Der Kreis schließt sich

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Konzertprogramm als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende stellt er sich noch einmal. Das Orchester hat die Bühne verlassen, einige stehen noch an den Ausgängen herum, um ihren „Chef“ nicht ganz allein zu lassen. Das Publikum ist auf den Füßen, ein letztes Mal. Der weißhaarige Lockenkopf greift zum Mikrofon, bedankt sich bei „meinem Berliner Publikum“ und geht. Das letzte Konzertprogramm als Chefdirigent in dem Haus, das 16 Jahre lang „seines“ war, ist dirigiert. Jetzt folgt noch das Waldbühnenkonzert samt öffentlicher Generalprobe am Vortag, dann ist es vorbei, der Marathon zum Abschluss samt letzter Tournee – fast schien es, als wollte er nicht loslassen – geschafft. Andere sollen Bilanz ziehen, was von der Ära Rattle – immerhin die viertlängste der Orchestergeschichte – bleiben wird. Der geschätzte Kollege Frederik Hanssen etwa hat das in einem lesenswerten Essay, abgedruckt in den letzten zwei Programmheften, getan. Rattle selbst lässt noch einmal die Musik sprechen.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

Fast 31 Jahre ist es her, da gab der damals 32-jährige Engländer sein Debüt vor diesem Orchester, das noch ganz das des Herbert von Karajan war und bewies Mut. Gustav Mahlers sechste Symphonie, die düsterste, sperrigste, Musiker*innen wie Zuhörer*innen am stärksten angreifende der Mahler-Symphonien, eine, die einen Orchesterapparat erfordert, der seinesgleichen sucht, hatte er sich ausgewählt. Auf dem Stuhl des Konzertmeisters saß damals Daniel Stabrawa. Längst sind beide deutlich grauer, doch diesen Abschied gestalten sie noch einmal gemeinsam. Mit Mahlers Sechster. Ein Kreis schließt sich. Rattle Mahler Interpretation spalten seit Publikum und Kritik. Das wird auch bei dieser nicht viel anders sein. Doch eines ist dem heute 63-Jährigen selten abzusprechen gewesen: eine unbändige und mit jeder neuen Interpretation – auch die sechste dirigierte er seit damals mehrfach – neu erwachende Neugier. Vielleicht ist es dem nahen Abschied geschuldet, dem Wunsch, „seine“ Philharmonie mit einem Lächeln zu verlassen, dass ihm eine erstaunlich altersmilde sechste Symphonie gelingt. So sanft, so optimistisch gar ist dieses Werk nur selten zu hören.

Und das tut ihm durchaus gut, öffnet sich doch das Ohr so besser den Details, den subtilen Gestaltungsmitteln, die Mahler in seinem Riesenwerk überall verstreut hat. Gepaart mit der typisch Rattleschen Durchsichtigkeit entspinnt sich so ein reiches Mosaik unzähliger Farben und Nuancen, bei dem nicht jeder Stein sitzt, das große Ganze aber immer wieder einlädt, genau hinzuhören, sich diesem Detail zu widmen oder jenem. Im Kopfsatz etwa reduziert Rattle in wenig die Härten, vermeidet die Extreme in Rhythmik, Dynamik, Tempi. Und doch vermeidet er den Eindruck eines unentschiedenen Breis. Im Gegenteil: Jede Nuance ist, zumindest nach einer stark streicherlastigen Einleitung, klar hörbar, jeder Rhythmus- und Ausdruckswechsel deutlich, aber eben nicht überdeutlich markiert. Der Marschrhythmus, erschreckt nicht, verleugnet seinen Hang zur Gewalt aber auch nicht, der Bläserchoral überwältigt nicht, sondern berührt durch seine schlichte Sachlichkeit. Weniger ist mehr, mag sich der Maestro denken, und liegt nicht ganz falsch. Vor allem weil er tief blicken lässt, den Blick weg von der – weiterhin präsenten – Oberfläche lenkt auf den darunter liegenden Farbenreichtum. So schenkt er dieser Musik eine Lebendigkeit – die Herdenlockenepisode etwa ist von einer entrückten Zartheit, dass auch dem abgehärtetsten Zuhörer leicht die Tränen kommen können – die sich nicht immer hat. Höhen und Tiefen bekämpfen einander nicht, sondern suchen die Balance, aber keinen Kompromiss.

