dich neu“, sagen sie und rezitieren Britney Spears: „I must confess I still believe“. Dann wird es dunkel.

Miroslava Svolikovas Stück ist eine wortmächtige Flut von Assoziationen und Wortspielen, die zuweilen etwas unangenehm an Elfriede Jelinek erinnert, auch weil ihr Kalauerniveau nicht immer mit dem der Literaturnobelpreisträgerin mithält. Gleichzeitig gelingen ihr jedoch scharfe satirische Beobachtungen, die sie in einem salbungsvollen Ton serviert, für den sie so ungehemmt sich bei der antiken Tragödie bedient wie ein Schlussverkauf-Publikum bei der Ladenöffnung. Dabei schießt sie auch mal übers assoziative Ziel hinaus und unternimmt abstrahierend verwirrende Exkurse über das Leben als solche, die in ihrer gewollten Sperrigkeit wie ein Baiser aus Wortmeldungen eines Philosophie-Grundkurses zusammenfallen und über deren Streichung künftige Regisseure zumindest nachdenken sollten. Dabei muss fairerweise auch gesagt werden, dass bei aller Sprachwucht und Virtuosität die Diagnose, die Svolikova zu Europa erstellt, alles andere als originell und auch nicht besonders komplex ist. Die Heuchelei einer europäischen Idee, die Machtinstrument ist und glaubt sich abschotten zu dürfen, die auf Gewalt gebaut ist und ihr noch immer nicht vollständig abgeschworen hat, ist nicht unbekannt und schnell auserzählt. Viel vermag die Autorin ihr auch nicht hinzufügen.

Regisseuren bietet der Text in seinen „Tableaux“ jedoch reichlich Konfrontations- und Distanzierungsoptionen, die Mayr genüsslich ausnutzt. Er gibt dem Satireaffen ordentlich Farcen-Zucker, dreht die Ideenfiguren und Figurenideen durch den Slapstickfleischwolf und zelebriert die grellbunte Untergangsvision als fröhlich morbides Leichenfest, das sich am Wahnwitz der Hybris berauscht, die wir so gern die „europäische Idee“ nennen. Und das sie noch wahnwitziger feiert. Wenn etwa ein leibhaftiges Regenbogen-Zottelmoster auftaucht, dann ist das Utopie und Ernüchterung zugleich: Es propagiert, jeden an seine Goldtöpfe zu lassen, sagt aber auch: Mehr als sechs Farben sind nicht drin“. Setze man ihn zu stark unter Drück, würde er schnell braun. Mayr nimmt die Tableaux-Idee des Textes wörtlich und gruppiert die Spieler*innen und ihre europäischen Abziehbilder immer wieder zu grotesk idealisierten Gruppen, die beim ersten Realitätsanwurf in sich zusammenfallen. So entsteht ein vielfach verschachteltes Bild eines zwischen Selbstbild und Wirklichkeit sich zerreibenden Europas, mit dem die mangelnde Komplexität der Textvorlage zwar nicht Schritt hält, das aber in seiner überbordenden Metaphernverliebtheit etwas von der lustvollen Hybris spiegelt, die das Konstrukt Europa überhaupt erst entstehen ließ und von der „wir“ vielleicht hin und wieder eine Dosis bräuchten. Vielleicht gibt es demnächst ja irgendwo einen Schlussverkauf?

 

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