Steinewerfer im Glashaus

FIND #18 – Simon Stone nach Motiven von Henrik Ibsen: Ibsen Huis, Toneelgroep Amsterdam (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Schon wieder ein Ferienhaus, ein gläsernes noch dazu. Modernistisch, architektonisch wertvoll. Wer Simon Stones Überschreibung der Drei Schwestern gesehen hat, fühlt sich gleich ein wenig zuhause. Und weiß was kommt: Geheimnisse, die aufgedeckt, Leichen die aus dem gläsernen Keller geholt, Selbstbetrüge, die entlarvt werden. Im Glashaus werden Steine geworfen, große Brocken, tödliche. Ein Haus steht im Mittelpunkt von Tschechows Stück und Häuser sind meist auch Dreh-, Angel- und Schicksalspunkte in den Dramen Henrik Ibsens. Derer sich Stone diesmal als Ganzes annimmt, als Kosmos der Erforschung und Sezierung der elementarsten und gestörtesten gesellschaftlichen Einheit überhaupt: der Familie. Und was für eine Familie sich Stone aus Ibsens Universum zusammengesammelt hat: Da ist der Patriarch, Cees Kerkman, gefeierter Architekt, Wiedergänger von Ibsens Solness, Bruder im Ungeiste seiner anderen Alpha-Männer, der Borkmans und Brands. Hans Kesting spielt ihn als fast karikaturhaften Tyrannen, der charmant sein kann, kalt berechnend und cholerisch, der umschalten kann im Bruchteil einer Sekunde, ein vollständig selbstbezogenes Familienmonster mit einem dunklen Geheimnis. Einem? Ach was? So billig kommen wir bei Stone nicht davon.

Bild: Jan Versweyveld

Denn was fährt der Australier nicht alles auf: Einen mörderischen Hausbrand, einen Suizid, AIDS, aktive Sterbehilfe, Kindesmissbrauch, reihenweise von ihren Müttern aufgegebene Kinder – und das ist nur die familiäre Ebene. Hinzu kommen Machtmechanismen, die jeden Mafia-Boss mit Stolz erfüllen würden, Intrigenspiele vom allerfeinsten, Ehrgeiz und Größenwahn in Ibsenscher Potenz. Und auch damit noch nicht Schluss: Fünfzig Jahre umspannt der Abend und reicht von der Flower Power und 1968 bis hin zur aktuellen Flüchtlingsdebatte. Alles drin. Da rotiert nicht nur die Drehbühne, sondern auch Autor und Regisseur Stone. Etwa ein Dutzend Figuren sind zu bewegen, die meisten in doppelter Ausfertigung, passend zum jeweiligen Lebensalter. Und damit nicht genug: Biblisch oder zumindest Dante-esk muss es natürlich auch noch sein. Also gibt es drei Abschnitte: Wie beginnen im Paradies und landen über das Fegefeuer in der Hölle. Das kann ja heiter werden. Und nein, heiter ist das tatsächlich nicht.

Technisch ist das virtuos: Stone überlagert die Zeitebenen, lässt Bewohner unterschiedlicher Epochen gleichzeitig das Haus, widerwilliges Prestigeobjekt des eigentlich antimodernistischen Star-Architekten Cees, bewohnen, lässt die Jahre auf offener Bühne in einander übergehen, während er sie szenisch fein trennt, das Ganze muss schließlich leicht konsumierbar sein, angesichts eines dreistündigen ununterbrochenen Redeschwalls selbst schon eine Herausforderung. Die Erzählsprache wirkt filmisch, Schnitte, Perspektiv- und Zeitwechsel sind perfekt orchestriert. Das hält den Zuschauer bei der Stange, unterstützt von einem subtil atmosphärische Soundtrack dräuender Unheilsverkündung. Hie geht alles dem Abgrund entgegen. Das ist schon im „Paradies“ so, dem durchgestylten Illusionshaus der perfekten Oberflächen (Cees’ erster Auftritt, in dem er einen Tobsuchtsanfall angesichts eines Blumenkastens mit Geranien hat, ist ein komischer Höhepunkt). Hier herrscht die perfekte Familie, bleiben die Leichen verpackt, auch wenn die Konfliktlinien schon mehr als klar werden. Der Teppich, unter den alles zu kehren ist, hat seine Kapazitätsgrenze längst erreicht, die Machtmechanismen sind brutal und intakt, das Familiengefüge als Mischung aus Kontrolle und Verdrängung funktioniert.

