Jedermann lebt

Autorentheatertage 2018 – Ferdinand Schmalz: jedermann (stirbt), Burgtheater, Wien (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Breitbeining steht er da, fleischgewordene Selbstsicherheit, ein Lächeln im Gesicht das sagt: Mir gehört die Welt, meinem Fingerschnipsen folgt sie. Doch dann beginnt sie zu rotieren, die Rühre, in der er steht, seine Welt. Unsicherheit schleicht sich ein in seinen Blick, die Frage, wie umgehen mit dem auf einmal nicht mehr verlässlichen Boden. Er fällt stabilisiert sich mühsam auf allen Vieren, versucht sich langsam wieder aufzurichten, schafft das, badet kurz im Triumph. Doch immer schneller dreht sich das Rad, in dem er steckt, immer schneller muss er mitrennen, schafft es nicht, fällt wieder erschöpft. Es ist die Schlüsselszene dieses Abends und eine durch und durch paradoxe noch dazu. Ferdinand Schmalz, aktueller Bachmann-Preisträger, hat den Jedermann-Stoff überschrieben, ins Heute geholt,  seine Gewissheiten, die vor allem auf der Hoffmannsthalöschen Version, selbst eine Überschreibung, stammen, hinterfragt. Und Regisseur Stefan Bachmann gelingt es in seiner Uraufführung, die Essenz menschlicher Hybris und des (post)modernen Lebens als Versuch, auf den Füßen zu bleiben, ein Versuch, der immer und in jedem Fall scheitern muss, in ein Bild zu packen, dem nur das fehlt, was Schmalz‘ Theater in seinem Wesen ausmacht: die Sprache.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Dass der Ankerpunkt dieses ansonsten sehr sprachmächtigen Abends dessen Gegenteil ist, ist Prinzip. Denn ähnliches gilt auch für das Bühnenbild: eine massive Wand mit goldener Oberfläche. Imponierend, abweisen. Das Essenzielle passiert in ihrer Mitte, wo ein Loch klafft, eine Abwesenheit. Die Negation der Substanz, sprachlich wie visuell, ist die Mitte, ist der Kern dieses Abends, wie das Nichts Ausgangs-, Ziel- und Ankerpunkt des „Jedermann“ ist, des Hoffmannsthalschen wie des Schmalzschen. Darin steht dieser Jedermann, ein Börsenspekulant, von Markus Hering aalglatt, hart, arrogant, mit einem Anflug Cholerik gespielt, ein napoleonischer Machtmensch und rationaler Weltenlenker. Dessen Ort das Nichts ist, die Leere. Dem Reichtum, der Illusion von Substanz, muss er fern bleiben. Er ist in dessen Mitte, aber nicht Teil davon.

Viel hat Schmalz von der Überlieferung übernommen: Auch hier spielt der Tod eine Schlüsselrolle als moralischer Instanz, auch hier streiten Gott und teufel um eine Menschenseele. Und doch ist vieles anders: Gott ist hier ein Nachbar, der Nächste des Neuen Testaments, der Teufel eine kollektive „gute Gesellschaft“, Buhlschaft und Tod eines. Die Gesellschaft, die Welt, in der Jedermann lebt, die er ausnutzt und mit erschaffen hat, ist das Teuflische, sein Garten kein Paradies, sondern eine „gated community“, eine Festung, ein Raum des Ausschlusses. Draußen tobt die Welt, geht sie vielleicht unter, drinnen mauert man sich ein. Die „Festung Europa“ lässt grüßen. Und die Buhlschaft, die personifizierte Versündigung, ist der Tod. Lust Und Tod lagen schon bei Freud eng bei einander (ja, nicht nur bei ihm), hier werden sie eines. Ein Jedermann, der nur in Aktienkursen denkt, für den Leben Verbindlichkeit heißt und alles um ihn herum die Frage zeitigt: kaufen oder abstoßen?, hat keine Zeit keinen Platz für „Lust“. Erst im Tode.

Schmalz verschränkt Bankersprache mit altertümelndem Versmaß, Wirklichkeitsbeschreibung mit dem hohen, metaphorischen Ton der Moralität. Das bricht die bei ihm übliche dichte Sprache, poetisch, assoziationsstark, ironisierend, auf und schadet dem Ganzen doch nicht. Denn auch hier ist es der Zwischenraum, der interessiert, die Lücke, die klafft zwischen der utilitaristischen Rationalität und der moralisierenden Universalität. Der Ort, an dem ein solches Leben auseinanderbricht, der Zusammenhalt versagt. Bachmann gelingt dieser Tonfall sehr gut, auch weil er einen besonderen Kniff wagt: Er lässt einige der Verse singen. Da ist der Abend ganz nah bei Brecht/Weill, ihren botschaftstriefenden Moritaten, düster, abgründig, zwielichtig. Auch er überzeugt mit atmosphärischer Dichte, ein Geisterspiel und Totentanz, das immer wieder mit der Wirklichkeitsbehauptung einer nur noch mechanisch gedachten Welt aneinandergerät.

Und so flimmert der Abend entlang an der Grenze zwischen Konkretheit und Überzeitlichkeit, Distanz und Nähe, altertümlicher Verwunderung und gegenwärtigem Erkennen. Ein Puppenspiel in einer mystischen Ziwischenwelt, die wie doch als die eigene zu erkennen vermögen. Was auch am fantastischen Ensemble liegt: Oliver Stokowski ist ein sanft-melancholischer, trockener Nachbar-Gott, Barbara Petritsch eine schneidend schmeichelnde, selbstbewusste Tod-Buhlschaft, überzeugend und unnachgiebig, Markus Meyer und Sebastian Wendelin farcenhaft dahingezimmerte Geldanbeter, lächerlich und voller Lebenskraft zugleich, Mavie Hörbiger voll satirischer Schärfe und theatraler Verführungskraft als mammon und gute werke, eine Doppelrolle, die hier eigentlich keine ist, weil beide dem selben Zweck dienen.. Lediglich Jedermanns Gattin (Katharina Lorenz) und Mutter (Elisabeth Augustin) bleiben ein wenig eindimensional.

Pathos und Ironie, Ernst und Karikatur gehen Hand in Hand, bald ist dem Zuschauer kaum klar, was hier ernst gemeint und was satirisch gebrochen ist. Gewissheiten verschieben sich, werden unsicher, wie der Boden, auf dem Jedermann irgendwann eben nicht mehr steht. Wie das Loch, das Welt ist und Geldspeicher und Rückzugsort und Nichts, Tod, Auslöschung. Ambivalenzen bestimmen das Geschehen, der Mensch ist nackt, die Darsteller*innen in fleischfarbenen Bodysuits steckend, über die güldene Kostümen gestopft werden, welche die existenzielle Nackt- und Glöeichheit nur weiter betonen. Am Anfang und am Ende stecken sie alle im Lebenshamsterrad, eng gepresst. Jedermann ist tot und vieltausendfach reproduziert. Sie alle sind Jedermann, das System, sein System lässt den Tod nicht zu, erschafft sich immer wieder neu, er stirbt eben nur in Klammern. Ob dieser einzelne in Himmel oder Hölle landet, ist nicht mehr wichtig. Dass das Hamsterrad, der Geldspeicher, das Nichts-Loch gefüllt bleibt, dagegen schon. Da bleibt weder für den Tod noch den Nachbar-Gott noch Platz. Nur für eine Welt voller Jedermänner.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: