Die Stadt erblicken lernen

Rimini Protokoll (Aljoscha Begrich, Helgard Kim Haug, Jörg Karrenbauer): DO’s & DON’Ts – eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt, Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Da steht er. Ein vielleicht 16- oder 17-jähriger Junge. Regungslos. Die Sonnenbrille im Gesicht, Rücksack und Skateboard neben sich. Minutenlang, ohne sich zu bewegen, gelehnt an eine Säule auf dem S-Bahnsteig des Bahnhofs Südkreuz. Um ihn herum andere, die auf die Bahn warten. Sie trinken Bier, laufen herum, blicken sich um, starren auf Handy. Geben Lebenszeichen von sich. Nicht er. Und wir? Wir beobachten ihn, beobachten die anderen, hören Stimmen von Kindern, die sich fragen, wie sie auf jemanden wie ihn reagieren würden. Einen der nichts tut. Gar nichts. Würden sie die Polizei rufen und wenn ja, wie einige sagen, warum eigentlich? Denn er tut ja nichts. Was macht ihn verdächtig, was ist normales Verhalten und was nicht. Und vor allem: Wer bestimmt das und auf welcher Wertebasis. Und was und wer gibt uns eigentlich das Recht zuzuschauen, diese Menschen ohne ihre Wissen zu beobachten? Kurz darauf stehen wir vor dem Eingang des Bahnhofs, da, wo ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung läuft. Wo es um Überwachung geht, wie der Junge, der sich einen schwarzen Strich ins Gesicht gemalt hat, um das System auszutricksen, sagen wird. Spiegeln wir nicht diesen überwachenden Blick?

Mit diesem umgebauten Kühltransporter geht es durch die Stadt (Bild: Sascha Krieger)

Es ist dieser Moment im letzten Drittel der neuen Arbeit von Rimini Protokoll, in dem die Themen, die hier verhandelt werden, verdichtet zusammenkommen in einem Augenblick der Erkenntnis, Hinterfragung und Verunsicherung. Nach welchen Regeln leben wir in der Stadt, wer macht sie und welchem Ziel dienen sie, fragt die Gruppe. Und was passiert, wenn man sie nicht einhält? Ein umgebauter ehemaliger Kühltransporter ist der Zuschauerraum dieser zwei Stunden, die Stadt die Bühne. Auf der Bühne, so erfahren wir im Prolog, gelten besondere Regeln. Die alle außer Kraft gesetzt sind, wenn die Regisseurin es so will und „gespielt“ wird. Ob das Zusammenleben in der Stadt genau so funktioniert, darf der Besucher am Ende selbst entscheiden. Drei Begleiter hat er dabei. Da ist Rudi, der Busfahrer, ein trockenes Nordlicht, das Verkehrsregeln als Anregungen auffasst und sich mit Vorschriften eher locker auseinandersetzt. Neben ihm Dido, zehn Jahre alt. Sie liest Benimmbücher, folgt zuhause einem ausgeklügelten Belohnungs- und Strafsystem und ist eher ein Regelfan. Später kommt dann Jasper dazu, der Bahnsteigsteher, der sich als Didos Bruder ausgibt, und die dritte Position vertritt. Für ihn sind Regeln Machtinstrumente, die es stets gilt zu hinterfragen. Es ist kein Zufall, dass Rimini Protokoll zwei Minderjährige in den Mittelpunkt stellt, zwei, die dabei sind, ihre Haltung zur Gesellschaft und ihren Funktionsmechanismen noch zu finden und dabei in allen Lebensbereichen einem Regelsystem unterworfen sind, über das sie keinerlei Kontrolle haben. Ihr Blick ist ein betroffener und offener zugleich. Einer, den so mancher Zuschauer am Ende der etwa zweistündigen Fahrt übernommen haben dürfte.

