Sprühsahne statt Suizid

Leiden ohne Liebe (aua aua, OHWEH OHWEH), P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marlene Knobloch)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dies ja der Tag der Rache. Acht junge Menschen zahlen es dem Peiniger all der jungen Generationen der vergangenen Jahrzehnte heim, der sie quälte, ihnen die Lust an Literatur und ihrem bekanntesten Vertreter deutscher Zunge verleidete, Konzepte von der Liebe und dem Leiden an ihr, durch sie vermittelte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Der Werther ist’s, der schmachtende, suizidale Künstler, der an einer unerfüllten Liebe zu zerbrechen glaubte und sich selbst zerbrach. Ihm können sie es jetzt zeigen, ihm die Leviten lesen, ihn einem Exorzismus unterziehen, der sich gewaschen hat. Und wenn Menschen, die gerade die Tür zur Pubertät zu geschlagen haben oder vielleicht sogar noch im Türrahmen stehen, eines wissen, dann, dass Lächerlichkeit eine der schärften Waffen ist, die ein Mensch in seinem Arsenal haben kann. Also ziehen die angepissten Acht alles durch den Kakao, was sie mit dem Werther! und dem Kult um das Leiden, das zum Lieben gehöre, verbinden, durch den Kakao. Oder in diesem Fall die reichlich eingesetzte Sprühsahne.

Aber der Reihe nach. Wir befinden uns im „Heartbreak Hotel“, wo ein tieftrauriger Conférencier in schmutzig rosa Pagenuniform einen Liederabend mit den 100 traurigsten Liedern der Welt ankündigt. Leider hören wir nur eines, dann schlurft ein Möchtergern-Selbstmörder auf die Bühne, mit Banden um Kopf und Handgelenke – die praktischerweise auch die Hände umfassen, sodass schon mal für längere Slapstick-Passagen gesorgt ist, in denen er an einem Telefonhörer oder einer Wodka-Flasche scheitert, bevor die ebenfalls depressive Krankenschwester ihn und sich mit Sprühsahne abfüllt. Weiter geht es mit Flashbacks, in denen mit reichlich Goethe-Text die Aufregung, Dauererregung und lebensverändernde Wirkung klischeehaft romantischer Liebe vorgeführt wird. Ein Chor klagt, echot und mahnt, es wird viel getrunken und am Ende führt eine albern slapstickhafte Nebenbuhler-Konfrontation zu einem René-Pollesch-haften-Diskurs – eine Grundregel: muss in jedem P14-Stück vorkommen – darüber, was uns denn eigentlich so leiden mache an der Liebe und ob Selbstmord denn feige oder mutig sei. Auch das ist nicht weiter erheblich und wohlig eingebettet in die farcenhafte Gelächtermaschinerie dieser knapp eineinhalb Stunden. Am Ende gibt es noch einen Ballontanz, zu dem besagter Conférencier – wie alle Darsteller*innen mit aufgemalten Glitzertränen im Gesicht Werthers Tod rezitiert. Dann wird es dunkel.

Leiden ohne Liebe geht mit seinem Thema so um wie mit seinem Titel, einer Umkehrung des Liedes, mit dem Schlagerstar Udo Jürgens einst seine Tochter Jenny hitverdächtig ins Leben entließ (und der natürlich zum Schlussapplaus erklingt). Jedem Klischee wird sein Humporpotenzial abgelauscht, jeder Tropos ins Lächerliche gekehrt, die Absurdität des Leidenskultes ausgestellt, als wäre das noch nie jemandem auf- und eingefallen. Dabei gelingen den acht Spieler*innen sehr unterhaltsame und hochkomische Miniaturen, Slapstick-Einlagen, die funktionieren, auch wenn sie wenig originell sind, und reißt nicht nur die Spielfreude sondern auch die durchaus herauszustellenden Fähigkeiten des jungen Ensembles durchaus mit, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Abend ebenso eklektische Abfolge von Versatzstücken ist wie die Bühne mit ihrer Kombination aus Bar und Krankenzimmer mit den künstlich silbernen Palmen und der schwarz-weißen Wandgestaltung. Ein Klischeeort-Verschnitt wie es auch die Inszenierung ist. Alles albern, alles lächerlich: Liebeskummer, das Ideal der ewigen Liebe, Selbstmord aus gebrochenem Herzen.

Wer dem P14-Ensemble gegenüber wohlwollend eingestellt ist, könnte versuchen, darin ein groß Reinemachen sehen, das all den Ballast der Erwartungen, denen sich auch junge Menschen in Bezug auf die „große Liebe“ ausgesetzt sehen hinweg fegt. Wer realistischer aufgelegt ist, sieht in dem Abend eine eher selbstverliebte Nummernrevue der Lächerlichkeit, die sich am eigenen Scharfblick ebenso ergötzt wie an den eigenen Fähigkeiten zum Slapstick. Und wer etwas kritischer draufblickt, erkennt womöglich gar einen Hang zum Zynismus, der gerade bei der Behandlung des nicht allzu lachenswerten Themas Selbstmord aufblitzt. Alles Blödsinn und wir checken das endlich. Aber entscheiden wir im Zweifel für den Abend und sein überaus einnehmendes Ensemble und tun ihn als etwas zu leichtgewichtigen Ausrutscher ab einer immer noch aufregendsten Jugendtheatergruppen im deutschsprachigen Raum.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: