Elfriede Jelinek… verzweifelt gesucht

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wurde Donald J. Trump, Immobilienmogul und Reality-TV-Star, zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Noch am gleichen Tag soll Elfriede Jelinek mit der Arbeit an Am Königsweg begonnen haben. Darin stellt sie nicht nur die Frage, wie es zu Trumps Wahl kommen konnte und was mit einer Gesellschaft passiert sein muss, die derart leichtfertig mit ihrer demokratischen Macht umgeht, sondern hinterfragt auch sich selbst, ihre Rolle als Autorin, ihre Unsicherheit und Ohnmacht, die Sinnhaftigkeit dieses ihres Tuns. 80 Seiten stark ist die Textfläche, so lang wie fast eineinhalb Hamlets, wie Robin Detje im Programmheft errechnet hat. Ein wie immer assoziationsstarker Text voller Wortspiele, die diesmal nicht selten am Rande der Verzweiflung und Resignation entlang balancieren, Gedankenschlangen, die sich selbst und gegenseitig auf die Füße treten, in den Schwanz beißen und in die Weichteile boxen. Ein offenes Schlachtfeld persönlicher wie kollektiver Verunsicherung.

Bild: Arno Declair

Stephan Kimmigs Regieansatz lässt sich am besten anhand einer Szene beschreiben: Da kommen, gerade war von Trumps Plänen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, die Rede, drei Mariachi in grellbunten Sombreos und Ponchos auf die Bühne. Sie inhalieren den Inhalt heliumgefüllter Luftballons und rezitieren dann mit Mickey-Mouse-artiger Stimme den Text der Literaturnobelpreisträgerin, der dadurch vollkommen unverständlich wird und eh im Publikumsgelächter untergeht. Hier finden sich die drei Grundelemente der Inszenierung wieder: eine immerhin äußerst konsequente Gleichgültigkeit gegenüber dem Text, die nicht selten zur Nicht- (vielleicht mitunter gar Ver-?)achtung heranwächst, eine Liebe zum Slapstick als Rückzugsraum, wenn sonst gar nichts mehr geht – also in diesem Fall über fast die gesamte Länge des Abends, und ein Hang zur überdeutlichen Illustration des Gesagten, die zu einer Eindeutigkeit führt, die Jelinek mehr scheut als der sprichwörtliche Teufel das ebensolche Weihwasser. Es gibt viel zu sehen, zu hören, zu lachen an diesem Abend. Nur eine fehlt: Elfriede Jelinek.

Das zeigt sich schon zu Beginn. Minutenlang ist Holger Stockhaus damit beschäftigt, in seiner Küche herumzuhantieren, nachdem er zuvor eine albern ironische und nichtssagende Zaubershow heruntergespult hat. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis er die ersten Jelinek-Worte spricht. Beiläufig und zugleich so überbetont, so auf die Wortspiele weisend, dass sie in ihrer Mischung aus Nichtbeachtung und Überbeleuchtung gleichsam wieder verschwinden. Warum Katja Haß‘ Bühne eine auswuchernde Küchenkonstruktion ist, erschließt sich nicht so recht. Das Bild von der Ordnung, die sich aus sich heraus selbstverliebt und nachlässig unkontrolliert weiterspinnt, bis sie sich selbst aufhebt, ist durchaus schlüssig. Aber warum Küche? Weil es in dem Text auch um toxische Männlichkeit geht und die Küche das vermeintliche „Reich der Frau“ ist? Weil sich Würstchen (die Stockhaus zu Brei verarbeitet!), Gurken und Lauch veritable Phallussymbole sind? Vielleicht, vielleicht nicht, es interessiert auch nicht weiter. Den Abend, der desinteressierter nicht sein könnte, schon gar nicht.

So findet die spannendste Ebene des Textes, die Auseinandersetzung der „Autorin“ mit sich selbst, gar nicht statt, und auch die „Trump“-Ebene ist so weit reduziert, dass wenig mehr bleibt als eine Nummernrevue nicht selten weitgehend für sich stehender Wortspiele. So weit, dass selbst die angesichts der Textlänge lächerlichen weniger als zwei stunden Spielzeit noch viel zu lang wirken. Das Ensemble, bestehend aus Stockhaus, Anja Schneider und Linn Reusse als konsumgeile Tussi-YouTube-Blondinen (Achtung: das sich asozial an sich selbst aufgeilende Wohlstandsprekariat), Marcel Kohler mit Trump-Perücke und Dutzenden Brillen auf der Stirn (Leitmotiv Blindheit!) und „König“ (=Trump) Božidar Kocevski im güldenen Onesie mit ebensolchem Lorbeerkranz (auch der Wasserhahn erstrahlt übrigens in Gold), ist mehr mit Slapstickeinlagen (es gibt eine kollektive Ausrutschroutine am Jahrmarktniveau!) und überdeutlichen Illustrationen (Kohler darf einmal militaristisch nazistisch im Stechschritt marschieren, Stockhaus deutet eine Hitler-Imitation an) beschäftigt als damit, mit dem Text irgendetwas anzufangen. Später treten Kermit der Frosch und Miss Piggy (zweifach) auf. Das ist im Text angelegt, darauf, die Frage zu beantworten, warum, kommt Kimmig nicht.

Überhaupt erscheint ihm der Text eher lästig. Also gibt es viel Musik, die letzten Minuten wird gesungen, unter anderem ein Lied vom Morgen, in das man heute nicht mehr reisen könne. Warum? Weil es wie Miss Piggy und Kermit in der Muppet Show vorgekommen sei, sagt Kimmig im Programmheftinterview. So einfach kann Theater sein, wenn man sich nicht darum schert, was das Material, mit dem man spielt eigentlich intendiert, wenn man existenzielle Selbst- und Gesellschaftsbefragung mit Satire und diese mit slapsticksatter Unterhaltung verwechselt. Da ist es dann viel spannender, die Ähnlichkeit eines Wischmops mit Donald Trumps Frisur herauszustellen, als sich damit befassen zu müssen, was die von Jelinek diagnostizierte Blindheit der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft bedeutet und welche Auswirkungen sie haben mag auf unsere Gegenwaurt und Zukunft, unsere Realität und die Möglichkeit neuer Wirklichkeiten. Am Ende singen die fünf Darsteller*innen Hanns Dieter Hüschs hübsches (wenn auch für diesen Rezensenten durch Franz Rogowskis Interpretation in In den Gängen schwer beschädigtes) „Abendlied“: „Die Lampen leuchten, der Tag ist aus.“ An diesem Abend waren sie nie an.

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Ein Gedanke zu „Elfriede Jelinek… verzweifelt gesucht

  1. […] Stephan Kimmig dieses Konvolut am Deutschen Theater kürzlich zu einer müde plakativen Satire verzw…, greift sich Falk Richter in seiner Uraufführung das ganze Gebirgsmassiv einer Jelinekschen […]

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