Der männliche Blick

Dennis Kelly: Girls & Boys, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Lily Sykes)

Von Sascha Krieger

Schnell kommt das Programmheft zum Punkt: „Ein Stück der Stunde“ sei Dennis Kellys neues Werk Girls & Boys. Mit seiner Geschichte über weibliche Emanzipation und männliche Gewalt passt es zweifellos perfekt in die #MeToo-Debatte. Was vielleicht auch erklärt, warum man es am Berliner Ensemble so eilig hatte: Erst vor vier Wochen feierte das Stück Weltpremiere am Londoner Royal Court,   jetzt findet an Oliver Reeses Haus bereits die deutschsprachige Erstaufführung statt. Da hilft es natürlich, dass Regisseurin Lily Sykes kein großes Ensemble managen muss – Girls & Boys ist ein Ein-Personen-Stück. Es ist die Geschichte einer durchaus emanzipierten Frau, erfolgreiche Entwicklerin von Dokumentarfilm-Formaten, verheiratet mit einem Möbelhändler, Mutter zweier Kinder. Sie erzählt über ihren Werdegang, dazwischen sind Spielszenen eingestreut, Interaktionen mit den Kindern, die unsichtbar bleiben. Sieht die namenlose Hauptfigur sie an, geht ihr Blick ins Leere, nimmt sie sie in den Arm, ist da nur Luft. Dafür gibt es eine Erklärung, die der Zuschauer erst nach und nach erfährt. Denn was recht komödiantisch beginnt, wird irgendwann zur Tragödie mit mehr als einer Verbeugung vor Euripides und Co. Denn der Mann kann nicht aus seiner patriarchalen Haut.

Bild: Matthias Horn

In Berlin spielt Stephanie Eidt, bislang in dieser Spielzeit etwas unterschäftigt, die Hauptfigur. Sie tut dies zunächst mit einem ausgeprägten Hang zur Schnoddrigkeit, eine überdeutliche Publikumsumgarnerin im Boulevard-Ton. Das passt durchaus zur prononcierten Plakativität des Textes, der sich zu Beginn an Wortspielen und cleveren Vergleichen von ausgesucht phrasenhafter Komik erfreut. Die Beziehungsgeschichte und die Erzählung vom erkämpften beruflichen Erfolg trägt sie als Frontalunterricht vor, bei dem alles erlaubt ist, nur keine Subtilität. Musiker David Schwarz illustriert das ganze in ähnlich eindeutiger Weise. Eine Barjazz-Version von Nirvanas „All Apologies“ bildet das musikalische Leitmotiv, Kindergeschrei behandelt er lautmalerisch, wenn sich das geschehen verdüstert, setzt er auf monotone Wiederholungen. Alles ist klar, deutlich, nicht misszuverstehen. Aber eben auch vollkommen uninteressant, weil es Sykes und Eidt nicht gelingt, in die Oberflächenverliebtheit von Kellys Text irgendwelche Zwischentöne einzubauen. Also gerät der erste Teil zur plakativen Performance einer natürlich nicht aufrecht zu erhaltenden harmonischen Oberfläche. Nicht ohne die Konfliktlinien anzudeuten: So ist die Tochter sensibel, empathisch und liebt (im Wortsinn) konstruktive Spiele, während der Sohn als laut, rücksichtslos und zerstörerisch dargestellt wird.

Das setzt den Ton für die zweite Hälfte. Da ist das Licht gedimmt, geisterhafter, der Ton ruhiger, düsterer, resignierter. Jelena Nagorskis Bühne ist ein offenes Stahlgerüst mit Treppe, Fensteröffnungen und Neonröhren, ein kaltes Heim, das Skelett bleibt, Behauptung, Illusion, eine Karriereleiter ohne Triumph, ein Gefängnis der bestehenden Verhältnisse, denn diese Welt, so erzählt es ein Wissenschaftler, über den die Heldin einen Film machen will – und der natürlich sexuell übergriffig wird –  sei ja für die Männer gebaut. Mal ist Eidts Stimme per Mikrofon verstärkt, mal nicht, Symbol einer Fremdbestimmung, die ihre Figur erst graduell wahrnimmt. Denn die autonome Frau des ersten Teils wird zum Spielball des zweiten. Der arrogant selbstbewusste Ton weicht einer resignierten Passivität. Eidt fällt von einem Extrem ins Andere, aus dem Klischee der toughen Frau wird das des hilflosen Opfers. Denn das Patriarchat schlägt eher erbarmungslos zurück, auch dort, wo es längst überwunden schien. Am Ende schlägt uns Kelly gar noch ein paar Statistiken um die Ohren, für den Fall, dass die streng auf Vermittlung ihrer Botschaft ausgerichtete Handlung und der von überdeutlicher Plakativität direkt in die Eindeutigkeit der Didaktik führende Text noch nicht klar genug waren.

Dass sich hier ein Mann mit dem Thema männlicher Gewalt und patriarchaler Machtstrukturen befasst, ist in jeder Sekunde spürbar. Dabei watet er durch biologistische Untiefen, die mit soziologischen Perspektiven kollidieren und am Ende ein diffuses Mann-gleich-Gewalt-gleich-Unterdrückung-Bild hinterlassen, das verschleiert, wo es offenlegen will, das simplifiziert, wo Komplexität gefragt ist, das Oberflächen nicht ankratzt, sondern sie nur mit einer weiteren zukleistert. Lily Sykes Inszenierung nimmt die hilflose Eindeutigkeit der Vorlage auf und verstärkt sie nur. Sie drückt zunächst auf die komödiantische, dann die tragische Tube, stets bedacht, Zwischentöne nicht zuzulassen. So entsteht eine seltsame Mélange aus Boulevard und Sommertheater, unterkomplex, effektbewusst, ängstlich bemüht, nicht zu tief zu schauen. In seinen besseren Momenten macht der Abend die existenzielle Verunsicherung sichtbar, in welche nicht erst #MeToo das männliche Selbstverständnis gestürzt hat. Nur ist er sich dessen erstens nicht bewusst und bleibt zweitens die weibliche Sicht, die hier ja vermeintlich im Mittelpunkt steht, außen vor. Der Blick ist ein männlicher und er merkt es nicht einmal.  Damit spiegelt er das, wovon er handelt. wenn er uns doch nur einen Hinweis geben würde, dass er darum weiß.

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Ein Gedanke zu „Der männliche Blick

  1. […] eigenen Frankfurter Haus, eines aus Wien, eines kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der großen Bühne) durften bereits ran – […]

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