Wegschauen ist nicht

Theatertreffen 2018 – Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Schauspielhaus Hamburg (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Eine Bank vor dem eisernen Vorhang. Die Deutsche wird man sie später nennen. Zunächst ist sie aber einfach nur Ilses. Ilse Ritter, genau genommen, ja die, die in einem Stücktitel Thomas Bernhards vorkommt. Blind sei sie und sei es nicht, sagt sie. Wie wir alle. Es ist Elfriede Jelinek, die da spricht, und ist es nicht. „Autorin“ heißt sie in ihrem neuen riesenhaften Textflächenstück. Ein Alter Ego, eine Projektion, ein Experiment und eine Selbstbefragung. Die der ganze Text ist. Am Königsweg ist das Ergebnis und die Beschreibung einer Verstörung. Die einen Namen hat, die Jelinek in ihren fast 100 dichtbeschriebenen Seiten nicht benennt. Ihr Publikum kennt den Namen. Hier heißt er „König“. Ein gewählter wohlgemerkt. Aber wie konnte das eigentlich passieren, wer hat ihn gewählt und warum und wo stehen „wir“, die aufgeklärte Intelligent, die zivilisierte, liberale Mehrheit, für die „wir“ uns bislang hielten? Welche Schuld trifft „uns“ und was können „wir“ jetzt tun? Am Königsweg ist ein ratloser und wohl auch deswegen besonders rastloser Text, einer, der sucht und sucht und doch nicht findet. Eine Infragestellung von Gewissheiten, die immer wieder auch die „Autorin“ trifft, um ein Zentrum kreist, das sich nicht fassen lässt, nicht still steht aber auch nicht von der Stelle kommt.

Bild: Arno Declair

Wo Stephan Kimmig dieses Konvolut am Deutschen Theater kürzlich zu einer müde plakativen Satire verzwergte, greift sich Falk Richter in seiner Uraufführung das ganze Gebirgsmassiv einer Jelinekschen Sprachgewalt, die noch nie so hilflos wirkte, so verletzlich und vielleicht auch deshalb so kraftvoll daherkommt. Wo Kimmig nach knapp zwei Stunden fertig war – und noch gar nicht begonnen hatte – nimmt sich Richter Zeit.  Dreieinhalb Stunden, um genau zu sein. Er verbeisßt sich im Text, hadert mit ihm, verwirft ihn, um ihn so gleich wieder in die Hand zu nehmen. Die frustrierte und frustrierende Ratlosigkeit, die Am Königsweg atmet, findet sich auch in Richters Blick auf den Text.Wie dieser ist der Abend eine Suche, eine Abfolge von Versuchen, eine Wirklichkeit zu fassen, die dem sich aufgeklärt wähnenden Hirn immer weniger greifbar scheint. Jelineks sprachliches Kreisen übersetzt Falk Richter in einen zirkulären Bilderrausch, ein Experimentierfeld an Visualisierungen und Verkörperlichungen, die versuchen, das Unverständliche zu fassen, von allen Seiten, die dem Theater zur Verfügung stehen.

Katrin Hoffmanns Bühne ist ein eklektisches Sammelsurium der Sinnangebote. Das im Text beschworene „Neue“, das nur ein verkleidetes „Altes“ ist, symbolisiert sie mit einer Art Ikea-Klassizistismus. Säulen, Balkone und der nüchterne Charme der Funktionalität. Allerlei Getier würd auf die Bühne gestapelt, eine Plastik-Idylle Disneyhafter Ursprünglichkeit, barocke Pupursessel und Königsroben stehen gemeinsam mit so manchem Plüschtier für eine infantile Sehnsucht nach einfacheren Zeiten, nach dem „König“, der alles gut macht, wobei „gut“ klar, eindeutig und auf die Partikularinteressen des jeweils Sehnenden ausgerichtet heißt. Richters Inszenierung ist ein eklektischer Mischmasch unterschiedlichster Einzelbilder, ein Empörungs- und Verstörungsauflauf einer sich selbst nicht mehr erkennenden Gesellschaft. Da versuchen sich schwarzpulloverte Intellektuelle an einer Text- und Wirklichkeitsexegese, prollt ein erschreckend glaubwürdiger Matti Krause einen Berlinernden Wutbürger auf die Bretter, dass man sich an dem Lachen, das man sich gerade aus dem Leib gedrückt hat, regelrecht verschluckt, gibt Benny Claessens das Fremdbild eines zutiefst infantilen König, der die intellektuelle Verachtung selbigen dem Publikum mit einer Brutalität ins Gesicht schleudert, die dessen Überlegenheitsgefühlt bis nach Reinickendorf bläst, entlädt sich die kollektive Wut im Chorischen, spielen die Darsteller*innen – neben Ritter Anne Müller und Julia Wieninger – 50 shades of female bewilderment.

