Himmel und Hölle

Chgefdirigent Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Lindberg, Berg und Bruckner

Von Sascha Krieger

Keine Angst vorm Kernrepertoire: Natürlich sollen Chefdirigent*innen ihre eigenen Akzente und Schwerpunkte setzen, aber wer am Pult eines deutschen Spitzenorchesters – welches das Deutsche Symphonie-Orchester ohne Zweifel ist – steht, muss sich auch im klassischen und romantischen Repertoire der deutsch-österreichischen Musiktradition zu Hause fühlen. Für den Engländer Robin Ticciati, seit Beginn dieser Spielzeit „Chef“ beim DSO, gilt das ohne Abstriche. Schon bei seinem ersten Auftritt an deren Pult hatte er Anton Bruckner auf dem Programm, die Vierte, ein mutiges Statement für einen Debütanten. Jetzt eröffnet er sein erstes volles Kalenderjahr in Berlin mit der Sechsten, jener, die „selten gespielt“ zu nennen, sich eingebürgert hat, aber mittlerweile kaum mehr als Koketterie ist. Ticciati, das ist jetzt schon klar, ist ein Freund thematischer Programmgestaltung. Und da Bruckner einmal sagte, der Gesang sei das Wesen der Musik, strickt er seinen Abend um das gesangliche.

Robin Ticciati am Pult des DSO (Bild: Kai Bienert)

Den Anfang macht Magnus Lindbergs „Chorale“ von 2002, eine Auseinandersetzung mit Bachs Choral „Es ist genug“ und dessen Einfluss auf Alban Bergs Violinkonzert. Ein komplexes Werk, bestehend aus einer Vielzahl klanglicher, thematischer , instrumentaler Schichten, die Ticciati mit einiger Wucht auf die Bühne der Philharmonie hievt. Das musikalische Geschehen erscheint hier als sehr massig und wenig eindeutig. Unruhe ist der Grundgestus, Oberfläche und Hintergrund kaum zu unterscheiden, Undurchdringlichkeit und Transparenz bleiben im Widerstreit. Fein arbeitet Ticciati die wechsel zwischen Tonalem und Atonalem hervor, massig zerklüftete Klanggebirge stehen neben zarten Suchbewegungen, Zusammenprall und natürliche Entwicklung bilden keinen Gegensatz. Die Selbstverständlichkeit des Nichtzusammenpassenden, des Entgegengesetzten, des Widerspruchs durchzieht das Werk in Ticciatis Lesart, der Gegensatz von Bach und Moderne, die überhaupt nicht zusammenpassen und doch untrennbar zusammengehören – ihm wird Ticciati auch später bei Bruckner nachspüren. Dass es gerade das Gesangliche ist, das ein wenig auf der Strecke bleibt, ist schlimmstenfalls eine feine musikalische Ironie.

Der bereits erwähnte Alban Berg steht dann auf dem Programm – folgerichtig und natürlich mit Vokalem. Die „Sieben frühen Lieder für Singstimme und Orchester“ kommen zu Gehör – verfasst vom frühen, orchestriert vom späten Berg, Werke durchzogen vom multiperspektivischen Blick zwischen Spätromantik und Moderne. Karen Cargill, eingesprungen für die erkrankte Genia Kühnmeier, akzentuiert die Einfachheit der Vokalpartien. In Wellenbewegungen erzählt ihre warme Stimme die lyrischen Geschichten von Sehnen und Flehen, mit großem Ausdruckssektrum und zugleich stimmlich angenehm zurückgenommen, sich erst in der zweiten Hälfte ein wenig Dramatik erlaubend. Das bereitet den Boden für das vielleicht wesentlichere: die instrumentale Ebene, die alles ist nur keine Begleitung. Unterschiedlichste Instrumentationen hat Berg für die sieben Stücke erschaffen, die vom vollen Orchester bis zur Reduktion auf Blechbläser und Harfen reichen. Ein faszinierendes Farbenspiel entfaltet das Orchester, das stets irgendwo in einem Zwischenraum schillert und schwebt, mal mysteriös kalt und karg klingt, dann den Klangraum weit öffnet ins Lichte, Vielfarbige, Helle. Hell und Dunkel wechseln sich ab, mal klingt das volle Orchester rau und fahl, das reduzierte Instrumentarium dagegen glitzernd in tausend Klangfarben. Von Melancholie zu Euphorie, von mystischem Zwielicht zu strahlendem Glanz reicht das Spektrum, das Robin Ticciati affirmativ entfalten lässt. Da wird der Gesang zur Begleitung, braucht ihn das Orchester kaum. Balance um der Balance willen ist Ticciatis Sache nicht. er lässt gern einmal das Pendel weiter ausschlagen, um zu sehen, was er dort findet. Und das ist einiges.

