Machtspieler

John von Düffel nach CoriolanJulius Cäsar und Antonius und
Cleopatra von William Shakespeare: Rom, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

„Democracy Dies in Darkness“: Seit die derzeitige US-Regierung ihren Feldzug gegen die Pressefreiheit begonnen hat, prangen diese Woche im Kopf der „Washington Post“. dass das „Ende der Geschichte“, ausgerufen nach Ende des so genannten Kalten Krieges, eine Illusion ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Demokratien nicht unsterblich sind, wissen wir aus der Geschichte. Der deutschen, zum Beispiel. Weil wir aber am Theater sind und wir im Zweifelsfall immer zuerst William Shakespeare zitieren, der aus verständlichen Gründen kein Chronist der Weimarer Republik war, gehen John von Düffel und Karin Henkel ein bisschen weiter zurück: nach Rom, dem uns bekannten zweiten Demokratieexperiment der Geschichte, einem, das blutig begann und ebenso endete. Also hat von Düffel sich drei Shakespeare-Dramen vorgenommen und aus ihnen einen Diskurs über Geburt und Tod der Demokratie gebastelt: Beginnend mit Coriolan, wo sich das Volk gegen einen Autokraten durchzusetzen scheint, über Julius Cäsar und den Versuch, die Demokratie zu retten, der diese jedoch in tödliche Gefahr bring bis zu Antonius und Cleopatra und den vernunftbeschwerten Triumph der Diktatur.

Bild: Arno Declair

Nun ist das bei Shakespeare nicht ganz so einfach, hat die Demokratie römischer Prägung nicht den leichtesten Stand. Das Volk ist in seinen Werken wankelmütig, bestechlich, auf den eigenen Vorteil bedacht, wenig visionär und schreit beim ersten Widerstand nach dem „starken Mann“. Leider kommen  die „großen Männer“ (und Frauen!) nicht viel besser weg. Alle drei Dramen sind erfüllt von Machtkämpfen, Intrigen, der Korruption des Menschen durch die Macht. Die sich dieser entgegenstellen – Coriolan, Brutus, am Ende auch Antonius – sind zum Scheitern verurteilt. Aber auch und das macht die Ausgangslage für von Düffels Shakespeare-Eindampfung schwieriger: zum Großteil keine glühenden Demokraten. Wo aber die Demokratie keine glaubwürdigen Verteidiger hat, stellt sich nicht nur die Frage, wie sie zu retten sein könnte, sondern auch, warum. Was uns in die heutige Zeit führt, zu Trump und den populistischen Bewegungen Europas, welche auch dem letzten Demokratieverteidiger klar gemacht haben dürften, wie ambivalent die Idee der „Herrschaft des Volkes“ sein kann, wenn man sie falsch versteht oder für seine Zwecke instrumentalisiert.

Also zeigen uns von Düffel und Regisseurin Karin Henkel drei Miniaturen manipulativer Herrschaft. Im Mittelpunkt steht dabei ein sehr prosaischer Verhandlungstisch, den Thilo Reuter auf seine ansonsten etwas beliebig wirkende flexible Drehbühnen-Raumkomposition stellt, auf der Graffitis zuweilen programmatische Shakespeare-Zitate („The dream of death“, „See the signs“) hinausschreien und eine aufgemalte umgedrehte Wolkenkratzersilhouette verkündet, die Ordnung sei aus den Fugen. Also wird verhandelt, um sie wiederherzustellen. Im ersten eher nüchtern gehaltenen Teil schreit  Michael Goldbergs als Coriolan vergeblich gegen die machtbewusste Schläue der gleich dreifachen Mutterfigur im kleinen Schwarzen (Auchtung: Überzahl!) und die eindrucksvoll von Benjamin Lillie und Camill Jammal mit perfekter Aasigkeit gegebenen Volkstribunen an. Populismus und Machtbewusstsein gewinnen, die Demokratie triumphiert, aber um welchen Preis?