Es gibt Gewaltwideos und karikatureske Text-Re-enactments in freier Natur, Puppenspiel, Muppets, KKK-Masken, Waffenballetts, einen rastlos zuckenden Frank Willens und Satire. Idil Baydar kommt mit ihrer Kunstfigur Jilet Ayşe vorbei, die mit ihrer direkten Sprache nicht nur dem kulturbürgerlichen Publikum seine Illusionen und Klischeebilder rund um „Integration“ und Rassismus um die Ohren haut, sondern auch so brachial in Jelineks ins Unendliche mäandernde Wortkaskaden hineingrätscht wie einst Klaus Augenthaler in seine Gegenspieler. Immer wieder ist auch Claessens ein solcher Störfaktor, der sich arschbombenhaft in die Textozeane wirft, das Sprachwasser aufspritzen lässt und wiederholt mit einer Wut dessen Tendenz zur Nabelschau konterkariert, dass es eine Lust ist und eine Last.Elfriede Jelineks Text umkreist weniger die karikierte Figur, deren Namen auch hier nicht genannt sein soll (womit dieser Text sich so arrogant kokett gibt wie Jelinek es von dem ihrigen behauptet), als die eigene Hilflosigkeit ob seines Erfolgs, das Unverständnis gegenüber jenen sich unverstanden Glaubenden, die diesen möglich gemacht haben, die Selbstgerechtigkeit der Filterblasenhaftigkeit linksliberaler Denkverweigerung – schön dargestellt in der Überheblichkeit der diskursverweigernden Polstersesselrunde direkt nach der Pause.

Jelineks überbordender Textflut stellt Richter eine ebensolche Bilderwelle gegenüber. So wie die Autorin (jetzt ohne Anführungszeichen) ihre Sprache zumüllt, sich in Assoziationsketten ergeht, die an ihrem Ende ihren Anfang längst vergessen haben, bewirft der Regisseur sein Publikum mit einem Rausch an Zeichenhaftigkeit, dass die Symbole sich gegenseitig auffressen, verdauen und wieder ausscheiden. Das Stück wühlt in den Exkrementen einer sich viel zu lange viel zu sicheren Gesellschaft, die so lange überzeugt war, auf der richtigen Seite zu stehen, bis sie die Augen öffnete und feststellte, dass die „Seiten“ längst woanders hingewandert waren. Die Inszenierung stellt sie auf, bewirft die Zuschauer*innen mit ihnen, lässt sie sich in selbigen spiegeln. Es ist ein ausufernder, eklektischer Abend, an dem nicht zusammenpasst, der viel zu lang ist, viel zu selbstverliebt, viel zu virtuos auf Schauspielersoli setzt (auch Tilman Strauß als gelangweilter Vernunftfeierer sei erwähnt). Und der genau darin den Text auf den Punkt trifft und den Zuschauer in die Fresse. Der unsere Zeit und ihre Vernunft- und Logikverweigerung trifft in einem wütenden Bilderrausch in die Tonne gekloppter Gewissheiten. Kein Spiegel, in den man gern schaut. Aber wegschauen – da ist schon Benny Claessens vor – ist nicht.

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Ein Gedanke zu „Wegschauen ist nicht

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