Konsequent geht er diesen Weg auch bei Bruckner weiter, den er von entgegengesetzten Polen, von den Extremen her denkt. Fiebrig die kurze Geigeneinleitung, von brutalster Härte die erste Zusammenballung am Höhepunkt des Themas der Bassstimmen. Das Orchester findet schnell zu schneidender Schärfer, schreit wie im höchsten Schmerz. Hart pocht die Rhythmik, die Fallhöhe dynamischer wie klanglicher Kontraste ist atemberaubend. Himmel und Hölle erscheinen im finalen Kampf – ein geradezu apokalyptischer Beginn. Der seinen Zweck hat: Der Kopfsatz ereignet sich in der Folge als faszinierende Suche nach einer Mitte, eine Mitte, die er im Gesang zu verorten glaubt. Strahlend die Blechbläser im Choral-Teil, in ihrer hermetischen Feierlichkeit aber eben auch abweisend. Immer mehr Zwischenräume entstehen, die kraftvollen Passagen rüsten etwas ab, werden vielgestaltiger, subtiler, Lyrisches gesellt sich in sanglicher Zartheit hinzu. Von fern scheint Lindberg heranzuwehen, die Kraft des Widerspruchs. Immer weiter wird der Klangraum, lichter, offener.

Doch die Körperlichkeit bleibt. Auch im Adagio, in dem sich die Konflikte, die Bewegungen des ersten Satzes wiederholen. Massige Schwere steht unmittelbar neben luftiger Leichtigkeit der hohen Streicher, Vielstimmigkeit wird zu undurchdringlichem Durcheinander und umgekehrt, Aufbruch zu Unruhe, Ungeduld zu beharrlicher Suche. Der Satz singt, tut dies zunehmend, aber er stampft auch auf, schreit, schläft mit der orchestralen Faust auf den Tisch. Der Weg zum Singen ist steinig, hart und ohne Garantie auf Erfolg. Das Scherzo geht hier einmal trotz seiner Kürze nicht unter, bringt einen Energieschub und blickt deutlich zurück auf den Kopfsatz. Die Blechbläser sind die dominierende Farbe, sie bringen Schärfe und Spannung. Auch hier der Widerstreit pulsierender Rhythmus und der Suche nach gesanglichem Fluss. Das setzt sich auch im Finale fort. Hier wogt der Klangozean, aufgewühlt, voller Unruhe und Untiefen. da sind sie wieder, die extremen Kontraste des Beginns. Bewegungsenergie bestimmt den Satz wie das ganze Werk – mal linear, mal kreisförmig treibt sie das musikalische Geschehen voran, herum, hin und her. Gewalttätige Entladungen finden ihren Gegner und Mitstreiter in zartester Lyrik. Am Ende gar die Andeutung eines Strahlens.

So geht ein Abend zu Ende, der ist, was Robin Ticciati wohl auch sein will: streitbar. Radikale Lesarten, die sich nicht scheuen, musikalisches Material aufzureißen, Extreme zu suchen, wo andere nach der Mitte forschen, Gleichgewicht bestenfalls als Ergebnis eines existenziellen musikalischen Kampfes zuzulassen, der bei Bruckner Himmel wie Hölle findet und wohl nicht nur dort suchen wird. Kunst als Errungenes, als Ergebnis existenziellen Kampfes: Das ist kein neues Konzept und doch in einer Zeit, in der die Altersweisen, die Konservativen und die spielfreudigen „Jungen“ sich die großen Pulte der Welt aufgeteilt zu haben scheinen, eine spannende Note und vielleicht auch eine Kampfansage. Robin Ticciati ist einer, der stets thematisch denkt, in größeren Zusammenhängen, und diese auch hörbar macht. Ein Partiturarbeiter, der wühlt, ausstellt, anstrengt, der Widersprüche findet und thematisiert. Genau der Richtige fürs DSO und diese Stadt.

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