Diesem eher blutleeren und arg plakativen Anfang folgt ein zumindest ästhetisch spannenderer zweiter Teil. Da wird zunächst Coriolans Leiche zu der Cäsars, eine schöne Kontinuität der politisch motivierten Gewalt. Auch hier sitzt man am Ende gemeinsam am Tisch, wo Brutus (ein bis zur Abwesenheit zurückgenommener Felix Goeser) und Antonius (in seiner wandelbarkeit der perfekte Machtspieler: Manuel Harder) ihre berühmten Reden vortragen. Das Volk ist zwar im Hintergrund zu hören,  spielt aber keine große Rolle. Die Macht liegt in den Händen der Großkopferten, die mit rhetorischer Finesse und populistischem Lärm (Henkelentdeckt hier ihre Liebe zu Megafonen) die labilen Massen steuern. Antonius versteht das, Brutus eher nicht, weswegen er das Spiel auch verliert. Zuvor hatte sich in einer Art Horror-Geisterspiel die Vorgeschichte um den Mord an Cäsar abgespult – formal und atmosphärisch nicht uninteressant, inhaltlich kaum erhellend. Das plumpe Miteinander aus manipulativer Macht und sich gern fügendem, bestechlichen Volk bleibt bestehen.

Dieser eher pessimistische Blicke findet sich auch im Schlussakt, den Henkel noch stärker ins Groteske kippen lässt. Da wird Oktavius zum doppelten Horrorjungen mit Prinz-Eisenherz-Frisur und grellblauer Grusel-Schul-Uniform (Jammal und Lillie), der nach der an einer Angel schwebenden Krone greift, Antonius zum verlebten Idealisten, der Realität entrückt und Cleopatra zur Wiedergängering von Coriolans Mutter: unnachgiebig, pragmatisch, machtbewusst. Überhaupt betonen von Düffel und Henkel die Parallelen zwischen den Teilen eins und drei, wiederholen immer wieder Dialoge und Sätze vom Anfang, spiegeln Situationen und Konstellationen (die Mütter, das intrigante Doppel Jammal-Lillie), wobei hier wie da Figurendopplungen für Machtmechanismen stehen. Auch spielen Frauen Schlüsselrollen, sind immer wieder Katalysator und Antreiber, neben Anita Vulesicas Cleopatra vor allem Wiebke Mollenhauer, die sowohl Portia als auch Oktavia zu Handlungsantreibern macht und die Männer wiederholt zu Reagierenden degradiert. Dass es am Ende die Frauen sind, die (mit) untergehen, liegt in der Natur der (patriarchalen) Macht.

Das ist alles stringent und klug gedacht, sauber konstruiert und ohne große Längen erzählt – mit der schneidenden Stimme Kate Strongs hat der Abend auch noch eine ironische wie klarsichtige Erzählerin und Einordnerin – und doch lässt der Abend den Zuschauer kalt. Zu sehr steht seine eigene Konstruiertheit im Mittelpunkt und sich selbst im Wege, zu eindeutig ist die Botschaft, zu durchsichtig seine erzählerische Strategie, zu plakativ seine theatralen Signale (dass die (un)toten Cäsar und Bruris am Ende (Verhandlungs-)Tischtennisspielen ist ein ebenso hübsches wie plattes Bild). Nur selten gelingt es den Darsteller*innen so etwas wie Intensität zu erzeugen, am ehesten noch Lillie und Jammal in ihrer satirischen Unbedingtheit, Vulesica mit ihre finalen Klarsichtigkeit und Harder als aus der Welt fallenden Ich-Spieler. Dies ist keine Welt für Individualisten, wer zu viel von sich preisgibt, wer den Kopf zu weit rausstreckt, verliert. Über die Demokratie, wie und warum sie zu retten sei, sagt der Abend wenig, über die Mechaniken der Macht, nichts, was wir nicht schon gewusst hätten. Je länger sich die Bühne dreht, desto mehr landet Rom im Leerlauf, sieht sich gefangen in der eigenen schwarz-weißen Cleverness. Shakespeare auf eine Kernaussage zu reduzieren, ihn als pures Instrument zu betrachten, heißt, ihn all seiner Kraft zu berauben. Und so wirkt dieser Abend so leblos und falsch wie all das verschmierte Theaterblut.

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