Musik der Gegenwart – Gegenwart der Musik

Sir Simon Rattle, Krystian Zimerman und die Berliner Philharmoniker mit einem Reigen zeitgenössischer Musik

Von Sascha Krieger

Wenn im Programmheft eines „normalen“ Symphoniekonzerts neben dem üblichen Text zur Musik des Abends ein Essay zu Bilanz einer Chefdirigenten-Dienstzeit abgedruckt ist, dann weiß der geneigte Konzertbesucher: das ende ist nah. Die Ära Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern befindet sich nicht mehr nur auf der Zielgeraden, der finale Zielsprint hat längst begonnen. Allerorten wird Bilanz gezogen und so gibt es nach dem letzten Konzert von Rattles vorletztem Programm noch eine besondere seiner „Late Nights“, ein Dankeschön vieler Mitstreiter*innen. Und auch seine Programme zum Abschied haben Bilanzcharakter: Zuletzt verschränkte er Kernrepertoire (Bruckner, Brahms) mit Musik des 20. Jahrhunderts und Uraufführungen – Miniaturversionen seines Schwerpunkts als Chefdirigent. Und für alle, für die sein Fokus auf zeitgenössischer Musik vielleicht immer noch nicht klar genug war, widmet er ihr jetzt noch einen eigenen Abend, der sich klar auf die noch nicht überall kanonisierte Phase ab der Hälfte des letzten Jahrhunderts konzentrierte – das älteste Werk stammt von 1949. Und noch etwas Rattle-Typisches betont der Abend: Der längst zum Ritter geschlagene hatte nie Scheu vor der „Massenkultur“, dem Populären.

Die Berliner Philharmoniker und sir Simon Rattle in der Philharmonie (Bild: Stephan Rabold)

Im Mittelpunkt steht denn auch ein Komponist und Dirigent, der diese Offenheit mit dem Briten teilte: Leonard Bernstein, auch er ein Wandler zwischen Welten, zwischen Beethoven und Broadway, Mahler und Jazz. Er wäre im August 100 Jahre alt geworden, weswegen im Zimerman eine seiner augenzwinkernden Zugaben widmet, die von Beethoven geradewegs in ein „Happy Birthday“ führt. Zuvor steht Bernsteins zweite Symphonie auf dem Programm. Viel zu selten gespielt wird sie, vielleicht auch, weil sie einen besonderen Solisten braucht. Krystian Zimerman, der so charmante wie spröde Ausnahmepianist, dem Orchester schon seit Karajan-Zeiten eng verbunden, hat die Ehre letzter Solist der Rattle-Zeit in der Philharmonie zu sein. Und er beweist, warum Bernstein selbst dieses Werk am liebsten mit dem Polen aufführte. Dabei gehört die Bühne zunächst zwei anderen: Andreas Ottensamer und Werner Seyfarth, die das einleitende Klarinettenduo so brührend, so zerbrechlich, so vergänglich in den riesigen Raum hauchen, dass die Tränendrüsen des Zuhörers schon zu Beginn gereizt werden. Behutsam erfolgt die folgende Klangraumerweiterung, lichtdurchflutet, durchsichtig und zugleich von erstaunlicher Körperlichkeit. Zimerman sinnt jedem Ton nach, pflückt die Musik wie aus der Erinnerung heraus und begleitet sie in die Verlorenheit des Traumes. Er lauscht ihr hinterher, hält inne, um zu fragen, ob sie denn noch da sei.

Das Werk beruht auf W. H. Audens Poem „The Age of Anxiety“, eine philosophische Reflextion über die existenzielle Verlorenheit des Menschen. Es führt hinein ins Unterbewusste, gräbt die Dämonen des Menschlichen aus und endet im Fragezeichen. Rattle, Zimerman und die Philharmoniker begleiten Bernstein auf der musikalischen Nachverfolgung dieser gedanklichen Reise. Sehr deutlich etwa arbeiten sie die auf musikalische Vorgänger Bezug nehmenden ersten sieben Variationen heraus, vor allem der Strawinsky-hafte Teil entbehrt nicht an Deutlichkeit. Zimerman führt das Orchester auf eine Suchbewegung, die sich meist scheu tastend entlang bewegt, geisterhaft schwebt, aber auch rhythmisiertes Singen beherrscht. Ganz wunderbar das Zusammenspiel mit dem zweiten Klavier auf der Orgelempore: Da perlt Zimermans Klavier verloren, während sein hektischeres Echo einen Gegenpol bildet, zwischen denen sich der Abgrund des Nichts auftut, in den beiden jeder zeit fallen könnten. Ähnlich der wiederholte Dialog zwischen tropfenden Lebensfragmenten des Soloinstruments und zart-brühigen Orchesterflächen. Das Jazz-Scherzi (mit Paukisten am Bühnenrand) kommt perkussiv geschärft daher, hebt aber das Zwielicht des vorausgegangenen streckenweise stark zerklüfteten und schneidend scharfen Klagegesangs, über dem sich der zitternde Klavierpart kaum hervortastet, nie auf. So bleibt auch der apotheotische Schluss, bei dem Bernstein von Auden abweicht vom Schrecken nicht verschont, die affirmativen Glocken Künderinnen des Untergangs.

