„Zeitbomben der Zukunft“

Junges DT – Tanja Šljivar: Draufgängerinnen. All Adventurous Womes Do, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Salome Dastmalchi)

Von Sascha Krieger

Es war eine Klassenfahrt mit Folgen. 2014 kehrten sieben 13-jährige Mädchen in Bosnien und Herzegowina mit einer Überraschung von einem fünftägigen Schultrip zurück: Jede von ihnen war schwanger. Die kollektive Empfängnis schlug wellen, erreichte die Weltpresse, führte zu Diskussionen über sexuelle Aufklärung, Verhütung und natürlich vermeintliche moralische Defizite in der Gesellschaft. Jeder hatte etwas zu sagen, nur sieben Menschen blieben stumm: die schwangeren Mädchen. In ihrem Stück Draufgängerinnen. All Adventurous Womes Do gibt ihnen Tanja Šljivar nun eine Stimme. Und Regisseurin Salome Dastmalchi Gesichter und Körper. Vier weibliche und drei männliche, zwischen 15 und 19 Jahren alt. Geworfen in einen weißen, noch zu beschreibenden Raum. Ein neutraler Kasten (Ausstattung: Paula Wellmann), der nicht so gleichgültig erscheint wie er ist. An den Wänden ein Meer aus Hashtags. Symbol der Selbstdarstellung, des mit eigener Stimme Zu-Worte-Kommens, aber auch der öffentlichen Verurteilung, der kollektiven Meinungsäußerung, des globalen Prangers. Ganz hinten eine runde Ausbuchtung, die Andeutung eines kirchlichen Altarraums. Das urteilende, richtende Auge der Gesellschaft ist nicht weit.

Bild: Arno Declair

Und es bricht sich Bahn: Chorisch tritt es in Aktion, dem schutzlosen Individuum viel zu nahe tretend, mit der unerbittlichen Stimme des strafenden Kollektivs. Aber auch einzeln, meist erhoben über den Zuhörenden, den Empfängerinnen der erwachsenen Botschaft. Wohlwollend klingen diese Stimmen, aber auch sie instrumentalisieren nur, feiern die Schwangerschaften als Argumente im Kampf gegen Unmoral (Sex ohne das Ziel der Fortpflanzung) und Abtreibung. Auch sie diktatorisch, keinen Widerspruch duldend, Kommunikation als Einbahnstraße definierend. „Niemand hat uns jemals gefragt“, klagt eine der sieben. „Fragt mich!“ fordert sie, nur um der zaghaften Zuschauerin, die der Aufforderung folgt, über den Mund zu fahren. Nein, die Zeit, Fragen zu stellen ist vorbei. Jetzt sind sie dran und sie entscheiden, mit wem, wie, worüber sie reden, wie sie sich zeigen, wer sie sein wollen. Das Warum der kollektiven Schwangerschaft steht im Raum und wird nie beantwortet. Es zählt vor allem als Frage, als Zeichen des nicht rational Einzuordnenden, des sich nicht der Vernunft und der Erklärungshoheit der Erwachsenen Unterwerfenden. Es ist in seiner Erklärungsverweigerung der ultimative Akt der Rebellion.

Die sieben treten vor allem als die Gruppe auf, die die Öffentlichkeit ihn ihnen sah. Das ist die Schwäche des Abends. Auch wenn einzelne zu Wort kommen und mitunter ihre Geschichten andeuten, stehen sie immer fürs Ganze, erscheinen sie austauschbar, nicht individuell und damit genau im Sinne der sie kollektivierenden und anonymisierenden Außenwelt aus Eltern, Ärzten, Kirche, Gesellschaft. Das ist ein kleiner Schönheitsfehler ansonsten eher starker eineinhalb Stunden. Denn die Energie, die Unbedingtheit, die herausfordernde Direktheit, mit denen die sieben Spieler*innen das Recht einfordern, für sich selbst nicht nur zu sprechen sondern ebenso zu leben, zündet. Die Freude über die positiven Schwangerschaftstest ist wie ein Sonnenaufgang, ein Anknipsen des Lichts, ein Moment, nach dem sie nicht mehr ignoriert, objektifiziert, benutzt werden können. Zumindest glauben sie dies. Dabei findet der Abend stets den richtigen Ton: die Aufgeregtheit frühpubertärer Schulhofgespräche, das Selbstbewusstsein sich findender (wenn auch kollektiver) Ichs – etwa in einer wunderbaren Catwalk-Szene mit Umschnall-Babybäuchen – die Teenage-Träume von einer besseren Zukunft, die stillen, reifen, klarsichtigen Selbstreflexionen.

Spielerisch ist der Tenor, die Schwangerschaft ein Abenteuer, ein Rammbock, der die Tür zum Erwachsenwerden aufstößt. Doch die Gesellschaft schläft nicht. Langsam ändert sich die Athmospäre, friert das Lächeln ein, werden die Körper rigider, die Gesichter ernsthafter. In roten einteiligen Overalls stecken die sieben. Sie erinnern ein wenig an Gefangenen-Uniformen à la Guantanamo, das rot ist Herausforderung, aber auch Scham, Symbol der gesellschaftlichen Verurteilung. Immer wieder ballen sich die Mädchen und Jungen – die Gender-Mischung steht für die Universalität des Behandelten, aber auch für die Verantwortung der sich gern entfernenden Väter (Stromaes unvermeidliches „Papaoutai“ erklingt mehrfach)  – zusammen, suchen die Nähe des anderen, die Wärme der Gruppe, bilden Tableaux gemeinsamer Verzweiflung wie Widerständigkeit. Gemeinsam sind sie vielleicht (noch) nicht stark genug, um dem übermächtigen Außen zu widerstehen (am Ende treiben alle ab). Aber es hat sich etwas geändert: Sie haben ihre Stimmen gefunden, ihre (kollektive) Identität, ihre Stärke, die eine dediziert weibliche in einer patriarchalen Welt ist. „Wir sind die Zeitbomben der Zukunft. Wir werden explodieren“, sagen sie, ruhig und bestimmt, nachdem sie ihre Zukunft gerade getötet zu haben scheinen. „Uns ist nichts zugestoßen“, behaupten sie am Ende. Vom Status Quo um sie herum lässt sich das nicht sagen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: