Der Duft der Erinnerung

FIND #18 – Amir Nazir Zuabi nach einer Idee Corinne Jaber: Oh My Sweet Land, Young Vic, London / Théâtre de Vidy, Lausanne (Regie: Amir Nazir Zuabi)

Von Sascha Krieger

Das Theater ist, das ist jetzt keine Neuigkeit, eine Kunstform der Präsenz. Publikum und Darsteller*innen befinden sich zur gleichen Zeit im gleichen Raum, die Kopräsenz von Darstellung und Rezeption macht es nicht nur einzigartig, sie ermöglicht auch die Ansprache aller menschlichen Sinne. Eine Möglichkeit, die eher selten wahrgenommen wird. Amir Nazir Zuabi und Corinne Jaber wollen sie nutzen. Auch wenn Geschmacks- und Tastsinn erneut außen vorbleiben, tritt in Oh My Sweet Land zumindest die olfaktorische Ebene hinzu. Und übernimmt gleich eine Hauptrolle. Es ist der Duft der karamelisierten Zwiebeln, der die Erinnerung hervorruft, eine Heimat aufruft, die verloren scheint und doch als zentraler Bestandteil der eigenen Individualität festzuhalten ist, zu suchen, in dem, was von ihr übrig ist. Zum Beispiel Kibbeh, ein zwiebelreiches syrisches Gericht, das die namenlose Figur, die Jaber spielt und mit der sie ihre deutsch-syrische Herkunft teilt, fast obsessiv immer und immer wieder zubereitet. Um „das Loch in ihrer Seele zu schließen“, wie sie am Anfang sagt. Wenn der süßlich scharfe Duft durch den Raum weht, kommt mit ihm die Heimat, ersteht vor dem Zuschauer das verlorene Land, wächst in ihr die Erinnerung.

Bild: Maria Del Curto

Also beginnt sie zu erzählen. Von der Großmutter, durch die sie Kibbeh einst in der elterlichen Wohnung in München kennenlernte. Von Ashraf, dem Syrer, den sie in Paris kennen- und lieben lernte. Und von all den Flüchtlichsschicksalen, denen sie im Libanon, in Jordanien und schließlich in Syrien begegnete, auf der Suche nach dem zurückgekehrten Ashraf, von dem sie sich, kaum wiedergefinden, erneut verabschiedet. Denn das Verlorene lässt sich nicht festhalten, die Welt, der er gehört, ist verschwunden, ausgelöscht, kaum Erinnerung. Aus dem Duft der erinnerten Speise könnte eine Welt erstehen, real durch die Vorstellungskraft, präsent in der Bewahrung ihres Geistes, erneuert durch den physischen Prozess des Kochens, Erinnerung als tätige Handlung. Aber nein, der Versuch sinnlicher Vergegenwärtigung bleibt im Ansatz stecken, der Duft der Erinnerung wird Mittel zum Zweck.

Und jener ist eben leider nicht viel mehr als didaktisch zweifellos wertvoller Frontalunterricht auf Volkshochschulniveau. Die Einsamkeit des Geflüchteten in der Fremde, die Erinnerungen an die verlorene Welt, gesucht im vermeintlich Familiären, konstruiert aus dem, was fremd bleiben wird, die Geschichten von Folter, Tod und Flucht, vom Verlassen und Zurückgelassensein sind sorgsam ausgesucht und nicht viel mehr als exemplarische Blaupausen auf Lehrbuchniveau eingedampfter Fluchterfahrungen – generisch, allgemeingültig, jeglicher Individualität entrissen. Beispielhafte Konglomerate hunderttausender Geschichten, die in ihrer Zusammenfügung seltsam unkonkret wirken, mühsam konstruiert, voll und ganz auf ihre didaktische Wirkung bedacht. Wird die Geschichte besonders dramatisch, dimmt man das Licht, stellt Jaber in den Lichtkegel, eine Intimität, eine Unmittelbarkeit behauptend, die dieser Abend in keiner seiner gut 60 Minuten einhält.

Im Anspruch, seinem westlichen Publikum die Erfahrung von Flucht und Heimatverlust, von Entfremdung und Verlorensein näherzubringen, erreicht er das Gegenteil. Das Gerochene, das Gesehene und das Gehörte bleiben separat und in ihrer Gesamtheit blutleer, zweidimensional, Geschichten, die ihre papierne Herkunft verraten. Dazu passt die platte Metaphorik des Schlusses, der versucht, aus dem Leitmotiv des Kochens einen Aufruf hinzusehen und sich zu erinnern, abzuleiten versucht. Das knirscht im narrativen Getriebe wie der ganze Abend. Schade eigentlich, denn das Thema hätte eine lebendigere Form der Vermittlung verdient. Und so bleibt am Ende der Duft einer Welt, die sich der Zuschauer selbst ausmalen muss.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: