Gefangen in der Endlosschleife

Ich steh schon derbe lang auf dich! Ein Stück der Provinz, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Leonie Jenning)

Von Sascha Krieger

Ach, ist das langweilig hier. Regungslos stehen sie da, die pubertierenden Landeier vor dem leeren Kiosk, an dem es sowieso nichts gibt, der Dorf-Konsum ist und -Disko und die Bushaltestelle, zu der man zum Nachdenken geht, weil sie ein Ort der Hoffnung ist, der Hoffnung mal herauszukommen, von der man aber weiß, dass sie trügt, denn ein Bus kommt hier nie. „Ein Stück der Provinz“ soll das sein, sagt der Untertitel. Wier befinden uns – ja, wo eigentlich? Irgendwo in der ostdeutschen Provinz in einer Zwischenvornachwendezeit, die in ihrer hier vorgestellten Stagnation – der Abend stammt von Nachgeborenen – mit der damaligen Realität herzlich wenig gemein hat und eher auf ein Land-vs.-Stadt-Motiv zielt und sich ästhetisch wie musikalisch eher in einer tatsächlich erstarrten Zeit, der späten Altbundesrepublik kurz vor dem „Mauerfall“ anzusiedeln schein. Allerdings tragen die „Figuren“ zumeist russische Namen und sprechen zunächst gar in selbiger Sprache. Tschechow, der Meisterporträtist einer erstarrten Gesellschaft, lässt grüßen. Und natürlich sind wir auch im Theater: Der erste Dialog geschieht Kasperletheater-haft vor schwarzen Vorhang durch die Tresenöffnung des Kiosks, über dem „Statttheateressen“ steht und das mit allerlei improvisierten Poster, darunter auch der Veranstaltung, der wie hier beiwohnen, beklebt ist.

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Bild: Jakob Fliedner

Um die Provinz geht es also, die Provinz als Ort, als Idee, als Beleidigung, als „Mindset“ und als Konzept von Heimat und Rückzugsort. Und als Gegenpol: Stadt vs. Land, Ost vs. West, Provinztheater vs. hehre Kunst. Die Polaritäten werden genüsslich durchgespielt, in allen Varianten und natürlich mit unklarem Ausgang. Denn es geht natürlich vor allem um Identität, die Heimat eines Ichs, das sich erst noch herausbilden muss. Und das sich entscheiden muss, welcher Idee es folgt: der Stadt als Möglichkeitsort gegenüber dem Land, wo nichts passiert? Oder doch lieber dem Überschaubaren, Kontrollierbaren, Gestaltbaren? Oder geht es nicht auch um die Positionierung zwischen Kunst und Leben? Provinztheater wird hier gespielt, mitten in der Hauptstadt. Und wird es natürlich nicht, sondern es wird diskursiv gebrochen, nach allen Künsten der Pollesch-Schule. Wenn sich also die Dorfclique aufmacht in die große Stadt und dort recht kafkaesk scheitert, wenn sich die Lebens- und Theaterwege trennen und man am Ende nicht ohne Stolz proklamiert, man sei in Stadt und Land gescheitert, dann geschieht das in der zirkulären Dauererregung einer Polleschschen Diskursschleife, die das Gesagte, Getane und Unterlassene stets ausbricht als Denkmuster und Theorieexperimente, die in ihrer Selbstreferenzialität stets dort landen, wo sie unternommen werden: auf der Theaterbühne.

Das ist durchaus bequem, lässt sich doch die Seichtigkeit des durchwateten Wirklichkeitsgewässers, die Einfachheit der verhandelten Land-Stadt-Heimant-Klischees, die plumpe Behauptung existenzieller Unbehaustheit und Einsamkeit einer – warum auch immer – verlorenen Generation durch den Verweis auf ihre diskursive Materialhaftigkeit und ironische Durchleuchtung wegdebattieren. Doch was bleibt dann: eine tausendmal gesehene und gehörte 0815-Erwachsenwerdungs-Miniatur, eine klischeehaft selbstverliebte Feier des Scheiterns als vermeintlichem Konstitutiv von Leben wie Kunst? haben wir etwas gelernt? Nein, sagt uns der Abend, und das muss auch so sein. Denn zu lernen gibt es nichts, nur zu scheitern. Da ist denn nicht nur die am Premierenabend besonders hitzige Luft im 3. Stock der Volksbühne stickig.

Das mag auch dem Team geschwant haben und so pappt man nach dem vermeintlichen Schluss – in bester Pollesch-Manier läuft ein Abspann über den Bildschirm – noch eine halbe Stunde an. Die – wir befinden uns schließlich im gallischen Dorf des Castorfismus – natürlich in einem versteckten Raum, übertragen per Live-Video, über die Bühne geht. Das Ganze funktioniert übrigens wie schon die lange Russisch-Passage zu Beginn auch als Stinkefinger gegenüber dem Publikum, denn statt Videowänden gibt es nur zwei kleine Röhrenfernseher und die mehrfach gebrochene Projektion auf den Kiosk – Störmanöver, die nicht mehr wollen, als das Publikum zu irritieren. Dort wird nun also eine durch Werbespots der 1980er-Jahre unterbrochene Reihe von Interviews mit den Figuren abgespult, die hier mal in ihrer Rolle, mal in ihrer Metamaske als Schauspieler*innen auftreten. Die Interviews wirken schön zitathaft: Mal lässt der Moderator den „Gast“ nicht zu Wort kommen, mal wird Nikel Pallats Axt-Attacke in der NDR Talkshow zitiert, mal Norbert Grupes Interviewverweigerung im ZDF-Sportstudio.

Ein bisschen Medien-, eine Prise Konsumkritik, das ganze Stadt-Land-Sehnsuchtsgeweirr der vorangegangenen 70 Minuten „entlarvt“ als fremdgesteuerte kapitalistische Begehrensökonomie: Das „System“ will, dass wir immer wollen, was wir nicht haben, es propagiert den Erfolg und lässt das eigene Leben noch kleiner erscheinen, weswegen wir uns nur zu bereitwillig ins konsumistische Hamsterrad begeben. So einfach ist das, wenn auch längst mit dem Pollesch-inspirierten Diskurshammer weichgeklopft. Da können die jugendlichen Akteur*innen noch so leidenschaftlich spielen, können die kleinen Spitzen und Pointen noch so genüsslich fliegen, inhaltlich ist der Abend sehr dünn und noch schneller auserzählt. was dann kommt, ist eine Parade der postdramatischen Mittel, der theatralen Dekonstruktion, die nur noch um sich selbst und die eigene Cleverness dreht. So erfrischend es zu beginn der Spielzeit war, hier noch einem Stachel der alten Volksbühne zu begegnen, so sehr hat sich dieses Konzept in seiner Eindimensionalität totgelaufen. Zeit für die Sommerpause und ein paar frische Ideen, welche die in ihrer Autonomie einzigartige und bewahrenswerte Gruppe P14 womöglich ein wenig über ihr reines Epigonentum und aus der Endlosschleife selbstauferlegter Diskursmechanik hinausführen. Wie wäre es mit ein paar Wochen in der Provinz?

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