Im digitalen Regen

Junges DT – Nach dem Roman von John von Düffel: Klassenbuch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

When it rains, it pours, sagt ein englischsprachiges Sprichwort. Man kennt das aus der Pubertät, wenn jede noch so kleine Krise, die schlechte Note, der erste Liebeskummer, der Streit im Freundeskreis, das verlorene Fußballspiel, apokalyptische Züge annehmen kann. Doch was, wenn der Regen nurmehr digital ist, im Zwischenraum des passend so genannten Inter(!)-Nets stattfindet? Was, wenn zur ohnehin schon unmöglich erscheinenden Identitätsfindung in der realen Welt eine solche, die eher einer Identitätserschaffung ähneln mag, im digitalen Raum hinzukommt, wenn sich die eigene Welt unendlich erweitert, die Echokammer, in der man sich befindet riesengroß und zugleich winzig klein wird? Im Laufe der Inszenierung von John von Düffels Roman Klassenbuch mit dem Ensemble des Jungen DT fällt er tatsächlich, der digitale Regen. Fahl und weiß ziehen seine Fäden über die Rückwand und bilden digitale Pfützen auf der angeschrägten Spielfläche, die eigentlich weiß ist, wie das Blatt, welches das junge Leben der Protagonist*innen dem Klischee nach darstellt? Diese Pfützen sind schnell laufende und sich multiplizierende Counter, Leben im digitalen Zeitalter werden zu Datenmengen reduziert, aus- und verwertbar.

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Bild: Arno Declair

Erwachsenwerden in Zeiten von Big Date – wie kann das aussehen, wenn alles Überforderung und Zuviel ist? Die Fragmentierung menschlicher Erfahrung ist ein Topos, der schon die Kunst und Listeratur der Moderne durchzog, in unserer multiplen Postmoderne scheint Welterfahrung kaum noch anders möglich als tausendfach zersplittert. Und so zerfällt die kollektive Erfahrung eines Klassenverbands schon in von Düffels Roman in isolierte Bruchstücke, hermetische Subjektivitäten, die kaum  noch etwas miteinander zu tun haben scheinen. Regisseur Kristo Šagor dreht diese Schraube noch ein gehöriges Stück weiter. Die Protagonist*innen werden zu Hashtags, performen, aufgerufen von einer computerisierten Off-Stimme, als teils fremdbestimmte Avatare. Verzweifelt versuchen sie so etwas wie ihr Selbst zu finden – oder es zu verstecken, wie Vanessa, die im Netz Nina heißt und mittels Drohne Körperbilder anfertigt und veröffentlicht, die dem gesellschaftlich sanktionierten Schönheitsideal eher zu entsprechen scheinen als ihr realer Körper (verkörpert von zwei Darstellerinnen: Lina Bookhagen als Vanessa und Linda Hügel als Nina). Jeder hat sein Trauma zu tragen: Erik (Noah Tinwa) lässt sich von der Vielzahl sexueller Identitätsangebote überfordern, Annika (Jannika Hinz)  und ihr kleiner Bruder Malte (Paul Stiehler) leiden unter kalten, Bea (Tara Helena Weiss)  unter viel zu nachgiebigen Eltern, Lenny (Bjarne Meisel) findet das Digitale als Raum, in dem er Leben, wenn auch nicht das eigene, kontrollieren kann, Li (Alexander dam) und Henk (Emil Kollmann) suchen diese auf unterschiedliche Weise in der Musik, der bosnischstämmige Stanko (Pepe Röpnack) in der Familiengeschichte.

Die Reaktionen sind drastisch: Bea schwankt zwischen Suizid und Promiskuität, die aktivistische Emily (Noemi Clerc) erleidet einen Burnout, Erik identifiziert sich als Elf, Lenny manipuliert seine Mitschüler, Stanko flieht zunächst in sich selbst und dann in die vermeintliche Heimat, Erik lässt sich zusammenschlagen. Alles Reaktionen auf Rollenzuweisungen und -vorgaben, auf das Erwartete, das reflexartig weggeschlagen wird. Nur noch als Frontalperformance, hinein in den verborgenen Blick der vernetzten Welt, lässt sich Selbstfindung denken und so werden die Monologe zu teils grotesken, meist artifiziell verfremdeten Selbstdarstellungen, bei denen die anderen nicht selten als chorische Versstärkung auftreten, sich das vermeintlich unteilbare – individuelle – Ich aufspaltet, das subjektive Weltempfinden sich objektifiziert, in die welt hinaustritt, sich der eigenen Kontrolle entzieht. Und so wird der Chor der Außenwelt immer wieder zur bedrohlichen Masse, die den Einzelnen aufzusaugen sucht. Die von der Klassenlehrerin – die als Hauptansprechpartnerin fungiert, aber längst nur noch eine Idee ist – eingebrachte Fabel von der Grille und der Ameise, wird zum Leitmotiv. Grillen wollen sie sein, nur sie selbst, doch im Bild- und Datengewitter, das Šagor mit einiger Brutalität über sie einbrechen lässt, ist das bestenfalls Illusion.

Zumindest für den Einzelnen. also kommen sie am Ende zusammen. Irgendwie, als Bruchstücke, Fragmente, virtuell, denn die meisten sind bereits gegangen. Weggelaufen, in der Psychiatrie, sich selbst als tot erklärt. Datenreste sind sie, wenn überhaupt. Aber zumindest noch real. „ich kann mich ausschalten, sie nicht“, sagt Lenny am Ende über die mittlerweile zur Vision künstlicher Intelligenz entrückte Frau Höppner. Ausschalten, um sich wieder einschalten zu können. Geht das, wenn der regen fällt? Vielleicht.  Je länger der Abend läuft, desto mehr überlagern sich die Realitäts- und Wahrnehmungsebenen, desto unklarer wird, in wessen Bewusstseinsschleife man ist, wessen Wirklichkeit gerade erlebt wird. Dies zieht der Abend mit höchster Konsequenz durch – bis zur Kakophonie der Perspektiven, zum Ineinanderfallen der Wirklichkeiten, wenn real und „fake“ nicht mehr zu unterscheiden sind. Da versagt das Verstehen, scheitert der Wunsch des Zuschauers, das zu Sehende zu sortieren und zu unterscheiden, deutet sich so etwas an wie die Verunsicherung, welche die Figuren auf der Bühne durchschüttelt.

Klassenbuch ist ein starker, hochkomplexer und verunsichernder Abend, der die Möglichkeit, in unserer zeit im traditionellen Sinn jung zu sein, in Frage stellt. Ein Abend aber auch mit einem Schönheitsfehler: Der betrifft die beiden türkischstämmigen Figuren Cem und Tarik, die einzigen, die außer dem kleinen Malte keinen Hashtag und damit keine eigene Perspektive (die Malte durchaus hat) bekommen. Franz Jährling und Cedric Eich hämmern sie lustvoll als wandelnde Türkenjungen-Klischees auf die Bühne – gewalttätig, machohaft, nicht übermäßig helle. Hier spielt der Abend wie so oft mit Rollenzuweisungen und -klischees – und verliert. Zu karikaturesk kommen die beiden rüber, zu sehr lacht der Zuschauer über sie, nicht mit ihnen. Inmitten all diese fragmentierten Seelen sind sie Pappfiguren. Den Blick, der sie zu diesen macht, darf das Publikum teilen – ohne ihn hinterfragen zu müssen. Da spiegelt der Abend ganz kurz das Problem, das er so virtuos angeht. Auch das ist eine Form von Ehrlichkeit.

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