Nummernrevue der Verweigerung

Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu: Lö Grand Bal Almanya, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Vor acht Jahren hatten sich Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu schon einmal zusammengetan, um sich in Form eines Liederabends mit der türkischen Migrations- und Integrationsgeschichte zu befassen. Lö Bal Almanya hieß das damals und hatte am Ballhaus Naunynstraße Premiere. Mittlerweile ist Erpulat mit der damaligen Ballhaus-Intendantin Shermin Langhoff zusammen weitergezogen ins Maxim Gorki Theater, wo alles ein bisschen größer und schöner ist. Folgerichtig heißt die Neuauflage Lä Grand Bal Almanya. Viel ist seitdem passiert: die NSU-Enthüllungen, die Willkommenskultur von 2015 und die häßliche Fratze der deutschen Wut, die auf sie folgte. Das vergiftete Willkommen steht denn auch im Mittelpunkt des gut zweistündigen Abends, der sich jedoch anfühlt, als hätte er Castorfsche Länge. Dreimal gibt es ein Willkommen: bei einmillionsten Gastarbeiter, beim exemplarischen „Ossi“ nach den Mauerfall, beim Geflüchteten mit Schwimmfeste, Rettungsdecke und Aldi-Beutel. Dreimal gibt es Konfetti und dreimal ist die Gastfreundschaft schnell vorbei: Dem „Gast“ wird ein Besen statt des versprochenen Motorrads überreicht, den auch der „Neufünfländer“ bekommen wird, nachdem der „Ausländer“ gewaltsam aus der „Wir-sind-ein-Volk“-Seligkeit herausgedrängt wurde. Der Geflüchtete schließlich wird einfach per Pistolenschuss entsorgt, die gerade geöffneten Mauern schnell wieder hochgezogen.

Bild: Esra Rotthoff

Nein, ein gastfreundliches Land ist das Deutschland, das Erpulat und Kulaoğlu zeichnen, nicht. Das deutsche Liedgut, das der musikalische Leiter Tobias Schwecke als dikatorischer Dirigent das diverse Ensemble singen lässt, fragmentiert sich immer wieder in bedrohlich militaristische Strenge, es schließt aus, wo es allumfassend sein sollte, verzerrt sich nur nationalistischen Fratze, wo es freundlich lächeln will.Allerlei Origiginaltexte haben die Autoren versammelt: Reden von Ex-Kanzler Helmut Kohl, Politikerzitate aus Union und SPD zur „Ausländerfrage“, ein albern luftiges Marketing-Pamphlet mit dem Titel „Du bist Deutschland“, ein türkisch-nationalistischer Appell an die „Gastarbeiter“, das „Türkentum“ ehrenvoll zu repräsentieren, eine Erinnerungsrede des Solinger Oberbürgermeister anlässlich des ausländerfeinlichen Fünffach-Mordes von 1993 und ein langer Zusammenschniitt aus Texten der türkischstämmigen Islamkritikerin Necla Kelek. All diese Texte sollen eines klar machen: Die Offenheit dieses Landes war stets Fassade, hinter der „Toleranz“ verbirgt und verbarg sich Ausgrenzung, nationalistische Abschottung, Ausnutzung der Gäste statt Integration. Die Texte werden mit verzerrtem Ton, mit Zerdehnungen und Überbetonungen so entstellt, dass auch dem Letzten klar wird, welcher Geist aus ihnen weht. Mehmet Yilmaz steigert die Kohl-Rede zu einem populistischen Gekeife empor, das an Goebbels und Co. erinnern soll. Sesede Terziyan verfällt in ihrer Kelek-Rede gar kurz in eine Hitler-Imitation. Überhaupt entsetzt die Perfidie gerade dieser Darstellung, welche die aus guten Gründen umstrittene Kelek als wurstfressende und auszeichnungsgeile Onkel-Tom-Figur verleumdet und mit einer Gehässigkeit zur Verräterin stempelt, dass den Autoren des nationalistischen Pamphlets vom Anfang ganz warm ums Herz würde.

