Kunst-Gewerbe

Rainald Goetz: Jeff Koons, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Lilja Rupprecht)

Von Sascha Krieger

Es gab einmal eine Zeit, da war der sicherste Weg, einen handfesten Streit in einer runde kunstinteressierter Menschen auszulösen, zwei Worte zu erwähnen: Jeff Koons. Der US-Amerikaner war nicht nur der erfolgreichste Künstler der 1980er-Jahre, sondern auch der umstrittenste. Er bediente sich in Popkultur, Alltag und Werbung, bei den Ikonen westlicher Massenkultur, spielte mit Kitsch, überhöhte ihn, nutzte ihn aus, war ein Meister, ein Virtuose, ein Kenner der Oberfläche in einer oberflächlichen Welt. In der bunt skurrilen Prä-Apokalypse der Spätphase des Kalten Krieges war er ein Seismograph westlicher Dekadenz, der gern auch als ihr Apologet (miss?)verstanden wurde. Er heiratete einen Pornostar und war in eine Reihe von Plagiatsverfahren involviert. Wenn es einen Künstler gab (und gibt), der die brüchigen Grenzen von Kunst und Leben, zwischen Kreativität und Kitsch, zwischen Anspruch und Trash exemplarisch aufzuzeigen vermochte, weil er sie von allen Seiten ständig überschritt, dann Koons, der – noch so ein Sakrileg – nie ein Problem damit hatte, viel, sehr viel Geld mit seiner Kunst zu verdienen.

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Bild: Arno Declair

1998 entstand Rainald Goetz‘ Stück gleichen Namens, in dem sich der Sprachsezierer, -rhythmisierer und -entleerer mit dem befasste, was den geistigen Boden nicht nur von Koons‘ Kunst sondern auch der Zwischenzeit, in welcher er groß wurde, ausmachen könnte. Das Stück ist ein Sprachrausch ohne Anfang und ende, ohne Rahmen und Grenzen, das zwischen leben und Künst, zwischen Mensch und Künstler oszilliert, Zeiten überspringt, Realitäten überwindet, eine rastlose Suchbewegung nach der Realität, der Essenz, die, wie meistens bei Goetz, eine sprachliche ist. Der in ihrer Mischung aus soghafter Faszination und opaker Sperrigkeit nahezukommen, schwer ist. Regisseurin Lilja Rupprecht – übrigens die einzige Frau, die in dieser Spielzeit an der Schaubühne inszenieren durfte, und das auch „nur“ nebenan im Studio, auch das darf in einer Diskussion über Kunst und Leben erwähnt werden – nähert sich ihrem Stoff über das Visuelle und akustische. Ein Farben-, Bilder und Klanggewirr, das den Zuschauer beim Eintreten begrüßt, wobei mit Popeye-Figuren auch schon die ersten Massenkultur-Vertreter auftauchen, löst sich erst langsam auf, fokussiert sich langsam und brüchig in eine Abfolge mehr oder weniger konzentrierter szenischer Versuche unterschiedlichster Realismus- und Abstraktionsgrade.

Zäh und unsicher schälen sich einzelne Bilder heraus aus der überfordernden Flut. Die sprachliche Suchbewegung von Goetz fächert Rupprecht in eine visuelle, akustische und körperliche auf, wobei die Sprache, ihr von Wiederholungen und Binnenreimen geprägter Rhythmus, ihre Bedeutung aus dem Materiellen, dem Klanglichen, dem Formalen entwickelnde Beweglichkeit, im Mittelpunkt steht. Das vierköpfige Ensemble stellt sie wirkungsvoll aus, lässt sich von ihr an- und herumtreiben auf dem Weg zwischen Lebensrausch, Lust, Sinnsehnsucht und künstlerischer Suche – die großen Themen, die sich nach und nach aus dem Stimmengewirr herauszuheben scheinen. Rupprecht gibt jeder Szene, jedem Ausdrucksversuch ihren Look und ihren Ton. Mal farcenhaft, mal realistisch, mal satirisch, immer wieder auch ins Absurde kippend. Figuren werden angedeutet und lösen sich sofort auf, das Performative dominiert – so agieren die Darsteller*innen zunächst als mikrofonbewehrte Schattengestalten. Und es bleibt auch dann noch im Vordergrund, wenn sich der fragmentierte Mensch in existenzieller Verzweiflung gegen die unerträgliche Stille wehrt und er sich nach ihrer Geborgenheit sehnt, bettelnd um ein Stück der Illusion, die wir Individualität nennen.

Dass Rupprechts Inszenierung Goetz’s Suche nachzeichnet, gereicht ihr zu Ehre, ist aber auch ihr zentrales Problem. Die Vielzahl unterschiedlicher Narrationsversuche, die sie in gut zwei sehr langen Stunden durchexerziziert, wollen nicht zusammen kommen. Auch weil ihre Komplexitätsgrade stark schwanken. Der fluid ambivalenten Beziehungssuche zu Beginn stehen später eine brachiale Kunstbetriebparodien entgegen, der Ich-Auflösung in bizarr maskierte Puppen, die den Widerstreit Kunst vs. Realität visuell wie darstellerisch charakterisiert, eher effektheischende Rausch-Überwältigungsorgien, die an Versuche Hollywoods in den Neunzigern erinnern, Drogenerfahrungen nachzuzeichnen. Die Szenenübergänge sind oft sehr abrupt und wirken unmotiviert, zunehmend zerfällt, was aus ergebnisoffene Ausdrucks- und Sinnsuche begann, in eine Nummernrevue. Rupprecht findet denn doch bewehrte theatrale Muster, die sich wie Versatzstücke nutzen lassen – innige Monologe, farcenhafte Überzeichnungen, Choreografisches und Karikatureskes – und die zunehmend wie Ausflüchte wirken, Abkürzungen eines gewundenen Wegen, von dem immer unsicherer scheint, dass er irgendwohin führt.

Und so verlässt die Inszenierung Goetz‘ irgendwann sprachliches Tasten, missversteht die Materialhaftigkeit seiner Sprache immer mehr als denn doch traditionell Zeichenhaftes und verschanzt sich im Theaterhandwerk. Sie bricht die Suche ab, während der Text sich immer weiter pflügt. Da bleibt den vier engagierten und wandelbaren Darsteller*innen Damir Avdic, Iris Becher, Kay Bartholomäus Schulze und Lukas Turtur, unterstützt von Klangwerker Romain Frequency, dessen Soundscapes mit zunehmender Dauer zwischen illustrativ und überflüssig pendeln, dann nur, eine nach der anderen resigniert abzugehen. Das Publikum folgt ihnen gern.

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