Nach der Pause dann erlebt das samstägliche Publikum, zu dem auch die Bundeskanzlerin – willkommene Ablenkung von der sich zuspitzenden Regierungskrise – sowie der Regierende Bürgermeister und beider Regierungen oberste Kulturpolitiker*innen gehören, zunächst drei kurze Uraufführungen, die letzten Kapitel vopn Rattles „Tapas“-reihe kurzer Auftragsstücke renommierter Komponisten. Dabei enttäuscht der größte Name zunächst. Magnus Lindbergs „Agile“ lärmt, protzt mit dem Orchesterapparat und bleibt doch weitgehend energie- und spannungsarm, ein kraftmeiernder Klangbrei ohne erkennbare Richtung. Da kann sich das Orchester noch so sehr mühen, die Oberfläche anzubohren und in den Untergrund zu blicken, viel findet es dort nicht. Etwas besser Brett Deans fast zehnminütiges „Notturno inquieto“. Schön zunächst die Zusammenfügung der Musik aus dem Nichts. Tastend, sich fragend im Kreis drehend durchstechen die Bratschen die Stille, langsam kommen weitere, zunächst scheue, fast ängstliche Instrumente hinzu, füllt sich Stück für Stück der Klangraum. leider ist diese Anschwell- und Bescheinigungsbewegung ein wenig zu geradlinig, läuft sich das leicht zu durchschauende Prinzip irgendwann zu Tode. Doch als Anschauung, wie meisterhaft die Musiker*innen dieses Klangkörpers der Stille musikalische Stammzellen, aus denen sie nach und nach Leben zu entwickeln vermögen, wie sie fähig sind, unterschiedlichste Bewegungsmuster gleichberechtigt in den Raum zu stellen, abzutrotzen in der Lage sind, ist das Stück, das sich eindrucksvoll zurück in die Ruhe kratzt und rumpelt, durchaus angetan.

Am Eindringlichsten unter den neuen Stücken ist Andrew Normans „Spiral“, das mit Geräuschen und Rhythmen an der Grenze der Hörbarkeit anhebt. Rhythmik und klangliche Fetzen treten in einen spannungsreichen wie überaus zerbrechlichen Dialog, verwringen sich ineinander, vermehren sich zu einer Kakophonie widerstrebender Bewegungen, die auch die maximale transparenz des Orchesters an ihre Grenzen bringt. Die Unruhe bleibt im Raum stehen, ungebrochen, Zeugnis einer musikalischen Suche, die Rattles Amtszeit stets auszeichnete und mit ihr hoffentlich nicht enden wird. Am Ende beweist Rattle noch ein letztes Mal sein Talent als musikalischer Brückenbauer, der immer auch darauf aus war, Hemmschwellen gegenüber „klassischer Musik“ abzubauen, und Neugier zu wecken. dazu setzte er gern das Mittel der Unterhaltung ein. Seine Interpretation von Scott Bradleys Musik zum Zeichentrickserienklassiker Tom and Jerry ist denn auch pures Entertainment. Während sich das Orchester lustvoll in die bewegten Klangwellen und originellen Schlagzeugeffekte wirft, führt Bratschist Joaquín Riquelme Garcia als Aushilfsperkussionist mit Unterstützung seiner Kollegen, alle voran Paukist Wieland Welzel, einen Slapstick der Extraklasse auf, an dem selbst die Kanzlerin sichtbar Spaß hat.

Mit Erich Wolfgang Korngold beschließt dann ein weiterer Komponist den Reigen, der an der Grenze musikalischer Welten wandelte. Längst respektiert für sein Werk, nicht zuletzt seine symphonischen arbeiten, verdiente er nicht wenig Geld als Filmkomponist und reüssierte auch dort als Pionier und Trendsetter. Drei Stücke aus seinem „Robin Hood“-Soundtrack von 1938 spielen die Philharmoniker zum Abschluss. Kraftvoll, plastisch,durchsichtig und in seiner Detailschärfe ungeheuer frisch folgen sie dem Rächer der armen in den Sherwood Forest, umspielen die Liebe zu Marian (deren Darstellerin Olivia de Havilland übrigens noch lebt – so viel zu 100-Jährigen) mit einer schnörkellosen Mischung aus schwelgerischer Opulenz und betörender Zartheit, die zu Herzen geht, und begleiten mit vielen kleinen Klangexplosionen den Triumph des guten – farbenreich, ausladend, detailverliebt und mit einer Spielfreude, die ansteckt. Drei Tage noch, dann schließt Sir Simon Rattle seinen Kreis: Mit Gustav Mahlers Sechster spielt er zum Abschied das Werk, mit dem er 1987 am Philharmoniker Pult debütierte. Ein Anfang, ein Ende und vielleicht auch mehr.

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