Ein Königreich für eine Dramaturgie!

Yael Bartana: What if Women Ruled the World?, Volksbühne Berlin (Regie: Yael Bartana)

Von Sascha Krieger

Politik wird von Männern gemacht. Kriege sowieso. Und dass überhaupt jemand auf die Idee kommen musste, eine „Doomsday Clock“ zu erfinden, die anzeigt, wie weit die Welt von ihrer eigenen Vernichtung entfernt ist, lässt sich vom Vorhandensein eines Geschlechts mit erhöhtem Tesstosteronanteil auch nicht trennen. Ausnahmen gibt es, sie bestätigen aber zumeist die Regel. D liegt der Gedanke durchaus nahe – und das nicht erst seit #MeToo – darüber nachzudenken, wie die Welt aussehen könnte, wenn weibliche Hände und Hirne ihre Geschicke lenkten. Genau das will Yael Bartana, von Haus aus bildende Künstlerin und Filmemacherin mit sehr eingeschränkter Theatererfahrung, in ihrer Arbeit an der Volksbühne (zuvor schon in Manchester und Aarhus aufgeführt) herausfinden. Also setzt sie eine reine Frauenrunde in einen Nachbau des „War Rooms“ aus Stanley Kubricks hinreißend bitterer Kalter-Kriegs-Satire Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb, in der die versammelten Testosteronträger mal eben so einen nuklearen Weltkrieg auslösen, aus Narzissmus, Infantilität, Spieltrieb und Dominanzgehabe. Hier geht es ruhiger zu, vernünftiger, denn wir befinden uns in einem „Peace Room“ (Bühne: Saygel & Schreiber).

Bild: Birgit Kaulfuss

Dierser befindet uns in einem fiktiven Land mit rein weiblicher Regierung und einem Programm vollständiger Abrüstung. Das sich einer anderen Macht gegenüber steht, dessen Präsident (zu Beginn ist der berühmt berüchtigte Auftritt Donald Trumps als silhouettenhafter Heilsbringer im Parteitagsnebel zu sehen) sich in Machtposen gefällt und der seinen Atomwaffenknopf wie ein Spielzeug behandelt. Dass der Mann Twittler heißt, macht wohl dem letzten klar, um wen es sich handelt – und mit welchem Subtilitätslevel an diesem Abend zu rechnen ist. Man sitzt also da, in diesem „Peace Room“ und bespricht, was zu tun sei. Und weil man aufgeklärt ist und eine weibliche Regierung die Aufgabe hat alles anders zu machen als die Männer, lädt man Expertinnen ein. Diese sind echt – Entwicklungshelferinnen, Aktivistinnen jeder Art , Wissenschaftlerinnen – und wechseln von Abend zu Abend. Sie sollen die Regierung beraten und helfen, einen weg aus der Krise zu finden.

Und hier fängt das Dilemma schon an: Die Expertinnenrunde und die szenische Ausgangslage passen nicht zusammen. Wer am Rande eines Weltkriegs steht, benötigt keine Ausführungen über die historischen Hintergründe des Patriarchats und keinen Streit darüber, ob Entwicklungshilfe positive oder negative Auswirkungen auf die Länder und Menschen habe, denen sie zugute kommt – oder eben auch nicht. Das können – sehr abhängig von Zusammensetzung und Streitlust der jeweiligen Runde, die von diesem Rezensenten in der Vorstellung vom 6. Juni 2018 zu erlebende bot in beiden Punkten einiges an Potenzial – sehr interessante und im besten Fall erhellende Diskussionen sein, die aber auch stets Gefahr laufen sich zu verzetteln und im Leerlauf zu versanden. Das liegt eben auch am Setting: Wenn ich die Situation eines bevorstehenden Atomkriegs setze, wirken Debatten, wie sie hier geführt werden, automatisch weniger dringlich und im schlimmeren Fall ablenkend oder gar eskapistisch. Da lässt sich noch so lange und leidenschaftlich diskutieren, wie anders weibliche Politik sein müsste oder ob die binäre Gender-Unterscheidung nicht gänzlich überwunden werden sollte – eigentlich ja Kernfragen des abends und seines Titels – die Debatte verpufft in einer durch die szenische Ausgangslage selbst auferlegten behaupteten Irrelevanz ihrer selbst.

