Die Welt ist eine Scheibe

Theatertreffen 2018 – Georg Büchner: Woyzeck, Theater Basel (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Die Welt, so glauben noch immer und erneut so einige, sei eine Scheibe. In Ulrich Rasches Woyzeck ist sie es. Und wie die echte Welt dreht sie sich unaufhörlich. Was sie nicht bietet ist einen sicheren Stand. Angekippt steht sie auf der Bühne, fällt mal zum Publikum hin ab, mal steigt sie an, denn das Fundament auf dem sie ruht, neigt ebenfalls zur Rotation. Alles ist im Fluss, ständige Bewegung Pflicht, will man zum Gipfel gelangen oder auch nur nicht herunterrutschen. Und doch kommt hier niemand von der Stelle. Man kennt das von Rasches Bühneninstallationen. Im vergangenen Jahr schufteten sich seine Räuber auf Laufbändern ab, vergeblich, verharrend, wo sie waren. Das ist hier kaum anders. So sehr sie sich mühen: Aus dem Kreislauf, in dem sie sich finden, kommt ihr keiner raus. Gleichzeitig, und auch das ist entscheidend, kommt hier niemand zur Ruhe, keine Sekunde lang. Am wenigsten Woyzeck, Spielball , Experimentieropfer, Betrogener, Mörder. Wie er da oben steht, nein geht, den Blick starr nach vorn, die Beine in Seitwärtsbewegung, ein von sich selbst dissoziierter, verwrungener Körper, wie er versucht, aufrecht zu bleiben, seinen Platz zu behaupten, schwer atmend, zum Beginn, der sein Ende schon in sich trägt – da ist schon all die Vergeblichkeit angelegt, in die er geworfen ist und aus der er keinen Ausweg findet. Nicola Mastroberardino spielt ihn  mit angsterfülltem Blick, die Monstrosität der Welt in seinen Augen, erregt die Stimme, die Worte zerdehnt, jede Silbe ein Kampf.

Bild: Sandra Then

Das gilt für alle Figuren. Rasche lässt sie Büchners Sprache zerlegen, fragmentieren und wieder neu zusammensetzen. Ein Puzzle, in dem stets Teile fehlen, Leerstellen bleiben, Lücken, in denen leben sein sollte und doch nur Mechanik ist. Automaten ihrer Verhältnisse. Marie ( Franziska Hackl) spricht und blickt, als fordere sie die Welt heraus, bevor sich Düsternis, ein Anflug von Panik auch ihrer bemächtigt. Der Tambourmajor (Michael Wächter) ist pures Testosteron, seine Bewegungen verströmen die Macht des Alfatiers wie sein leicht irrer, selbstbewusster Blick. Selbstgerecht bis sadistisch der Doktor Florian von Manteuffels, betont dauererregt die keine Gegenrede zulassende Stimme Thiemo Strutzenbergers als Hauptmann. Die Macht ist klar verteilt, die Verhältnisse geordnet. Alle jedoch sind sie Agenten, Gefangene ihres Systems, bestimmt das kalt mechanische Knarren der Bühnenkonstruktion all ihre Rollen.

Ulrich Rasches Inszenierung ist eine Meditation über Macht und Gewalt. Pochend treibt die fünfköpfige Live-Band den Verlorenen, aus der Welt Gefallenen voran. Egal ob das Klavier sacht klimpert oder der Rhythmus zu brutaler Unentrinnbarkeit anschwillt: Ein Entrinnen gibt es nicht, eine Pause erst recht nicht. Die Mühlen mahlen und wen sie mahlen, ist der Mensch. Wer in seiner Rolle aufgeht, seine Aufgabe, seine Stellung in der Welt eine Ichbehauptung hat ersetzen lassen, wird auf der Scheibe bleiben, wer das nicht vermag – Woyzeck und Marie – muss herunterfallen. Die Desintegration Woyzecks, sie ist hier nicht nur zwangsläufig sondern auch quasi vorherbestimmt. So ändert sich sein Zustand, sein Duktus kaum. Er wird extremer, radikaler in seiner Vereinzelung, seiner düsteren Angst, aber er zerfällt nicht. Sein Abdriften in den Wahn ist nur eine konsequente Fortschreibung seiner nie legitimierten Existenz, seine Stimmung der Chor der Außenwelt.