Im „Fegefeuer“ ist das Haus nurmehr Gerippe, befindet sich im Auf- und im Wiederaufbau (das diesen verursachende Feuer gibt es im Schlussakt). Dies unterstreicht noch einmal die Grundthese von der Wiederholung nicht aufgearbeieteter Sünden. Alles ist doppelt, jedes Vergehen wiederholt sich von Generation zu Generation. Die Figuren sind Wiedergänger ihrer Vorgänger, aber auch ihrer jüngerer Ichs, was im „Inferno“ klar wird, in dem sich die Zeitebenen vollends ineinander schieben, die Toten zu den Lebenden treten, die Verlorenen sich selbst begegnen. Sie kommen nicht von der Stelle, was auch dadurch ausgedrückt wird, dass sie sich nicht nur im Haus des eigenen Selbstbetrugs gefangen finden, sondern sie auch nicht aus ihrer definierenden Kleidung kommen. Am deutlichsten und bemitleidenswertesten ist da vielleicht der 17- oder 18-jährige David Roos, der als schwuler Sohn Sebastiaan den Abend nur mit enger roter Badehose und Flip-Flops bekleidet verbringen darf. Die Verleugnungs- (Täter) und Verdrängungsmechanismen (Mitwisser), die wir in jeder Generation und immer wieder aufs Neue und Immergleiche mitverfolgen müssen, führen zu einer Stagnation, zu einer Gespenstwerdung der in ihrer individuellen und stets ebenso kollektiven wie universellen Schuld gefangenen Figuren, auf die alles an diesem Abend abgestellt ist. Jedes inszenatorische Mittel, jedes Zeichen deutet auf den Wiederholungszwang , verursacht durch die Unfähigkeit, Geschehenes aufzuarbeiten und sich der Vergangenheit zustellen. Das ist Ibsen, gesteigert ins Manisch-Obsessive.

Da ist auch der Wiederaufbau zum Scheitern verurteilt, hilft vielleicht nur ein radikaler Vernichtungsakt, der am Ende in zweifacher Ausführung zu beobachten ist. Und nochmals das Grundproblem dieses langen Abends illustriert: Er ist wie stets bei Simon Stone so sorgfältig konstruiert, dass sich schnell alles Leben verabschiedet, Geschichten und Charaktere in Formelhaftigkeit erstarren und nur noch ihrer narrativen Funktion dienen – dass Stone seine Familienbanden-Abgründe mit einer Katastrophendichte ausstattet, die selbst manchem Seifenopernautor die Schamesröte ins Gesicht triebe, ist da auch wenig hilfreich. Da verabschieden sich Borkman und Nora und all die anderen schnell, geraten die Figuren zu austauschbaren Pappkameraden, die unangenehm mit der eigentlich auf psychologischen Realismus ausgelegten Spielweise kollidieren. Hier berührt wenig, am ehesten noch, die finale Auseinandersetzung con Cees’ Tochter Lena mit ihrem Ex-Mann Jacob ob ihres Wissens über den Missbrauch der Tochter durch ihren Vater, der diese in den Selbstmord trieb. Da ist für einen Moment eine Unmittelbarkeit rohesten Schmerzes zu spüren, die Stone ansonsten hinter seinen Glaswänden abschirmt. Alles ist Zweck und Effekt, ausgerichtet auf die immer neue Bestätigung der stockpessimistischen Sicht auf Welt und Menschheit, virtuose Konstruktion und technische Perfektion. Der Mensch bleibt dabei auf der Strecke. Henrik Ibsen sowieso.

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