Fünf Figuren suchen (k)einen Ausweg

Dead Centre nach „Der Sturm“ von William Shakespeare: Shakespeare’s Last Play, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

„All the world’s a stage“? Ist es nicht eher andersherum? Versuchen wir es doch mal so: Klappen wir die halbrunde Spielfläche in angenehmem Blau einmal hoch und schauen, was sich darunter verbirgt: Aha, eine Insel! Zwei Berge hat sie nicht, aber zwei Felsbrocken die vor dem Sandstrand im Wasser liegen. „I’m nearly finished“, hat die leicht traurig klingende Stimme aus dem Off gerade gesagt. Wir befinden uns in den letzten Zügen eines Autors. Einmal noch muss er Geschichten erfinden, Figuren, einen Anfang und ein Ende. Warum? Weil er nicht anders kann? Also probiert er es mit besagter Insel. Wie wäre es mit einem Schiffsunglück? Gute Idee, meint die Stimme. Ein schiffsbrüchiger Prinz, der auf ein auf der Insel lebendes Mädchen trifft? Ja, das könnte klappen. In ihrer ersten Schaubühnen-Arbeit schreibt die irische Theatergruppe Dead Centre die Entstehung von William Shakespeares letztem Stück The Tempest (Der Sturm) nach. Erstmal eine Liebesgeschichte. Bessere habe er geschrieben, so der müde Autor im Off, aber die Liebe habe sich ja auch nicht verbessert. Das reicht nicht. Also wie wäre es mit einem Mord? Sex? Tod? Probieren wir aus.

Bild: Marco Bresadola

Dazu schickt der Autor/Regisseur, der Shakespeare ist und dessen – hier denn auch nicht auftretender – Protagonist Prospero, fünf Schaubühnen-Schauspieler*innen über die Bühnen-Insel und durchs Wasser (die erste Zuschauerreihe ist denn auch mit Regenumhängen ausgestattet). Man spielt mit viel Einsatz und einigem Pathos, aber es fühlt sich nicht richtig an. Auch weil sie keine Kontrolle haben. Immer wieder ruft die Off-Stimme (Bush Moukarzel, einer der beiden Köpfe von Dead Centre) „Stop!“. Doch was danach? Die Darsteller/Figuren hinterfragen ihre Szenen, ärgern sich über Tonfall und Sinnlosigkeit des Getanen, kommen aber nicht aus ihren Rollen – beim nächsten „Stop“ geht es gleich weiter. Aber irgendwas passt nicht. Schon in der Mordszene knirscht Sand im Getriebe, die Sexszene gerät vollends zum Fiasko. Immer wieder bricht Jenny König als zwischen Naivität und Willensstärke pendelnde Miranda sie ab, was den übermäßig selbstgewissen und ungemein testosteronstrotzenden Ferdinand von Mark Waschke immer mehr in Rage bringt, bis er die angebetete beinahe (oder tatsächlich?) vergewaltigt. Das „Stop“ verpufft zunächst, die Kontrolle entgleitet dem Strippenzieher.

Dabei ist hier alles Steuerung und Überwachsung. Die Darsteller*innen werden mittels GPS getrackt und navigiert. Das wachsame Regisseursauge hat sie stets im Blick und zeichnet ihnen auf, wo sie hin sollen und was dort tun – für den Zuschauer zusehen auf der Rückwand, auf der Karten die Wege und Endpunkte aufzeichnen. Doch irgendwie geht es nicht weiter, wenden sich die Rollenmuster gegen Figuren und Geschichte, wird der Alpha-Mann zum Gewalttäter und findet sich selbst nicht mehr. Der Sturm ist eine Geschichte um Verlorene, die sich am Ende wiederfinden. Durch Magie, ein Wunder, das Wunder des Vergebens. Aber so leicht ist das nicht. Der Verlust des Selbst ist ein existenzieller, der sich nicht per Deus Ex Machina wegwischen lässt. Und er ist mitten drin in der conditio humana, ist vielleicht sein Kern. Wenn dann noch ein bestimmendes Narrativ hinzukommt, das besagtes Ich in eine Rolle zwängt, wird es eng, der Käfig immer kleiner, schlägt das Tier im Menschen wütend aus, wehrt sich, sich den Ausweg, der noch verschlossen bleibt, wenn man nicht einmal weiß, wo (und wer) man ist.

