Musikalisches Wimmelbild

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2018 der Staatsoper Unter den Linden

Von Sascha Krieger

So langsam kann man die Uhr danach stellen: Sind die Wiener Philharmoniker in der Stadt, ist bald Ostern und die Festtage der Berliner Staatsoper beginnen. Dass die Wiener einem ihrer Lieblingsdirigenten, dem musikalischen Leiter der Staatsoper Daniel Barenboim, den Wunsch erfüllen, „seine“ Festtage zu eröffnen, ist mittlerweile Tradition. Dass sie dabei Gewichtiges dabei haben, auch. Vor zwei Jahren stand Gustav Mahlers neunte Symphonie auf dem Programm, in diesem Jahr ist es seine lange übersehene Siebte. Dabei scheint es Barenboims Ziel, die vielen Jahre der Vernachlässigung, die mit der Mahler-Renaissance in den 1960er-Jahren noch lange nicht vorbei war, an einem Abend wieder gut zu machen. Was für ein Ereignis ist dieser Kopfsatz, so, wie die Wiener ihn spielen! Ein musikalisches, klangliches, rhythmisches Universum, eine funkelnde Galerie aus Millionen Sternen. Mit nervöser Energie preschen sie aus den Startlöchern, die Hornrufe beinahe aggressiv, der Klang rasiermesserscharf, vor allem Holzbläser und Streicher tendieren immer wieder ins Schrille, Schneidende. Hier ist von Beginn an Kampf, ein Ringen um Dominanz, darum gehört zu werden. Tausend Farben erfüllen den Raum, ebenso viele Stimmen, jede gleichwertig. Ein Durcheinander, musikalisches Chaos, ein Urgrund, aus dem Welten entstehen können.

Daniel Barenboim (Bild: Monika Rittershaus)

Nur tun sie das bei Barenboim und den Wienern leider nicht. Ja, aufregend ist das musikalische Wimmelbild, das sie im Kopfsatz malen und das dem Zuhörer abverlangt, selbst zu entscheiden, wo er das eigene Gehör, den eigenen Blick hinlenkt. Und was gibt es da zu hören: berückend zwischenweltliche Geigensoli, Holzbläser zwischen Lyrik und Brutalität, forderndes Blech, das schreit und bricht. Eine Vielzahl musikalischer Miniaturen, klangliche Transparenz bis an die Scherzgrenze. Doch liegt hier auch schon das Problem des Abends. Denn die Transparenz deckt auf: nichts. Hinter der nicht vorhandenen Oberfläche ist ein Gewusel, das sich zunehmend selbst genügt. Jeder musikalische Idee wird im Moment ihres Entstehens bereits widersprochen, jede Beschleunigung beherbergt ein Abbremsen, jeden Anschwellen ein Decrescendo. Alles bleibt Versuch, Fragment, Mosaikstein ohne Schablone. Das ist in seiner Konsequenz ebenso beeindruckend wie in der Detailschärfe, der Ausdrucksstärke, der unfassbaren Variabilität der Musiker. Die Komplexität dieser Symphonie, vor allem ihres ersten Satzes arbeitet Barenboim klar heraus. Nur dient sie bei Mahler einem großen Ganzen, hier bleibt sie Selbstzweck.

Das setzt sich in den Folgesätzen fort. Sehr unruhig der zweite, in dem ansetzen und abbrechen zum Kernprinzip werden. Der Versuch, einen Marschrhythmus zu etablieren scheitert am Widerstand des Wechselhaften, in Tempi, Dynamik und Rhythmik. Ähnlich das Scherzo: Hier passiert alles gleichzeitig. Verschiedene Stimmen und Rhythmen streiten um die Vorherrschaft. Dabei geht die musikalische Themenarbeit völlig unter, von Walzer oder Ländler bleiben bestenfalls Fragmente. Scharfe Zäsuren, Brüche werden zum Kitt eines Satzes, der hier ein einziger Bruch ist. Auch in vierten Satz prallen Fließbewegungen auf Fragmentierungen, rhythmische, dynamische Störmaneuver, die schnell die Oberhand gewinnen. Schöne lyrische Miniaturen deuten an, was in der aufgewühlten see verborgen ist – es bleiben Momentaufnahmen. Wichtiger sind die Kontraste: Den zaghaften Singversuchen von Gitarre und Mandoline stehen regelrecht wütende Verdichtungen gegenüber, die dem Sanglichen die Luft zum Atmen nehmen.

Wie passt hier nun das seltsam strahlende C-Dur-Finale hinein? Nicht gut. Der Jubel ist Barenboim suspekt, also versucht er alles, um ihn gar nicht erst entstehen zu lassen. Extremer noch als in den vorangehenden Sätzen ist dieser eine Serie von Vereinzelungen. Jeder musikalische Gedanke steht separat und allein für sich, kontrastiert so stark wie möglich mit den benachbarten, ist von diesen in größtmöglicher weise isoliert. Die feierlichen Passagen geraten betont zitathaft, klingen nach Bach oder Wagner, was zu maximaler Distanz führt. Wie zuvor zeigt Daniel Barenboim keinerlei willen, musikalischen Strängen länger zu folgen und so endet auch dieser Satz im Dazwischen: hier größte Unruhe, dort klangliches Strahlen, dazwischen kleine Verbindung, ja nicht einmal ein Konflikt. Und so verliert sich ein Abend, der so aufregend begann, in einer Wiederholung des Immergleichen. In seiner Weigerung, das große Ganze zu sehen gerät dieses erst recht zum – zweifellos virtuosen und in seinen Details immer wieder beeindruckenden – Einheitsbrei, verlieren sich die extrem unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Sätze, weil Barenboim sein Grundprinzip der Zersplitterung über alles andere stellt. Ein zerrissenes musikalisches Universum – ohne Versuch, es zu irgendetwas zusammenzufügen. Und so nähert es sich zunehmend dem Erzfeind aller musikalischen Interpretation: der Beliebigkeit. Am Ende steht ein musikalisches Wimmelbild, das dem Ohr keinen Halt gibt, in dem es wuselt, aber nicht vorangeht.

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