Besonders auffällig ist der Schwenk ins Licht im Andante. Seinen Grenzgang zwischen Dur und Moll übersetzt der Dirigent in ein Schweben, fragil, jedoch danach trachtend, die Balance zu halten. Immer wieder stellt Rattle klangliche Schichten (etwa hohe und tiefe Streicher, später Streicher und Holzbläser) auf eine Ebene, er sucht das Gleichgewicht und weiß doch, dass es nur in Momenten existieren kann. Klangliche Dialoge prägen die Suchbewegung des Satzes, in dem der Fokus wiederholt auf die lyrischen Gesangspassagen vor allem der Holzbläser wandert. Wie sich Streicher und Holz zusammenfinden zu einem gemeinsam glühenden Sonnenaufgang, wie ein organisches Aufwallen pulsierende Unruhe bringt, bevor fließende Streicher schnörkellos intensivst berühren, ist meisterhaft. Die düstere Untergangsvision, die Dirigenten so oft in diesem Werk finden, Rattle ersetzt sie durch ein Lebensbild, das Hell und Dunkel kennt und, wo immer es möglich ist, der Hoffnung folgt. Und Überraschung: Das Werk geht diesen Weg mit.

Auch im Scherzo, in dem die musikalische Landschaft sich zerklüftet, ohne ihren Zusammenhalt zu verlieren. Rattle lenkt den Blick aufs einzelne und fragmentiert doch nicht. Dunkel der Grundton, scharf die Rhythmik, doch das Farbenspektrum bleibt reichhaltig, die zunehmende Schärfe löscht das Licht nicht. Im Finale greift die fragile Balance dann auf andere Sphären über: das Spiel von Nähe und Distanz etwa, oder den Widerstreit zwischen Einzelnem und Ganzen. Klangfetzen stehen im Raum, die Unruhe nimmt zu. Spürbar hat der Dirigent jetzt größere Schwierigkeiten mit der schieren Größe des ca. halbstündigen Satzes, kommt im wiederholt der Zusammenhalt abhanden, fragmentiert sich das musikalische Material jetzt doch zusehends. Aber gerade die Episoden und der Blick auf Details retten seine Lesart immer wieder: die fröstelnd fahle zweite Kuhglockenpassege, das unruhige Brodeln unter den Oberflächen, die graduelle Verschiebung des Klangspektrums an seine Ränder. Rattler öffnet den Raum und reißt Brüche auf. Die Fülle der Klangfarben kippt ins Unstete, Unischere und bleibt doch standhaft.

Das Uneindeutige nimmt zu, statt das gesamte Geschehen ins Düstere zu drücken. Immer zerklüfteter die Landschaft, immer trotziger das Beharren der Lebensfülle. Der berühmte Hammerschlag fällt hier kein Urteil, er muss sich dem Widerspruch stellen.Unfassbar behutsam, zart, innig die finale Wendung ins Moll, so sacht, dass das Licht fast heller zu strahlen scheint als zuvor. Wenn die Bassinstrumente übernehmen, ist ihr Gesang so innig, so intim, dass es in Mark und Bein fährt. Da bleibt der letzte Ausbruch Fremdkörper, die Gewalt weit weg. Altersweise ist Sir Simon Rattle vielleicht geworden, milder auch, doch seine Neugier, sein Willen, das Leben in all seiner Fülle und all seinen Widersprüchen in der und durch die Musik zu feiern, ist ungebrochen. Diese lichte, hoffnungsvolle Sechste zeugt davon. Man mag mit dieser Lesart einverstanden sein oder nicht, sich ihr ganz zu entziehen scheint diesem Rezensenten zumindest nicht möglich zu sein.

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Ein Gedanke zu „Der Kreis schließt sich

  1. […] Kritiken: Schlatz arbeitet akribisch die spezifischen Rattle-Stärken heraus. Krieger hat interessanterweise eine lichte, hoffnungsvolle Sechste gehört. Außerdem Tagesspiegel, […]

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