Smells Like Team Spirit

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Berliner Ensemble (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

„Man muss aufpassen.“ Wenn Bettina Hoppe diese Worte spricht, mit all der Weisheit von jemandem, von dem man behaupten könnte, alles gesehen und ausprobiert zu haben und der darum weiß, dass dies nicht einmal im Ansatz der Fall ist, ist dieser Abend zu Ende. (Außer man sitzt in der Vorstellung, die dieser Rezensent besucht hat und erlebt einen Überraschungsbesuch von Benjamin von Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg samt Gesangseinlage auf der Bühne, aber das ist eine andere Geschichte.) Bis dahin haben wir  zwei Stunden lang einem Menschen beim Abstürzen zugesehen. Vom Outsider in einer niedersächsischen Außenseiter- (weil linksgerichteter Pfarrers-)Familie über den ambitionierten Jungjournalisten zum Star und Drogenwrack mit Essstörungen. Das irgendwie wieder zurück ins Leben kommt. Sich eigentlich nicht zurückkämpft, sondern eher zurückgespült wird. Irgendwie. Es ist die Geschichte Benjamin von Stuckrad-Barres, aufgeschrieben in seinem autobiografischen Roman Panikherz. Oliver Reese hat das Buch jetzt auf die Bühne seines Berliner Ensembles gewuchtet. Als Mischung aus Rezitation und Konzert, das die zwei Grundelementen von Stuckrad-Barres Wirken und Überleben in den Mittelpunkt rückt: Popmusik und Sprache.

Bild: Julian Röder

Udo Lindenberg spielt im Roman eine Schlüsselrolle. Er war musikalisches Erweckungserlebnis des Pubertierenden, Objekt seiner Hybris und damit einer der Ausgangspunkte für das, was ein Arzt später seine Selbstabschaffung nennen würde, als er den ehemaligen Helden im Rolling Stone aufs Altenteil schickte, und Agent seiner Rehabilitation, ein später Freund, dessen Ratschlag „Keine Panik!“ (Stuckrad-Barre: „Und das war für mich jetzt schon eine wichtige Information.“) zum Überlebensmotto wurde und nun – eine tröstliche Botschaft, wie der Autor nach der Vorstellung sagt – am Berliner Ensemble vorbeilaufeneden Passanten freudig entgegenruft. Bei Reese sind die Lindenberg-Momente Gerüst, aber dominieren nicht. Ja, immer wieder kehrt der Abend zurück zu dieser Musik, aber er tut das mal affirmativ, mal beiläufig, mal durchaus ironisch. Die Idee, dass Rockmusik Leben retten könnte, ist, das sagt dieser Abend auch, ebenso lächerlich wie wahr. Zumal hier nicht nur Lindenberg erklingt. Die exzellente Live-Band unterlegt das (vermeintliche) Erwachsenwerden des viel zu Unreifen mit Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, die zunächst als Fahrstuhlmusik beginnt, nur um dann zu der Explosion zu werden, die sie für die Generation des Autors (der auch dieser Rezensent angehört) war. Ähnliches gilt für Oasis, deren Musik hier aber eher den Gegenpol bildet: als seltsam beäugtes Relikt einer falschen Hoffnung. Da mutiert „Don’t Look Back in Anger“, Produkt der Ausverkaufsphase der Band, zum Easy-Listening-Nichts, während eine Band, die eher dieser Sphäre zugeordnet wird, besser abschneidet: eine trocken wissende deutsche Version des Eagles-Songs „Desperado“ skizziert den Verlorenen in knappen Worten und Tönen.

