Menschen-Ikebana

Gob Squad: Creation (Pictures for Dorian), Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Jugend, Alter, Vergänglichkeit, die seltsame Beziehung zwischen Kunst und Leben: wer sich mit der mittlerweile über 20-jährigen Arbeit von Gob Squad beschäftigt, stößt immer wieder auf diese themen- und Motivgebiete. Da wirkt es dann auch alles andere als unlogisch, dass der Blick des deutsch-britischen Kollektivs irgendwann auf Oscar Wilde’s Roman The Picture of Dorian Gray fallen würde. Darum geht es bekanntlich um einen sündigen Jüngling gleichen Namens, der seinen Alterungs- und moralischen Verfallsprozess an sein Porträt auslagert. Während er in der Blüte seiner Jugend verbleibt, rottet das Bild vor sich hin. Leben und Kunst tauschen die Rollen, die Vergänglichkeit wandert von einer Sphäre in die andere. Was für eine atemberaubende, wenngleich durchaus erschreckende Vision. Mit der Macht von Kunst, Vergängliches festzuhalten, beginnt denn auch der Abend. Während Sean Patten (die Performer*innen wechseln täglich – diese Rezension bezieht sich auf die Vorstellung am 4. Mai 2018) eine Zuschauerin per Bleistifft auf Papier bannt (!), richtet Sarah Thoms ein Ikebana-Arrangement an, das sie nach Fertigstellung unter eine Wärmelampe stellt. Am Ende des gut eineinhalbstündigen Abends sind die Blumen verwelkt. „Ewigkeit“ und Vergänglichkeit, beides im Reich der Kunst. Ein Schlag ins Gesicht der Eindeutigkeit.

Bild: Sascha Krieger

So weit zur Blume. Aber wie steht es mit dem Menschen? Dem Künstler, um genau zu sein? Sean Patten, der Bühnenrandzeichner, mag Dreiecke. Auch die Kunst, erklärt er uns, lebt von einem solchen. Da ist der Künstler (A), das Material (B) und der Zuschauer/Betrachter/Rezipient (C). Fehlt eines, funktioniert es nicht. Das Angeschautwerden ist der Kern, der Humus, auf dem Kunst gedeiht, das Fundament, auf dem sie steht. Creation (Pictures of Dorian) ist daher auch ein Abend des Anschauens und Angeschautwerdens, der Bilder und ihrer Herstellung. Drei Gob-Squad-Mitglieder (an diesem Abend neben den genannten Bastian Trost) werden ergänzt durch je drei jüngere Perfmer*innen um die 20 und drei ältere über 70. Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart. Zunächst werden die Jungen in Bilderrahmen drapiert als Re-enactments der eigenen Jugend. Sie posen blumenbekränzt, während die Arrangeure versuchen, sich selbst in ihnen zu sehen. Die Grundkonstellation performativen Theaters, die Aufsplittung und Vermischung von Performer und Rolle, die meist seinen Namen trägt und natürlich doch eine Kunstfigur ist, eine Art menschliches Ikebana, neu zusammengesetzt aus natürlichen Zutaten, diese Grundkonstellation wird hier weiter aufgebrochen.

A und B sind bei Gob Squad meist das Gleiche. Hier werden sie zunächst getrennt, nur um dann multipliziert zusammen zu fallen. Und doch bleiben sie getrennt. Das gilt insbesondere im Verhältnis zu den Älteren. Während die Jungen meist Projektionsfläche bleiben, sind sie Zukunfstvision wir eigenständige A-B-Konstruktion. Sie bieten Raum für Projektionen und haben doch ihre eigene Geschichte. Susanne Scholl, die einst als Frankreich-Verkörperung Marianne begann, Dieter Rita Scholl, die ganz am Schluss ihre Iphigenie vom Badischen Staatstheater vor 50 Jahren in die Nacht tanzen lässt, oder Dietrich Nowak, der einst als Marlene Dietrich brillierte. In ihnen gehen eigene Träume, Erfahrungen, Niederlagen eine Symbiose ein mit den Wünschen, Hoffnungen, Ängsten der Herren und Damen mittleren Alters. Die mit dem Angeschautwerden kokettieren und hadern. Irgendwann zieht sich Thoms aus, ein Theaterklischee, wie sie sagt, präsentiert ihren alternden Körper selbstbewusst, offen, wie ein Beweisstück. Nowak wird später die Frage, ob er auf der Bühne sterben wolle, bejahen. Die ultimative Konsequenz eines Lebens als A und B.

Spiegel und Spiegelungen spielen eine Schlüsselrolle an diesem Abend. Die Generationen reflektieren einander, ahmen sich nach, in einer wunderbaren Sequenz überblendet sich Trost mit Nowak und einer jungen Performerin – per Video aber auch real auf der Bühne durch eine geschickte Kombination aus Licht und Spiegelanordnung. Es ist ein spielerischer Abend, voller Selbstironie und humorvoller Hinterfragung des eigenen Tuns, der eigenen Wichtigkeit. Bei dem das Sich-selbst-nicht-so-ernst-Nehmen aber nie zur bloßen Pose wird. Stattdessen denkt er auf kreative, humorvolle, zuweilen hinterfotzige, dann wieder behutsame, zarte, sanfte Weise darüber nach, was Kunst ist und will, wo der Künstler aufhört und der Mensch anfängt (oder umgekehrt?), wann Leben Projektion ist und Kunst Realität oder irgendeine andere Verbindung aus diesen Drei-, Vier-, Vielecken. Denn wenn keiner hin- und anschaut, ist dann irgendetwas wirklich? Wenn uns niemand sieht, sind wir dann real, ob als Kunst, Leben oder Erinnerung? Am Ende vergeht eine über 70-jährige Iphigenie-Erinnerung in die Dunkelheit. Und bleibt doch. In diesem seltsamen Dazwischen, das Kunst ist. Und Theater. Und Leben. Manchmal.

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