Herberts Nullnummer

Herbert Fritsch: NULL, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

Die Null ist eine seltsame Zahl. Man kann nicht zu ihr zählen, tut es aber doch. Sie bezeichnet etwas, das nicht da ist, aber irgendwie auch dieses Etwas, das, was da sein könnte oder da war. Ein, zwei, drei und so weiter sind Daseinszahlen, sie bezeichnen, was existiert, präsent ist, fassbar. Die Null dagegen ist eine Möglichkeitszahl. Sie ist Anfang und Ende, in ihr beginnt das vielleicht unendlich Wachsende, in ihr endet der Countdown, der selbst wieder ein Anfang ist. Eine großartige Zahl, die alles einschließt. Die Eins ist eines, die Zwei zwei. Die Null aber ist alles und nicht und was auch immer sich dazwischen vorstellen ließe. Herbert Fritsch ist ein Sucher nach Anfängen, ein Virtuose des Scheiterns, ein Meister des Versuchs. Die Null ist seine Zahl. Hier fängt sein Theater an, hier hört es auch. Es ist, was dazwischen liegt, was es so magisch, rätselhaft, aufregend macht. Die unendliche Zahl der Möglichkeiten, die er bestenfalls andeutet. Ein Theater der Rätsel, das in Rätseln spricht. In solchen aus Lauten, Worten, Musik, Licht, Zeit, Raum. In diesem neuen Fritsch-Raum liegen rote Kunststoffplatten. Quadratische. Einige haben ein kreisrundes Loch. Nicht fern von ihnen liegen Kreise in der gleichen Größe wie das Loch. Das Etwas, das im Nichts des Lochs einmal war oder dort sein könnte. So wird das Loch, die Null zum etwas, transportiert, das was dort sein könnte, immer mit.

Bild: Thomas Aurin

Anfänger, Versuchende sind denn auch die neun SpielerInnen, die auf Fritschs leere Null-Bühne stolpern. Neun, eine von den langweiligen Etwas-und-nichts-anderes-Zahlen. Und sie sind doch auch eine Null, ein Noch-werden-Müssen. Sie diskutieren lebhaft darüber, was sie sein können. Als Gesamtheit, als Einheit. Sie debattieren eine Choreografie, zählen die Schritte ein, scheitern immer wieder. Sie scheren aus, drängen dazu, werden sich nicht einig. Dann, ein Anfang, aber nein, das sieht aus „wie Tanztee“, sagt Bastian Reiber. Immer und immer wieder, wie sich die Anfänge wiederholen und wieder scheitern. Dann entdeckt einer die Gurte, die in der Mitte liegen, in einem Kreis, der kleinere Kreise beinhaltet. Auch so ein Nullort. Sie legen sie an, finden sich zusammen zu einer Reihe, haken sich in Seile ein, fallen, strecken sich, baumeln, vollführen hilflos akrobatische Bewegungen. Da ist sie, die Harmonie, das Zusammenspiel, das Etwas, Unisono schwingen sie selig dem Sinnhaften entgegen, das darin liegt etwas zu sein. Aber nein, auch das scheitert. Einzelne scheren aus, fallen aus der Rolle, am Ende baumeln nur noch zwei. Zurück auf Anfang. Pause.

Gerade 30 Minuten sind um, da kommen Techniker auf die Bühne und montieren eine riesige Roboterhand an die Bühnendecke. Auch so ein Etwas, aber ein Nichtmenschliches, Fremdgesteuertes und Fremdsteuerndes. Dem sich jetzt die Neun ausgesetzt sehen. Sie sind bis zur Kenntlichkeit verändert. Sie tragen die gleich etwas zu knallige und ein bisschen zu alberne Kleidung wie zuvor. Aber es sind nicht dieselben, die sie tragen. Sie haben getauscht, die Kleidung, die Perücken, die lächerliche Brille mit den roten Gläsern. Neustart, Reboot, neuer Identitätsversuch. Doch der steht unter negativen Vorzeichen. Denn jetzt ist die Riesenhand da. Streichelt sie die Menschlein oder drückt sie sie nieder. Immer fremdgesteuerter sind sie. Lichtspots weisen ihnen die Plätze und Bewegungen zu, Musik, Rhythmus treiben sie an und bremsen sie ab. Sie formieren sich oder werden formiert, Posen und Schaulaufen, das Grinsen eingefroren. Ein Gabelstapler kommt hinzu, wird Beweger und Hindernis. Auch er ein fremdes, mechanisches, Seelenloses Kontrollinstrument. Irgendwann ein letzter Versuch der Selbstbestimmung. Sie haben Blechblasinstrumente in den Händen, blasen hinein, produzieren Windgeräusche, nutzen sie perkussiv. Ein Ausprobieren, ein Neuausrichten des Bekannten, eine Suche nach neuen Tönen, anderen Wegen. Ein wunderbares, poetisches schmerzhaftes Scheitern. Denn die Hand fegt sie hinfort und tanzt am Ende einen Pas de deux mit dem Gabelstapler. Die Maschinen rattern und dröhnen. Erhaben ist das, schön und entsetzlich. Der Mensch ist verschwunden, nur einer harrt aus, Erfüllungsgehilfe der neuen Macht. Ein Ende. Kein Anfang mehr. Eine Dystopie im utopischen Fritsch-Universum. Eine Zäsur?

Vielleicht. NULL, Herbert Fritschs zweite Arbeit an der Schaubühne, hat alles, was einen großen Fritsch-Abend ausmacht. Ein fantastisches Ensemble (meist Fritsch-Erfahrende – nur Bernardo Arias Porras ist als schlaksiger Jung-Don-Quixotte mit dem traurigsten Lächeln aller Zeiten eine Entdeckung im Fritsch-Universum), eine Choreografie aus Körpern und Licht und Musik und Ton und Raum und Zeit, ein Ansetzen und Scheitern von Körper und Sprache, der unerschütterliche Optimismus, derer, die wissen, dass sie nichts bedeuten und nichts erreichen werden, eine naiv-störrische Symphonie des gegen Bedeutung ebenso Anrennens wie gegen das Nichtbedeuten. Alles ist da, die traurig komische, zwerchfellerschütternd Tränen auslösende Absurdität des ewigen Versuchens. Es ist ein Nullpunkt für Fritsch, der bei seiner ersten Schaubühnenarbeit Zeppelin noch sehr mit dem neuen, gegenüber der alten Volksbühnenheimat sehr viel weniger generösen Raum fremdelte. Ein Neuanfang, ein Wiederfinden der eigenen Sprache. Und doch fehlt ihm noch einiges: Das Timing, die Temposicherheit der großen Volksbühnenabende, die Spannung, die das Mit-, In- und Durcheinander aus Sprachen und Raum, Körpern und Zeit zu erzeugen vermag. Hier ist noch viel Stückwerk, kommen die Enden zwar aus den Anfängen, die Anfänge jedoch nicht aus den Enden. Der Abend hat Längen, erheblich, mitunter kaum auszuhaltende. Aber er ist auch ein Versprechen: Darauf, dass der Null noch vielen, Einsen, Zweien, Dreien und so weiter folgen. Die dann hoffentlich die Null nicht vergessen haben. Weil sie alles ist, nichts, und noch viel mehr. Eine Nullnummer, die ja bekanntlich ein Beginn ist, ein Startschuss. Von etwas vielleicht (wieder) Großem. Einer Wiedergeburt der Utopie vielleicht. Der Fritschschen, versteht sich.

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