Auf der dunklen Seite

Yael Ronen & Ensemble: A Walk on the Dark Side, Maxim Gorki Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Nanu, was ist denn hier los? Da geht man zu einem Yael-Ronen-Abend und weiß eigentlich, was man bekommt: diskursstarkes Theater über Identität, autobiografisch grundierte Reflexionen über Gewalt, Macht, Heimat, Stückentwicklungen zwischen Spiel und Selbstreflexion, in denen Rolle und Darsteller in ein Spannungsfeld treten, in dem sie oft kaum noch unterscheidbar sind. Und dann das: Mit A Walk on the Wild Side legt Ronen plötzlich ein Familienkammerspiel vor, das als „well-made-play“ durchgingen und in seiner handwerklichen Qualität das Niveau hätte, im West End oder (Off-)Broadway gespielt zu werden. Worum geht es? Ein Physiker, der sich mit dunkler Materie und dunkler Energie befasst, gewinnt einen wichtigen Preis. Zur Feier fährt er mit Frau, Bruder und dessen Freundin für ein Wochenende in die Uckermark. Hinzu kommt der verlorene Halbbruder, der einst auf Anregung der beiden Brüder aus dem Fenster sprang. Schnell kommen Familiengeheimnisse auf den Tisch, alte Ressentiments, neue Schuld, Lügen und immer wieder Lügen. Dabei wechseln die, die vermeintlich die Fäden ziehen, sich immer wieder ab, erst spät wird klar, wer das Ganze wirklich in der Hand hat. Am Ende ein paar Erkenntnismomente und ein fragiler Waffenstillstand, erzwungen durch eine Gewalt, die der Rachelogik folgt, auch wenn Ausführende und Motive nicht immer deckungsgleich sind.

Bild: Esra Rotthoff

Zunächst aber herrscht Volkshochschulatmosphäre: Immanuel (arrogant, aasig, gegen Ende überraschend macht- und gewaltbereit: Dimitrij Schaad) erläutert die dunkle Seite des Universums. Hier die dunkle Materie, die alles zusammenhält, dort die dunkle Energie, die für die Expansion des Universums verantwortlich zeichnet. Später werden noch die schwarzen Löcher hinzutreten, die physikalisch der Sphäre der uns bekannten Materie zuzurechnen sind, aber ähnlich wenig fassbar als Agenten von Zerstörung und Auslöschung agieren. Die ungefährlich seinen, solange man ihnen nicht zu nahe kommt. Weil das alles etwas wissenschaftlich sperrig ist, tritt Bruder Mathias hinzu (Jonas Dassler als zunächst positiv optimistischer Gegenpol, der seine Unsicherheit zunehmend schlechter verbirgt und sie, beginnend mit passiv-aggressiver Spannung, irgendwann sich in Ausgrenzungs- und Gewaltszenarioen entladen lässt), der sich aus der einfache Erklärung wissenschaftlicher Zusammenhänge eine Karriere gebastelt hat. Bei ihm wird das Thema zur Familiengeschichte, Materie und Energie zu den „Dark Brothers“. Später wird Immanuel hinzufügen, schwarze Löcher seien ungefährlich, so lange man ihnen nicht zu nahe kommt. Und schwupps sind wir mitten in der klassischen Dynamik eines Familiendramas.

Und hier liegt vieles im Dunklen, kommt aber rasch ans Licht. Zuweilen geschieht die Vermittlung der verborgenen Wahrheit ein wenig arg konstruiert (vor allem die Frauenfiguren dienen zunächst vor allem dazu, die richtigen Fragen zu stellen und den Geheimnisträgern ein Gegenüber zu geben, dem sie die Wahrheiten ausschütten können). Das erinnert zunächst an bissige Kammerspiele von Albee bis Reza. Spöttische Seitenblicke, kleine Nadelstiche, subtiles Nachtreten sind an der Tagesordnung. Jeder hat mit jedem ein Hühnchen zu rupfen, jede Beziehung ist ein Wettkampf. Lob gibt es nur um den Preis seiner augenblicklichen graduellen Zurücknahme, wenn dem anderen etwas gelingt, gibt es immer ausreichend Gründe, warum das so sein musste. Genüsslich seziert das exzellente Ensemble die Lebenslügen ihrer Figuren. Neben Schaad und Dassler sind das Orit Nahmias als Immanuels Frau Mania – trocken, sarkastisch, klarsichtig und in ihrer verzweifelten Sehnsucht nach Nähe ebenso angreifbar wie willens, das Spiel der anderen mitzuspielen, ja, selbst zum Spielmeister zu werden – und Lea Draeger als Magda, nach Selbstmordgversuch frisch aus der Psychiatrie entlassen, deren Fassade aus Naivität und dem natürlichen Wahrheitsdrang, den das Klischee mitunter Menschen mit ihrer Anamnese zuschreibt, auch Risse bekommt und andeutet, dass da mehr Berechnung vorhanden sein könnte, als es scheint.