Die Sprache ist in Rasches Inszenierung Gewaltmittel. Ihr wird Gewalt angetan, indem sie in fragmentierte Einheiten gepresst wird, die wiederum mechanisch zusammengefügt werden. Die Figuren ringen um jeden Laut, jede Silbe, jedes Wort, sie gehören ihnen nicht, wie ihnen auch ihre Körper nicht gehören, ihre Bewegungen. Büchners Sprache wird rhythmisiert, zwängt sich in den Soundtrack, treibt ihn, die Scheibe, die Menschenroboter vor sich her. Sie ist Marschrhythmus, presst die Figuren in den Gleichschritt, bis hin zu der erschreckenden totalitären Einförmigkeit einer gleichgeschalteten Masse kurz vor der Pause, die nicht zufällig an die Mechaniken faschistischer und anderer anti-individualistischer Systeme erinnert. Und sich im zweiten Teil spiegelt. Da haben die anderen Woyzeck, in der Mitte der Scheibe gefangen, umringt spucken ihre Worte in seiner Richtung, ist er erneut der Ausgestoßene, der Aussortierte, der zu Entsorgende, der Sündenbock, den die Gesellschaft braucht, um sich selbst und vor sich selbst zu rechtfertigen.

Keiner sieht den Anderen an, die Blicke gehen meist weit in die Ferne, ins Leere. es gibt keine Nähe, keine Zwischenmenschlickeit. Wendet sich kurzzeitig mal einer dem Anderen zu, ist dies steht ein Akt der Gewalt, jede Berührung ein Übergriff, eine Machtdemonstration, ein Signal der Auslöschung. Und so gibt Woyzeck an sein Opfer Marie nur weiter, was er selbst empfangen hat und empfing, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe, das am Ende ausgespien werden muss, damit sich das Perpetuum Mobile weiterdrehen und seine fundamentale Gewalttätigkeit verleugnen kann. Am Ende bleibt Woyzeck allein, die Welt hat ihn verlassen. Und plötzlich ist da ein zweiter, ein Mini-Woyzeck, ein Kind, sein Sohn. Marschiert mit, in Zeitlupe, gespenstisch, im Gegenlicht. Die Welt dreht sich weiter, Gewalt und Macht werden vererbt, von einer Generation zur nächsten. Der nächste Woyzeck steht schon bereit. Man kann Ulrich Rasches Konsequenz bewundern oder als seinen Stoff in ein enges Korsett zwängend, das Büchner nur als Steinbruch nutze, ablehnen.

Nach der Pause blieben bei der Theatertreffenpremiere viele Plätze leer, am Ende gab es stehende Ovationen. Rasche polarisiert, aber er lässt nicht gleichgültig. Und tatsächlich ist dieser Woyzeck vielleicht so nahe bei Bühne wie lange keiner mehr. Die Fremdbestimmung des einzelnen durch eine gesellschaftliche Macht, die sich bis in die letzte menschliche Beziehung, bis in jede Regung des Ichs hinein manifestiert – all das ist in Büchners werk angelegt, ja, bildet dessen eigentlichen Kern. Rasche spinnt es nur mit einer Konsequenz weiter, die wehtut, weil sie am Ende auch den letzten Verbliebenen überzeugt hat: Ja, die Welt ist eine Scheibe. Keine blutige wie der Mond, sondern eine kalt, effektive, nicht zu bezwingende.

Ein Gedanke zu „Die Welt ist eine Scheibe

  1. […] Georg Büchner: Woyzeck / Theater Basel, Regie: Ulrich Rasche […]

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