Immer tyrannischer wird die Off-Stimme, immer kontrollierender – auch in ihr Panik, auch sie bedroht vom Verlust. Dabei will sie aufhören, die letzte Geschichte zu Ende schreiben, aber wie? Und vor allem: Was kommt danach? „Hier waren wir schon mal“, gluckst Thomas Bading als König Alonso wiederholt hysterisch hervor.Das Geschichtenrad dreht und dreht und dreht sich. „I’ve spent my life inventing endings“, sagt die Stimme. „There’s only one ending and it signifies nothing.“ Also reiht er die fünf an der Wand auf, mit dem Navi-Destinationspunkt „Tod“ über ihnen. Dann noch die letzten Shakespeare-Worte, die erde wird zurückgelassen, Schluss.

Doch, nein, es ist nicht vorbei. Shakespeare ist verwest, komatös, aber noch am Leben. Wir lassen ihn nicht los. Und die Figuren? Verloren im Nirgendwo. Nicht sterbend, so lange wir an ihnen festhalten. Sie wollen raus, sich befreien von der nun verstummten Stimme, aber sie kommen nicht von ihrem Narrativ los. Weil wir ihn nicht loslassen, diesen Shakespeare. Aber hat er uns überhaupt noch etwas zu sagen? Ist es nicht pervers, Prinzen auf einer Mittelmeerinsel stranden zu lassen, wenn genau dort tagtäglich Flüchtende angespült werden? Und was soll das mit dem Einfühlungsversprechen? Zählt denn das Innenleben überhaupt oder geht es nicht vielmehr um unser Handeln? Und was weiß Shakespeare eigentlich von uns? „Ich bin eine Frau“, sagt Jenny König. „Shakespeare hat keine Ahnung, wie es in mir aussieht.“ Doch wohin und wie? Shakespeare sich (im Wortsinn) einverleiben, ihn zerstören oder verwandeln? Oder ihn doch intakt halten, mitnehmen, wohin auch immer? „Der Sturm in dieser Welt sind wir“, sagt König am Ende in einer Vision von Befreiung. Und steckt dann doch wie die anderen  den Kopf in den Sand, bevor die Vogel-Strauß-Truppe aus dem Untergrund mit Tom Waits „The earth died screaming as I lay dreaming“ sind. Wir seien, sagt Prospero, der Stoff, aus dem die Träume sind. Doch träumen wir oder werden wir geträumt. Und wenn, von wem? Und wie kommen wir (und „er“) da heraus. Am Ende ertönt ein letztes „Stop!“. Die Freiheit war nur Illusion. Alles andere auch?

Der Abend ist – wie dieser Text – voller Fragezeichen. Er spricht von der befreienden Kraft des Theaters, das uns Welten, Alternativen, Leben vorstellen lässt, die uns sonst nie in den Sinn kommen. Und das doch einengt, kontrolliert, navigiert, uns dahin bringt, wo es uns haben will. Er erzählt von der Ambivalenz des Erzählens, von seiner diktatorischen Macht, dem Zwang des Narrativs, der Rolle, der Vorbestimmung. Er handelt von gesellschaftlicher Kontrolle, von Überwachung und dem Wunsch auszubrechen. Und davon, wie schwer , wie unmöglich es scheint, diese zu verlassen, das Narrativ hinter sich zu lassen oder gar ein neues, eigenes zu schreiben. Wenn am Schluss die imaginierte welt wieder verschwindet, bleibt Leere. Die Figuren sind verschwunden und doch noch da. Untote, gefangen zwischen Buchdeckeln und in Regisseurs- und Zuschauerhirnen. Und auf den Sitzen letzterer. denn auch wie sind nur blaue Trackingpunkte auf der Karte unserer Welt. Fremdbestimmte, Kopf-in-den-Sand-Stecker. Ein düsteres Bild. Und doch auch ein heiteres. Denn Shakespeare’s Last Play kennt auch die subversive Kraft des Lachens, den rebellischen Akt der Lächerlichkeit, der Macht in Frage stellt, straucheln lässt und ihren Umsturz zumindest denkbar macht.  Während und indem sich die Erzähl-, Denk-, Imaginationsebenen ineinander verknäueln, sie miteinander spielen und sich gegenseitig in den Schwanz beißen und auf die Füße treten, entstehen Zwischenräume, Möglichkeitswelten. Nur hereinspaziert. es mag dunkel darin sein. oder ganz hell.

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