Ein bisschen Spaß darf sein

Dresdner Musikfestspiele 2018 – Bill Murray, Jan Vogler & Freunde zu Gast in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Manche Ideen gebiert der Zufall. Dieser Abend gehört zu ihnen: Vor einigen Jahren begegneten sich zwei Reisende auf einem Flug nach New York, kamen ins Gespräch, verstanden sich gut, eine Freundschaft entstand. Eine von ihnen war der gefeierte Comedien und Comedy-Star Bill Murray, der andere der ebenso brillante wie umtriebige Cellist Jan Vogler. Irgendwann begann man darüber zu sprechen, „mal etwas zusammen zu machen“, und voilà: „New Worlds“ war geboren, ein gemeinsamer Abend mit Literatur und Musik. 2017 hatte er Premiere, zunächst in Wolfsburg, was damit zusammenhängen mag, dass ein großer Autokonzern das Projekt zu einem nicht unwesentlichen Teil mitfinanzierte, dann in Dresden, wo Vogler die dortigen renommierten Musikfestspiele leitet. Diese veranstalten als kleine Werbemaßnahme seit einigen Jahren je ein Konzert in Berlin und so kam es, dass Murray Vogler und Freunde – die Violinistin und Voglers Ehefrau Mira Wang und die venezolanische Pianistin Vanessa Perez – nach einer kleinen Welttournee endlich auch in der Philharmonie Station machten. Wo das anwesende Publikum sie zwar sehnsüchtig erwartete, die Stadt als ganze jedoch weniger – der große Saal war weit entfernt davon, ausverkauft zu sein.

Bill Murray, Jan Vogler und Freunde bei der Dresdner Premiere ihres Programms im Rahmen der Musikfestspiele 2017 (Bild: Oliver Killig)

Die Idee des abends ist schnell zusammengefasst. Wenn es ein thematisches Dach gibt, dann die Idee von Amerika, dem Land der begrenzten Unmöglichkeiten oder so ähnlich, dem Land der Träume und aufbrüche, der unberührten Weiten und des Scheiterns all dieser Konzepte. Murray liest „Klassiker“, vor allem aus dem 19.Jahrhundert: John Fenimore Cooper, Mark Twain, Walt Whitman. Dazu Ernest Hemingway (natürlich) und ein neueres Gedicht Billy Coopers. Es geht um Selbstfindung, Abenteuer, die Entdeckung der Welt und des Ichs, aber auch beider Widersprüche. Dazu wird musiziert: zwischen den Lesungen, manchmal auch während selbiger. Grundlegendes der westlichen Kulturgeschichte (Bach), aber auch Werke, die von Amerika inspiriert sind: ein „Blues“ betitelter Satz einer Ravel -Sonate, ein Jazz-inspiriertes Sonaten-Allegro Dmitri Schostakowitschs, Stücke des Argentiniers Astor Piazzollas, der den argentischen Tango der Musik der Welt – und auch Amerikas – öffnete. Und ja, Murray singt auch. Amerikanisches vor allem: ein Lied Stephen Fosters, eine Trink-Ballade von Tom Waits und natürlich Gershwin und Bernstein.

Und er tut dies mit dem ihm eigenen schelmisch spröden Charme, dem versteinerten Gesicht, hinter dem es blitzt. Wenn er „Jeanie with the Light Brown Hair“ hinterhersingt, wird es ganz still, vergeht das Lied wie die besungene Liebe und der halb vergessene Autor. Waits‘ „The Piano Has Been Drinking“ ist ein (selbst)ironisches Kleinod, hochkomisch und doch nicht empathiefrei. Murrays Stimme ist nicht geschult und doch voller Nuancen, rau, widerspenstisch, jedoch äußerst versatil. Das kann gut sein und das Gegenteil, wie Gershwins „It Ain’t Necessarily So“ aus Porgy and Bess zeigt: Murray singt mit zarter Inbrunst, als wäre er der kleine Bruder Sinatras, doch am ende verfällt er ins Parodistische, stoßen seine Imitationen afroamerikanischen Spirituals-Gesangs zumindest diesem Zuhörer eher unangenehm auf. Auch Van Morrisons Gottesanrufung „When Will I Ever learn to Live in God“ zerdehnt und zernuschelt er ins Lächerliche, das zarte, zugleich intime wie universelle Pathos von Bernsteins „Somewhere“ brüllt er im Rahmen eines West-Side-Story-Blocks in die Berliner Nacht, wie ihm auch die satirische Schärfe von „America“ herzlich egal ist, während „I Feel Pretty“ durch seine gezielte Albernheit durchaus gewinnt.

Da vermag der Rezitator Murray eher zu überzeugen: die Verlorenheit Walt Whitmans repräsentiert er in einer stillen Suche, die immer wieder Leerstellen findet, Orte, an denen der Mensch, wie bei Whitman, sich im Universellen auflösen mag. Twains Huckleberry Finn ist eine lebhafte Suchbewegung, eine adoleszente Sinnsuche, die Murray mit Energie, Vielstimmigkeit und stets einem Fragezeichen in der Stimme bewältigt. Er beherrscht den beiläufigen Plauderton (der etwa Collins‘ Gedicht über das Vergessen erhöht) wie die farbenreiche Schilderung mit Augenzwinkern, Neugier und Empathie (bei Hemingway). Hier liegen die stärkeren Momente des Abends, weniger im Musikalischen. Was auch daran liegt, dass alles auf Murray schaut und zugeschnitten ist. Sind die anderen drei dran, verlässt er das Blickfeld des Publikums und versteckt sich hinter dem Klavier. Doch auch wenn Vogler rauer, affirmativer Bach, Wangs brüchig gesanglicher Ravel oder die fast aggressive und disruptive Energie des Schostakowitsch überzeugen – im großen Ganzen des abends sind sie Zwischenspiele, fordern sie nicht die Aufmerksamkeit, die ihren gebührt.

Das ist besonders deutlich, wenn Literatur und Musik die Gleichzeitigkeit suchen, etwa wenn Fenimore Cooper über Schubert oder, in der Zugabe, Ferlinghetti über Bach rezitiert wird. Da entspinnt sich kein Dialog, sondern gehen beide unter. Am besten funktioniert Murray denn eben doch als trocken traurig alberner Clown. Wenn er am Ende durch den Saal rennt und Rosen ins Publikum schleudert – auch an die „forgotten people“ hinter der Bühne, die einzige politische Andeutung des Abends, zu Waits den Alkoholiker spielt oder am Ende zwischen Gehen und Bleiben schwankt. Dann kommt der anarchische Humor des Saturday-Night-Live-Pioniers hervor, der aus einem gespielt naiven Staunen über die Welt stammt. Welche Welt das ist, bleibt nebensächlich, das Amerika-Thema mehr Ausgangspunkt als Ort der Auseinandersetzung. Das Publikum hat seinen Spaß, die Beteiligten, so scheint es auch, und vielleicht, ist mehr zu erwarten auch verstiegen. Aber dann sollte das Programm vielleicht auch nicht „New Worlds heißen, sondern „Ein bisschen Spaß muss sein“. Zumindest darf er das.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: