Bilder von Ihm

Das 1. Evangelium. Frei nach dem Matthäus-Evangelium, Schauspiel Stuttgart (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Der sterbende Erlöser am Kreuz, die Mutter mit dem Kind, der beweinte Leichnam, das Abendmahl: Die Ikonografie des christlich geprägten Teils unserer Welt ist ohne Bilder Jesu nicht zu denken. Das Leiden des Gottessohnes ist die (reichlich späte) Urschrift unseres, nun ja, Kulturraums, die Idee einer über die Generationen hinweggetragenen kollektiven Schuld keine neue, die Idee des Lebens als Leidensweg auch nicht. Kaum ein Narrativ der so genannten westlichen Welt (auch in Teilen der „östlichen“ ist das kaum anders) ist ganz ohne Jesus zu lesen, schon gar nicht in der „hohen“ wie der „populären“ Kultur. Ob Heldengeschichten, Kämpfe zwischen gut und Böse, Narrative individueller Bewusstwerdung, Selbtopferungen, persönliiche Erlösungsgeschichten, aber auch solche von gesellschaftlicher Erneuerung, von Revolution und ihrer Zurückschlagung, vom Status Quo und dessen Hereuaforderung: Ob bewusst oder nicht – die vier Evangelien stehen stets zumindest als Urquellen Pate. Dass Kay Voges irgendwann bei diesem Urnarrativ des „Abendlandes“ landen würde, war zu erwarten. Der Dortmunder ist ein Theatermacher, der sich intensiv damit, welche Bilder uns prägen, welche uns zu dem machen, was wir zu sein meinen, wie diese Bilder entstehen und warum, wer sie macht und wozu er sie einsetzt und welche Bilder wir nicht sehen, weil andere sie überlagern und verdrängen.

Bild: JU

„Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.“ Der Satz von Jean-Luc Godard steht nicht nur im Programmheft, er flimmert auch über eine der beiden kleineren Videtafeln links und rechts auf der Bühne. Auf der alles Film ist. Immer wieder senkt sich die den Vorhang ersetzende Leinwand und wird zur den ganzen Bühnenrahmen füllende Projektionsfäche, unterbrochen nur von ihren erwähnten kleineren Verwandten. Ist der Vorhang oben, dreht sich ein vielräumiges Filmset auf Michael Sieberock-Serafimowitschs Bühne. Ein Regisseur (Paul Grill) dreht einen Film über Jesus, eine traumatisierend blutige Geburtsszene am Anfang mit Maria und Josef als Unterschichten-Wohnwagenbewohnern, beendet er mit einem lapidaren „Cut!“. Dieser Fred ist ein Wiedergänger Pier Paolo Pasolinis, dessen Evangeliumsverfilmung zu den Hauptinspirationsquellen des Abends zählt, aber ist natürlich auch Alter Ego von Voges. Ein durchaus selbstironisches, schließlich spielt Grill ihn als Egomanen mit narzisstischen wie größenwahnsinnigen Tendenzen. Sein Gegenüber ist Holger Stockhaus, der seinen Produzenten mit intensiver Mischung aus Intellektualität und Grobschlächtigkeit auf die Bretter hämmert, dass der Zuschauer alles andere zuweilen zu vergessen droht. Mit seinem Cowboyhut und der ausgestellten Wichtigkeit – er lässt sich schon mal von einem dornenbekrönten Jesus den Nacken massieren – repräsentiert er Voges‘ anderen Bezugsrahmen: die Populärkultur, vertreten durch Hollywood.

Und so ist das, was hier gedreht wir, ein B-Movie. Mal Action-Thriller, mal Horrorfilm, überlagern die religiösen und die massenkulturellen Bilder einander in einer explosiven Mischung aus Sinnversprecheen und Eskapismus. Da deklamiert Julischka Eichel als Jesus schon mal gegen den Lärm einer Action-Szene im Auto an, da wechseln sich in einer Art Fotostudio (der amerikanische Fotografie-Pionier Fred Holland Day, der unter anderem Alte Meister mit religiösen Motiven nachstellte) inkonografische Jesus-Tableaux mit popkulturellen Ikonen, etwa Mickey Mouse oder die mordende Krankenschwester aus Kill Bill ab. Ein Krankenzimmer wird zum gekachelten und assoziationsreichen Horrorfilmset, das Jesus vollblutet und in dem Judas versucht, sich zu erhängen. Manolo Breitling ist ein widerwilliger Verräter, der sich ähnlich ungern in seine Rolle fügt wie Eichel oder Peer Oscar Musinowski als Täufer-Johannes. Ausbruchsversuche sind an der Tagesordnung, während Freds Projekt den Bach (natürlich ist auch die Matthäuspassion zu hören) runtergeht. Alles ist Zitat, bis irgendwann die Bühne stehen bleibt und sich Stockhaus in Pontius Pilatus verwandelt, Fred für seine Kleingeistigkeit kritisiert und dann eine furiose Monty-Python-Hommage hinlegt, samt feixenden Prätorianern.