Dass die Stimmung dann bald kippt, liegt nicht nur an der Bühne Magda Willis, die eine Innenraumandeutung als stählernes Treppengewirr interpretiert, bei dem man nie mit dem anderen auf Augenhöhe ist, einer absteigen muss, damit der andere aufsteigen kann, und es oft verbirgt hinter Vorhängen aus weißen Fäden, die Projektionsfläche sind für meist nächtliche Landschafts- und Landstraßenbilder, die nicht zufällig an David Lynch erinnern, und auch das Verborgene repräsentieren, das sich immer wieder Bahn bricht. Und es liegt auch nicht ausschließlich an der Musikuntermalung (Nils Ostendorf), die mit zunehmender Spieldauer immer stärker in Richtung Psychodrama und Horrorthriller driftet (dass Leonard Cohens „You Want It Darker“ eine zentrale Rolle spielt ist dann doch etwas plakativ). es liegt nicht zuletzt an einer Figur: David, der vergessene und einst verstoßene Halbbruder, Sohn einer israelischen Mutter und nie als dazugehörig betrachtet. Die Identitätsthematik, so wichtig bei Ronen, ist nicht abwesend, sie kommt durch die Hintertür, aus dem Schatten, wie es immer wieder Figuren an diesem Abend tun.

Denn es geht natürlich wieder darum, wer man selbst ist, wer man sein kann, wenn das Leben auf Lüge und strategischem Selbstbildaufbau fußt. David, den Jeff Wilbusch als Klischee-Neureichen spielt, freundlich, ein bisschen zu laut und sich nie in die Karten schauen lassend, ist der Katalysator des Ganzen. Er kennt die Geheimnisse – Facebook und Google lassen grüßen – und spielt sie meisterhaft gegeneinander und ihre Träger aus. So wird es zunehmend düstern, bleibt das Lachen im Halse stecken, entfalten sich nicht die wahren Gesichter, aber neue, hässlichere Fratzen, Gegenbilder des schönen Scheins. Das Aufdecken der Wahrheit hat nichts Kathartisches, weil sie nur das Nichts offenbart, das sich hinter der Oberfläche verbirgt. Der Wille, nachzuschauen, was „da drin“ ist, führt zu einer gespenstischen Schlusspointe. Es ist ein überraschender und recht starker Abend geworden, der vielleicht zu viel ausbuchstabiert und sich noch stärker auf die atmosphärische ebene und die Auseinandersetzung mit den zitierten Genres hätte einlassen können. Natürlich ist die Physik-Metaphorik ein wenig plakativ und geht am Ende zu sauber auf. So bleibt letztlich der Schlag in der Magengrube aus und doch die Konsequenz, mit der hier die alltäglichen Lebenslügen ausgespielt und die Ich-Konstruktion aus dem Geist der Verdrängung vorgeführt werden, im Gedächtnis. Als ein wenig kühle, aber umso wirkungsvollere Versuchsanordnung, die nicht ins Mark fährt aber wenigstens ins Hirn.

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Ein Gedanke zu „Auf der dunklen Seite

  1. Frank Wesner sagt:

    Mich hätte interessiert, wie lang die letzte Autofahrt gedauert hat.
    Jedenfalls durfte ich davor spannende Fotos machen, wovon ich eine Auswahl in meinem Blog habe: https://alleseintheater.wordpress.com/2018/04/14/25x-a-walk-on-the-dark-side/

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