Auf der Spielebene ist es nicht besser. Der Abend ist eine Klischeeparade, die mit fortschreitender Dauer die Grenze des Erträglichen weit überschreitet. Das beginnt noch mit einiger satirischer Schärfe, etwa wenn das Ensemble die an Sklavenhandel erinnernde „Musterung“ der Arbeitsmigranten als erniedrigende Fleischbeschau mit menschenverachtender Aussortierung darstellt, auch wenn der alberne Grundton, die nicht enden wollende slapstickhafte Szenenauswalzung und die Einführung eines Schwejk-haften gewitzten Trottelns unter den Gastarbeitern den guten Ansatz schnell torpedieren. Das gilt auch für eine weitere stärkere Szene: Da wird das lehre „Du-bist-Deutschland“-Geschwafel konterkariert mit der apokalyptischen Düsternis von Franz Schuberts „Erlkönig“-Vertonung und das Ganze gleich mit dem albern Achtzigerjahre-optimistischen Rumgehampel der Gruppe eingerissen.

Selbst bei seinen wenigen besseren Ideen tendiert Erpulat zum Zuviel. Wie viel schlimmer ist das dann in der überwältigenden Mehrheit des Abends, in der solche besseren Ideen gänzlich fehlen. Da werden „Ausländer“-Klischees à la sexueller Gier und unkontrollierter Vermehrung so genüsslich durchgespielt, dass ihre Reproduktion die vielleicht intendierte Entlarvung überlagert. Es wird – im Wortsinn – unter den Teppich gekehrt, mit protestantischer Musiktradition, an deren Ende natürlich Bach steht, ausgegrenzt, Populismus heuchlerisch verurteilt, während die Mehrheitsparteien (der Wahlkampfslapstick ist kaum zu ertragen) geifernd das Gleiche sagen beziehungsweise brüllen, die NSU-Morde samt bürokratischer Vertuschung dargestellt, indem der Pianist das Rosaroter-Panther-Motiv spielt, während Reißwölfe laufen und die Leichen unter Papierbergen (Bürokratie!) verschwinden. Wenn dann am Ende die Welt zu Wagner brennt und Nazis im Hintergrund den Krieg vorbereiten, ist die Klischee-Checkliste voll und jegliche Sinnbehauptung lange geflohen. Dass Alissa Kolbuschs Bühne das Gorki Theater nachempfindet und damit das alles als Theater entschuldigt, ist dann auch nur noch ein eher billiger Schachzug.

Was bleibt, ist eine Nummernrevue unreflektierter, überdeutlicher Klischees und auf allen Seiten so abziehbildhaft vereinfachter Menschenkarikaturen, die so brachial ironisiert werden – mit Hilfe von schaupielertechnisch durchaus hochwertigem Slapstick –  dass sie am ende überhaupt keinen Bedeutungsversuch mehr übrig lassen. Außer die Pauschalansage, dass Integration gescheitert sei, weil das empfangende Land sie nicht wollte. Für einen Abend, der sich mit 57 Jahren Arbeitsmigration – im Untertitel „Scheinehe“ genannt – befassen will, ist die Tatsache, dass er über zwei Stunden lang seinem Thema ausweicht, um eine Klischeesau nach der nächsten durchs theatrale Dorf zu treiben, ein Offenbarungseid. Und eine interllektuelle wie künstlerische – über die zahlreichen Längen und erheblichen handwerklichen Schwächen des Abends sei hier hinweggegangen – Totalverweigerung, wie man sie an diesem Theater während dieser Intendanz noch nicht gesehen hat. Ein Verrat an einem wichtigen Thema, der schmerzt.

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Ein Gedanke zu „Nummernrevue der Verweigerung

  1. […] ließen. Das gilt auch für Inszenierungen.  In der letzten Spielzeit legte Nurkan Erpulat einen alten Hit vom Ballhaus Naunynstraße neu auf, jetzt tut es ihm Kollegin Yael Ronen gleich: Die dritte Generation an der Schaubühne war […]

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