Bei welcher der Blick immer wieder neu justiert werden muss. Mal geht er auf eine Leinwand, die das geschehen im Führerhäuschen zeigt, mal sind Luftaufnahmen zu sehen auf den Ort, an dem man sich befindet, dann gibt es Werbefilmchen über Smart-City-Viseonen, Durchfahrten durch weit entfernte Straßen oder der Chor des Berliner-Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, dessen Mitglieder*innen auch immer wieder mit O-Tönen über fremd oder selbst auferlegte regeln zu hören sind. Dann wieder geht die Videowand hoch und die Stadt, zu sehen über eine voll verglaste – und weitgehend verspiegelte – LKW-Seite öffnet sich. Minutenlang beobachten wir das Treiben auf dem Hermannplatz, lassen vermeintliche Muster von Bewegung oder Verhalten entstehen, saugen die Kontraste ein, sehen, wo wir sonst nicht hinblickten, beobachten, ohne beobachtet zu werden. Später wird sich der Truck, inspiriert von Jasper, einmal auf dem Tempelhofer Damm querstellen. Die Autokolonne bleibt stehen, wirkt ratlos. Ein Motorradfahrer nimmt den Umweg über den Bürgersteig, ein, zwei Autofahrer tun es im nach, ein in der Gegenrichtung Parkender beobachtet und nähert sich dann dem Fahrerhäuschen in vielleicht bedrohlicher Weise. Wenn die nicht hinterfragten Regeln des alltäglichen Zusammenlebens für einen Moment ausgesetzt sind, wenn der Einzelne gezwungen ist, sich zu positionieren, zu entscheiden, wie er mit der Störung umgeht, was passiert dann? Eine spannende Frage, die diese Arbeit auch stellt und im Live-experiment zu beantworten sucht.

Dabei geht es – und deshalb ist die Figur des jugendlichen Schülersprechers, Kapitalismusverweigerers, Überwachungsgegners und Dauerdemonstrierers Jasper so wichtig – darum Fragen zu stellen, zu hinterfragen, was wir sonst hinnehmen. Im Kleinen wie im Großen, in der Familie, in der Schule und in der Gesellschaft: Wer macht die regeln, warum und welche Auswirkungen haben sie. Und so steht Jasper da, auf der anderen Seite des Zauns um das Tempelhofer Feld und erklärt uns, warum dieser Ort eben kein Freiraum, kein Freiheitsraum ist – nämlich, weil jemand willkürlich entscheiden kann und das auch tut, wer rein darf und wer nicht, wann der Ort zu nutzen ist und wofür, was wo gemacht werden darf und was eben nicht. Auch hier verändert sich der Zuschauerblick, nimmt er Bekanntes neu und anders dar. Ja, vieles in diesen zwei Stunden ist Leerlauf, Videoeinspieler und Chor-Lieder oft Lückenfüller, manche Gimmicks, etwa der Fahrerwechsel von Rudi zu Jasper am Ende oder die Beschallung eines Reihenhausviertels mit Hip Hop, albern und effekthascherisch.

Doch wenn das Fenster aufgeht, der Blick in und auf die Stadt wandert und zuweilen, meist verwundert, manchmal neugierig, einmal auch mit Stinkefinger, zurückgegeben wird – so ganz undurchdringlich ist die Verspiegelung wohl doch nicht – dann fordert er den Schauenden zur Positionierung heraus, stellt ihm Fragen, etwa darüber, warum die befragten Kinder so viel Angst haben vor der Außenwelt, oder eben wie illusorisch die Freiheit, in der wir zu leben vermeinen, womöglich ist, und was ihr Preis sein mag. Und er bringt uns in eine fragwürdige Position, die des Voyeurs, des Kontrollierenden, des Überwachenden, eine Umkehrung, die sensibilisieren mag, wenn wir wieder auf der anderen Seite stehen und nicht wissen, wer uns gerade beobachtet und warum. Und ob das, was wir tun – oder eben nicht tun – von diesem Beobachter nicht als regelwidrig, als Gefährlich, als zu sanktionieren aufgenommen wird. Am Ende treten die 30 Teilnehmer*innen hinaus in eine Stadt, die vielleicht nicht die gleiche ist, aus der sie vor zwei Stunden diesen Raum, in dem einst Schweinehälften baumelten, betreten haben.

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