Wobei „knappe Worte“ nicht so Stuckrad-Barres Ding sind. Er ist ein Spracharbeiter und -spieler, einer, bei dem Sprache Wirklichkeit schafft und zuweilen ersetzt, eine Sprache, die pulsiert, rhythmisches Material darstellt, die Energie aussaugt und erzeugt, Lebenselixier ist und Verhängnis, die immer zu viel ist und manchmal genau richtig. Reese gibt ihr viel Raum, auf den Stufen, die den Rausch bedeuten – Hansjörg Hartung ist eine Bar- oder Club-Andeutung  mit Blümchenteppich mit Bartresen im Hintergrund. Auf ihr bewegen sich gleich vier Benjamins. Zunächst Bettina Hoppe, die das Jetzt repräsentiert, eine erinnernde, Zurückblickende, Bilanz ziehende. Ehrlich, trocken, etwas verwundert, aber voller Wärme gegenüber den jüngeren Ichs. Carina Zichner gibt den naiv nervösen Teenager, Laurence Rupp den unsicher arroganten Jungautor, Nico Holonics den Drifter, selbstbewusst und selbstzerstörerisch. Irgendwann fließen sie ineinander, bevölkern gemeinsam die immer vernebeltere Bühne eines Lebens, das sich in den Kopf gesetzt hat, das eigene Ich zu zerreißen und in tausend Stücke zu zerhacken.

Die Vier bilden eine Einheit und fragmentieren das Ich zugleich – eine sinnige Setzung in einer Zerfallsgeschichte, die bei Stuckrad-Barre durchaus einen weiteren Kontext hat, bei Reese jedoch vollständig individuell bleibt. Das mag man bedauern, ist aber stimmig und durchaus konsequent: Im Kern ist jede Suchtgeschichte eine der Isolation, der Abschottung vom Außen, des Rückzugs in ein verheertes Inneres. Ein Inneres, das alles andere als intakt ist, was Reese durch seine Vervierfachung ausdrückt. Und so schreit, zappelt und spielt sich das Quartett durch eine Geschichte der Selbstzerstörung, die der Abend recht geradlinig erzählt. Wo der Roman die Integrität des Konzepts einer Biografie durchaus in Frage stellen will, nimmt die Bühnenadaption dieses als gegeben an. Die „Gegenwärtige“ (Hoppe) ist ein gelegentlicher Kommentator, ansonsten bleibt der Abend durchaus chronologisch, wobei ihm auch eine gewisse Sprunghaftigkeit eigen ist. Große Entwicklungen geschehen plötzlich, unangekündigt, wie aus dem Nichts. Auch das eine Spiegelung einer Persönlichkeit, die ihre Mitte verloren hat.

Dabei fragt Panikherz kaum nach den Ursachen, deutet natürlich die Geschichte eines Kindes an, das sich stets als nicht zugehörig erfuhr, lässt der sucht ansonsten aber ihre eigene Logik. Dabei schränkt das schlichte Frontalunterrichts-Format die theatralen Mittel zwar ein, reduziert das Spiel auf ein Feigenblatt-Minimum, gibt aber dafür dem Text, der Sprache viel Raum, lässt sie ein Eigenleben entwickeln, das so weit geht, dass man mitunter meint, nicht die Darsteller*innen sprächen ihre Worte, sondern umgekehrt. Ein gewisser Hang zur simplen Illustration ist dem Abend nicht abzusprechen, etwa wenn große Veränderungen sich mit klanglichem Crescendo ankündigen, auch die Drogen- und Selbstkasteiungsspirale wird mit so mancher klischeehaft wirkenden Darstellungsroutine vorgetragen. In seinen schwächeren Momenten wirkt der Abend wie ein Abklatsch von Drogenfantasien à la Hollywood, doch immer wieder erkämpfen sich Text und Darsteller*innen Augenblicke größter Wahrhaftigkeit, am eindringlichsten vielleicht, wenn Zichner in einer Litanei aus Songtiteln und Medikamentennamen den Verfall eines zutiefst abhängigen mit erschütternder Körperlichkeit auf die Bühne rammt. Wie bei Stuckrad-Barre selbst- und Fremdbild sich gern von der Wirklichkeit abkapseln, besteht hier eine Spannung aus Behauptung und Wahrheit. Die der Abend nur selten erreicht, aber zuweilen eben doch. Auch die, dass alle Ich-Fragmente zusammenkommen müssen, um den Abgrund zu verlassen, was die vier Benjamin-Teil am Ende, wenn auch widerwillig, tun. Ob das gelingt, bleibt offen und harte Arbeit an diesem Abend, der kein großes Theater ist, aber ein ehrlicher Versuch sich an etwas abzuarbeiten, das der außenstehende nie verstehen kann. „Man muss aufpassen.“ Am besten gemeinsam.

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