Wenn Musik entsteht

Der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko und Yuja Wang zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Alles auf Abschied bei den Berliner Philharmonikern: In zwei Monaten endet die 18-jährige Amtszeit von Chefdirigent Sir Simon Rattle, der im Mai und Juni noch einen fulminanten Konzert Schlussspurt hinlegen wird. Aber weil jedem Ende bekanntlich ein Anfang innewohnt, schaut vorher kurz die Zukunft vorbei: Kirill Petrenko, der Sir Simon 2019 nach einer Übergangsspielzeit ohne Chefdirigenten beerben wird, gibt sein einiges Gastspiel 2017/2018 mit einem Programm, dass wie all seine raren Auftritte seit der Wahl vor drei Jahren nach programmatischen Hinweisen abgeklopft wird. Und tatsächlich bietet er auch jetzt ein paar Schlussfolgerungen an: Zum einen weist die Mischung aus je einem deutschen, französischen und russischen Komponisten daraufhin, dass der Schwerpunkt seiner Amtszeit nicht weit außerhalb der das Kernrepertoire des Orchestern ausmachenden Musiktraditionen liegen dürfte. Allerdings zeigt er auch, dass er bereit ist, innerhalb dieser jenseits der großen und kanonisierten Werke nach Schätzen zu suchen. Mit Paul Dukas‘ „Poème dansé“ La Péri und Franz Schmidts vierter Symphonie bildeten zwei Werke das Rückgrat des Abends, die man auf Konzertprogrammen eher selten findet. Ersteres war 1961 zuletzt bei den Philharmonikern zu hören, letzteres 1960.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Wieder einmal erweist Petrenko sich als akribischer Partiturerforscher, als Meister der Zwischentöne , als Dirigent, der seine Interpretationen aus dem Detail heraus aufbaut und zusammenfügt. Das eröffnet nicht zuletzt bei weniger bekannten Werken oft aufregende und erkenntnisreiche Sichtweisen. Dass Paul Dukas oft im gleichen Atemzug mit seinem Freund Claude Debussy gennant wird, machen Petrenko und sein zukünftiges Orchester vom ersten Takt an deutlich. Schwebend, leicht und durchsichtig beginnt die Musik zu einem Ballett, in dem einer junger Man die Unsterblichkeit sucht und sich am Ende mit seinem nahen Tod konfrontiert sieht. Mit großer Transparenz entfaltet Petrenko Dukas‘ Farbenspiel, langsam beginnt es zu glitzern und zu schillern, treten tiefere, dunklere Noten zum lichten Beginn hinzu. Kontraste in Dynamik, Rhythmus und Klangfülle deuten sich an, werden zunehmend ausgearbeitet, die Rhythmik tritt in den Vordergrund, wird härter akzentuiert, auch klanglich finden sich schärfere Töne ein, das Spektrum weitet sich in organischem Wachstum, füllt den Raum und offenbart Brüche. Die Bewegungsenergie steigt, das Geschehen wird spannungsreicher, die musikalische Landschaft zerklüfteter. Dabei bleibt der Boden unstet, betont Petrenko die Pianissimo-Passagen, in denen das musikalische Gebilde beinahe verschwindet, die drohende Auslöschung hörbar wird. Der Schluss halt nach, licht, melancholisch, sich selbst hinterhersehnend. Im werden findet Petrenko das Vergehen, im Wachsen das Sterben angelegt. Eine subtile Lesart, die in ihren Bann zwingt.

Das ist bei Franz Schmidt kaum anders. Auch hier das organische Werden – in diesem Fall ganz aus der Melodik, die voll und ganz noch der spätromantischen Tradition verbunden ist – auch hier die Weitung des klanglichen Spektrums in vollster Transparenz, die zu einer zunehmenden Verlagerung der Pole in Höhen und tiefen führt. Hier wie schon bei Dukas entsteht Musik vor unseren Augen und Ohren, führt Petrenko den Prozess dieser Entstehung vor – exemplarisch und doch ganz individuell. Der zweite Teil oder Satz – auch die Interpretation des Werks als einsätzig ist nachvollziehbar – erzählt die Geschichte vom Entstehen einer musikalischen Welt dann noch einmal neu: Beginnend mit dem innigen Gesang von Ludwig Quandts Solocello wächst ein lichtes, durchsichtig schimmerndes Klanggewebe heran, das sich verdunkelt, konzentriert und in der kraftvollen Zusammenballung sich wieder öffnet. Spannungsreich der dritte Abschnitt, der auch dem Geist des Kanons erwächst und sich im Dialog von dessen Zirkularität mit dem linearen Duktus des Crescendo entwickelt. Dabei tritt der Rhythmus als wichtiger Mitspieler hinzu, der sich in ein Spannungsfeld mit dem melodischen Grundgestus des Werks begibt. Der katastrophische Zusammenbruch am Satzende bleibt da Fremdkörper, eher sachliche Fußnote als Wendepunkt. Wichtiger dann die nächste Inkarnation des musikalischen Werdens aus dem Nichts im Schlussteil. Wie sich die Musik ein letztes Mal aus der Stille hervortastet, zart, fragil, suchend,  berührt. Mahlersche Klangfülle bleibt Episode, am Ende singt Gábor Tarkövis Trompete noch einmal aus der Stille und sich wie uns in selbige zurück.

Zwei detailgenaue Studien im musikalischen Werden und Vergehen, Versuche in Flüchtigkeit werden unterbrochen vom mit Abstand bekanntesten Werk des Abends: Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3. Im Zusammenspiel von Orchester, Dirigent und Solistin Yuja Wang gerät es zu einem Fest der Bewegungsenergie, einem Wirbelwind geboren im Rhythmus.Unsentimental hebt es an. Yuja Wang betont das Rhythmische, spielt mit harter Kante, aber auch treibendem Fluss, stets etwas ambivalent, mehrdeutig, mit atmosphärischer Dichte. Das wird vor allem im zweiten Satz deutlich, in dem dem Solist eher eine begleitende Rolle zugedacht ist. Nicht hier: Da bestimmt die Solistin das Geschehen auch im Mittelsatz. Sie verzögert, formt versonnene, sich selbst hinterherlauschende Töne, denkt rhythmisch und atmosphärisch. Die einzelne Note tritt nicht in den Vordergrund, die Wirkung zählt. Der Grundton ist nachdenklich aber auch neugierig. Das Orchester setzt Akzente und folgt ansonsten Yuja Wang auf ihrer Entdeckungsreise. Mal forsch, mal nachdenklich, immer eigensinnig, den Satz gegen den Strich bürstend. Der dritte Satz orientiert sich dann stark am ersten. Yuja Wangs Anschlag ist etwas klarer, des Zusammenspiel mit dem Orchester mehr auf Augenhöhe. Aber auch hier schlägt der Puls rhythmisch, steht musikalische Bewegungsenergie im Mittelpunkt, bildet den glühenden Kern des Werks. Wie der Abend in seiner Gesamtheit finden die Akteure hier Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Musik als Entdeckungsreise, die das zu Erforschende erst erschafft. Das wäre für die Amtszeit Petrenkos bei den Berliner Philharmonikern nicht das schlechteste Motto.

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