Denn es geht eben um den Versuch, Geschichten zu erzählen, Bilder zu schaffen, immer und immer wieder neu. Da ist die von Jesus eben erbauliche Parabel oder schockierendes Gemetzel, Abenteuer-Story oder skeptische Parodie. Immer und immer wieder setzt das Erzählen neu an, erfindet es Jesus als empathischen Kümmerer oder als egomanisch rasenden, als (v)erbitterten Rächer oder als verzweifelt Suchenden, als leidenden und als von sich selbst Gelangweilten. Voges‘ ist ein Theater der Gleichueitigkeit: Bühnengeschehen, Live-Video auf bis zu drei verschiedenen Ebenen und eingeblendete Texte von Gilles Deleuze oder Alain Badiou überlagern einander, prallen gegen die anderen, zwingen den Zuschauer stets dazu, sich sein eigenes Bild zu schaffen („Es ist an Ihnen, das Dritte aus zwei Bildern zu bilden“, sagt Godard). Es ist ein Prozess, der Disparates zusammenbringt. So stehen an den Bühnenrändern Palmen (Jerusalem!) neben Autowracks (Hollywood!), findet das Abendmahl in einem Diner statt (über dem in Neonschrift auch noch „Theatre“ steht) und Lazarus‘ Wiedererweckung im Horror-Kachelraum.

Die Sezierung der Bildproduktion führt nicht zu einem Kern sondern zu neuen Bildern. Denn die Offenlegung ihrer Erschaffung ist selbst Bild, theatral gebannte Momentaufnahme, immer und immer wieder reproduziert. Am Ende bevölkern zahlreiche Jesusse die Bühne, für jeden Geschmack einen: revolutionäre, schmerzensreiche, traditionelle, rebellische, atheistische. Das Jesus-Narrativ ist immer Machtmittel, die Rolle des Gottessohns stets Mittel zum Zweck. Ob tröstlich oder strafend: Die Geschichte der Menschwerdung und Selbstopferung  des Schöpfer-Sprosses steht nie im luftleeren Raum. Und so reflektiert sein Kurzschluss mit anderen, jüngeren, unterhaltenden Bildern auf seine Funktion als Ware, als Diener des Konsums, als Verkaufsargument, kapitalistisch, intellektuell, politisch – aufladbar mit so ziemlich jeder inhaltlichen Zielsetzung. Fred ist irgendwann außen vor, will immer weiter drehen, wie sich die Bildmaschine weiter dreht, denn sie Geschichte ist nie zu Ende erzählt, weil sie irgendjemand immer braucht. Verzweifelt rennt Fred an, gegen die Vereinnahmung des von ihm als offen Konziperten, als zur Interpretation Einladenden, ein Zauberlehrling, der seine Besen nicht mehr kontrollieren kann. Er rennt, schreit, wütet, auf offener Bühne und in ihrem verborgenen Inneren. Viel an diesem Abend – die eklektische Ikonografie mit ihren Amerikanismen und Neonschriften, wie der zunehmend rastlose Tonfall – erinnern an das Theater Frank Castorfs, die filmische Zitatschleuder an René Pollesch.

Auch die theatrale Ebene ist voller Zitate – auch Selbstzitate, denn natürlich hat der Vogeskenner auch die Borderline Prozession im Kopf und vor Augen. das Bildermachen ist ein Perpetuum Mobile, das sich nicht nur selbst antreibt, sondern auch noch multipliziert, immer neue ebenen schafft. Eine finale Bilderflut weist denn auch ganz ins Heute, auf unsere Notwendigkeit wie Unmöglichkeit, uns ein eigenes Bild zu machen. Der Traum, aus dem Fred schöpfen wollte, ist Albtraum geworden, die unsere Kultur erst schaffende Ikonografie wendet sich in ihrem gezielten Zuviel zur Waffe. Sie erschafft ihre eigenen, immer neuen Zerrbilder, Spiegelungen, Gegenbilder, manipulierte und manipulative Neuinterpretationen. Die sich weiterdrehen, auch wenn es längst schwarz ist auf der Bühne. Denn auf der, die wir aus dem Saal kommend betreten, bleibt es hell, dreht sich das Bilderkarussell weiter, bleiben wir in der Verantwortung, uns ihren zu stellen, unsere eigenen zu finden. Und wissen darum, dass dies nicht möglich ist. Ein ebenso konstruktives wie destruktives Paradox, das Kay Voges mal eben in gut zwei Stunden zu Theater macht. Nicht weniger.

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Ein Gedanke zu „Bilder von Ihm

  1. […] ihm . Das war schon bei der Borderline Prozession ähnlich, während andere Voges-Arbeiten, etwa Das 1. Evangelium, auf dem weg zu einer ähnlichen Form des Erzählens den umgekehrten Weg nahmen: Aus einer […]

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