Auch weil es im Zusammenspiel der Schauspielerinnen, welche die Regierung geben, und der Expertinnen knirscht. Hier Stereotype (Pragmatikerinnen, Pazifistinnen, Protofeministinnen oder Gewaltverliebte) mit gestanzten Fragen und Phrasen, eindimensionalen Charakterzeichnungen und holzschnitthaften Provokations- und Zuspitzungsversuchen – dort Expertinnen mit reichlich Theorie- wie Praxiserfahrung, die sich nicht in das Handlungskorsett einpassen wollen und bald über die Ausgangslage hinwegdiskutieren. Das will, kann und passt nicht zusammen, auch weil dem Abend eine irgendwie spürbare Dramaturgie fehlt, die auch nur versuchte, das zusammenzuhalten. So wirkt das Zusammenspiel beider Elemente ungeheuer konstruiert und führt vor Augen, wie wenig hier von einer theatralen oder narrativen Einheit die Rede sein kann. Aus dem Neben- wird schnell ein Gegeneinander, das die ganze Grundidee ad absurdum führt.

Wenn also schon die Debatte über eine weibliche Politikutopie nicht funktioniert, dann klappt es vielleicht auf der Ebene des Handelns? Aber nein, auch hier beißt sich der Abend selbst in den, Verzeihung, Schwanz. Denn die Proseminaratmosphäre der mit zunehmender Eskalation der Rahmenhandlung immer selbstgenügsamer erscheinenden Diskursverliebtheit  produziert den Eindruck einer Weltfremdheit, die auf die als „Experiment“ titulierte vorgeführte Utopie ein eher ungünstiges Licht wirft. Wenn es so aussieht, wenn Frauen die Welt regieren, dann gnade uns Gott, lässt sich der innere Chauvi immer selbstbewusster vernehmen. Vor allem der schluss, da sind die Atomraketen bereits auf dem Weg, zerlegt sich das Format selbst: Aufgefordert

Aber es wird noch schlimmer: Denn irgendwann scheint Bartana einzufallen, dass es sich bei Kubricks Folie ja um eine Satire handelt. Also muss diese Ebene auch noch hinein und kollidiert natürlich brutalstmöglich mit der zur Schau gestellten Ernsthaftigkeit der Politikerinnentruppe um die streng besorgt dreinschauende „Präsidentin“ Olwen Fouéré. Auch weil das satirische Niveau mit unterirdisch zu positiv beschrieben wäre und Bartana wirklich jede Pointe misslingt (die Irrwitzigkeit der Sentenz „You cannot fight in here. This is a war room!“ zeplatzt eben komplett, wenn man „War Room“ durch „Peace Room“ ersetzt). Abgesehen von einem Sammelsurium der plumpsten denkbaren Trump-Witze gibt es einen halbnackten Schönling, der Bananen reicht (Sexismussatire!) und gleich thematisiert wird und vor allem Anne Tismers Außenmisisterin, die in furchtbarstem deutschen Akzent (der Abend ist auf Englisch) das Zerrbild einer Radikalfeministin zeichnet, wie es, sagen wir freundlich: Wertkonservativen, gefallen dürfte. Sie referiert mit heiligem Ernst über das Matriarchat bei den Bonobos und zählt ihre Kollegin an, weil sie mit dem eigenen Kind telefoniert und damit patriarchale Strukturen zementiere. Damit fällt der Abend seiner eigenen Versuchsanordnung vollends in den Rücken, lässt den Zuschauer (!) sich wohlig kichernd im Sessel rekeln und gibt die gewollte Utopie der Lächerlichkeit preis. Effektiver könnte sich auch Brachialkomiker Mario Barth nicht über „weibliche Eigenheiten“ beömmeln. Und so bleibt die schale Erkenntnis, dass die Antwort auf die Titelfrage, welche der Abend gibt, eine ernüchternde sein könnte. Und das ist für eine Theaterarbeit mit dem Anspruch, eine optimistische Alternative zum patriarchalen Status Quo auszuprobieren, schlichtweg eine Katastrophe. Als Theater ist es dieses amateurhafte Stückwerk ohnehin. Als Demonstration für die Bedeutung der Dramaturgie taugt der Abend aber wenigstens.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: