„Ich bin hier drin“

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß, Sophiensaele, Berlin (Regie: Thorsten Lensing) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

„Neue Aufrichtigkeit“, „Ende der Ironie!“: Als David Foster Wallaces monströser Roman Unendlicher Spaß vor gut 20 Jahren erschien, galt er schnell als epochal. Die Überwindung der Postmoderne mit ihren eigenen Mitteln sei ihm gelungen, meinten manche, eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, des derzeitigen Status der (westlichen) Menschheit, und das alles mit einer lange nicht mehr gekannten Wahrhaftigkeit. Wer wie Regisseurs Thorsten Lensing sich jetzt dieses Mammutwerks annimmt, kann seine Rezeptionsgeschichte nicht außer Acht lassen, sie ist präsent im Auge, Ohr, Hirn des Zuschauers. Dass Lensing keine Angst vor solchen sämtliche Bühnen sprengenden Stoffen hat, bewies er vor drei Jahren mit Karamasow. Nach den nicht anstrengungslosen vier Stunden ist klar: Auch dieser neuerliche Versuch ist nicht gescheitert.

Bild: David Baltzer / bildbuehne.de

À propos Kramasow: Die Dynamik zwischen einem ungleichen Brüdertrio steht auch hier im Vordergrund. Der Erzählstrang um den 18-jährigen Hal Incandenza, Tennistalent und intellektueller Überflieger, seinen Footballprofi-Bruder Orin und den behinderten Mario, bindet das Rückgrat von Lensings gemeinsam mit Thierry Mousset und Dirk Pilz erarbeiteten Textfassung. Die zweite Säule bildet eine Drogenenzugsklinik, in der Don Gately versucht, seine Tablettensucht zu überwinden – die Abhängigkeit von Schmerzmitteln ist gerade in den USA aktueller denn je – und anderen Abhängigen zu helfen, ihre Dämonen zu besiegen, einen Versuch, den er nicht überleben wird. Wie der Roman springt auch der Abend hin und her, wechselt Story- und Zeitebenen. Hal ist mal zehn, mal 13, meist 17 und nur ganz am Anfang und am Ende volljährig. Da steht er vor einer Prüfungskommission, die über seine Aufnahme an einer Universität entscheiden soll. Doch während Ursina Lardi, die Hal spielt, für das Publikum gut hörbar die Sinnhaftigkeit der Befragung in Zweifel zieht, bleibt sie für die irritierten Prüfer stumm. Am Ende entringt sich ihr ein Glucksen, das zum Schrei wird. „Ich bin hier drin. Ich bin nicht, was Sie sehen“, sagt sie. Dann wird es schwarz.

Die Unmöglichkeit zu kommunizieren, zu „konnektieren“, wie es Wallace nennt, sich mit anderen zu verbunden, das Gefühl, in sich eingeschlossen zu sein, gehört zum leitmotivischen Material des Buches – bei Lensing rückt sie ins Zentrum. Alle wichtigeren Figuren haben damit zu kämpfen. Allen voran natürlich Hal. Lardi spielt ihn als dauerangespannten Zweifler, als einen, für den alles Leistungsdruck ist: Auch in der Trauertherapie nach dem Selbstmord des Vaters ist sein einziger Gedanke, bloß nicht durchzufallen. Bei Lardi ist jede Phase ihres Körpers dauerhaft angespannt, jeder Muskel stets in Alarmbereitschaft. Ihr Hal ist einer, der neben sich steht, der sich ganz ausgelagert hat an das Image, das jeder von ihm zu erfüllen erwartet. Er sieht praktisch von außen auf sich, was die Besetzung der Figur durch eine Frau noch besonders akzentuiert. Ein Gefangener seiner selbst, der nicht aus sich heraus kann.

Und der ein Alter Ego findet im Don Gately des Heiko Pinkowski. Auch der massige Mann mit der rauen Fassade ist einer, der sich eingemauert hat. Der versucht herauszukommen, aber es nicht schafft. Den die AA-Phrasen anöden und der doch das Spiel mitspielt, der die Selbstaufgabe an Gott, welche die Regeln der Anonymen Alkoholiker fordern, nicht schafft und doch das System – wie Hal – nicht in Frage stellt. Ein Gefangener seiner Scham. Einer Scham, die Ausgangspunkt sein sollte für Neudefinition des Ich, seine Akzeptanz eine Voraussetzung für eine wahrhaftige Verständigung mit der Welt. Doch die Scham bleibt und lähmt, weil sie nicht kommunizierbar bleibt. Auch Don verstummt, berichtet in ruhigen Worten von sich, seinen Entscheidungen, seiner Verzweiflung. Doch die um ihn hören ihn nicht. Und so bleibt auch ihm am Schluss nur ein ritueller Gesang, der zum stummen Schrei mutiert. Und der drinnen bleibt.

Bei Shakespeare – der Romantitel ist ein Zitat aus Hamlet – ist bekanntlich die ganze Welt Bühne. So auch bei Lensing, der das Theatrale immer wieder betont. Die Darsteller*innen bleiben oft zwischen ihren Szenen auf der Bühne, schlüpfen sichtbar in ihre Rollen – etwas André Jung, der sich die Lippe hochbindet und den linken Arm in eine Schlaufe stopft, u den behinderten Mario zu geben – warten ungeduldig schon in Position darauf, dass ihr Vorredner (oder -spieler) fertig ist. Eine Nummernrevue theatraler Verhandlungen über Kommunikationsverlust und Rollenspiel. Die Theatersituation spiegelt das ambivalente Gefangensein der Figuren in ihren Rollen. Wobei auch das nicht nur negativ erscheint: Devid Striesows Orin etwa fühlt sich oberflächlich nicht unwohl in seiner Position als Star und Frauenheld, auch wenn ihnZweifel quälen und er einen Preis zahlt: die Aufgabe eigener Emotionen. In einer der groteskeren Szenen des Abends lässt sich Orin von Hal über die richtige Reaktion auf den Vatertod aufklären, um sie in einem Interview wiedergeben zu können. Striesows Orin ist die weniger reflektierte Gegenposition zu Hal: Woran letzterer leidet, ist für ersteren Lebensgrundlage. Anders Mario: André Jung gibt ihn als berührend naiven Optimisten, einen, der schon physisch in ei Bild eingeschlossen ist, das die Welt von ihm hat, der es akzeptiert und darüber nicht resigniert. Ein Gegenentwurf im Kleinen, Privaten. Vielleicht darüber hinaus?

Egal, wer wie woran leidet: Die Verbindungslosigkeit des Einzelnen ist absolut, der Graben zwischen Selbst- und Fremdbild, Wahrheit und gesellschaftlicher Realität unüberbrückbar. Hier wohnt die Ironie. Oder als Gegenentwurf: das Absurde. Dort verortet der Abend sein erhebliches komisches Potenzial wie seine Weltsicht. Immer wieder findet er bizarre Situationen, etwa Hals bereits angesprochenes wiederwilliges Trauer-Coaching, oder die atemberaubende Szene, in der Sebastian Blomberg als Vogel in Orins Whirlpool stürzt, ein zwerchfellerschütterndes Bild einer komplett alle Grenzen des Vernünftigen überschritten habenden Welt, welche tragischerweise die Grenzen des Ichs zu überwinden nicht in der Lage ist – eine Mauer aus rostigem Blech ist denn auch das einzige Bühnenbildelement auf den sonst leeren Brettern. Striesow und Blomberg – der unter anderem Vater Incandenza gibt und Ex-Pornostar Roy Tony – sind Clowns des Absurden, von der Welt geschriebene Ich-Bilder aufgepumpter Männlichkeit, so grotesk, dass sie wahrhaftiger erscheinen als etwa Lardis eiskalte Hal-Aufspaltung, die auf ihre Weise natürlich unendlich viel Wahrheit verströmt. So ist der Abend trotz einiger Längen im zweiten Teil, mancher Albernheiten und Überflüssigkeiten (Striesows Auftritt als Nachbarsmädchen ist bestenfalls zum Kichern, Jasna Fritzi Bauers Rollen bleiben ein wenig außen vor), irrsinnig – im Wortsinn zu verstehen – unterhaltsam und, ja, spaßig. Und doch gleichzeitig von frostiger Kälte, eine Nummernrevue der Verlorenen, eine Parade der (Selbst-)Isolation, ein Tableau der Sprachlosigkeiten. Also solche Mischung macht er nicht nur dem Roman alle Ehre, sondern proklamiert das Theater als selbstverständlichen Ort einer solchen Bestandsaufnahme.

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