Lasst uns summen

She She Pop: Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: She She Pop)

Von Sascha Krieger

25 Jahre gibt es sie jetzt schon. She She Pop sind längst eine Ikone der freien Theater- und Performanceszene im deutschsprachigen Raum, auch eine eines vor allem weiblichen Blickes auf gesellschaftliche Phänomene und Themen unserer Zeit. Was schenkt man sich da zum Vierteljahrhundert? Vielleicht eine Arbeit, für die so richtig Zeit bleibt, die man entwickelt, indem man zunächst durch die Welt reist, von Festival zu Festival, ein Work-in-Progress, dass auch nach seiner jetzt erfolgten offiziellen Premiere wieder hinauszieht in die Theaterwelten. Und vielleicht lässt man auch erst einmal das Publikum arbeiten. Tatsächlich bleibt es zunächst dunkel auf der Bühne. Eine Videowand spricht die Zuschauer*innen an, gibt ihnen wie ein Teleprompter Text, den sie sprechen sollen. Mal alle im Chor, mal Einzelne, mal einzelne Gruppen, die gleich zu Zugehörigkeitsentscheidungen des Publikums führen: Gehöre ich zum „Chor der reichen Erb*innen“ und wenn ja, will ich das zugeben? Bin ich ein „junger Mann ohne festes Einkommen“ oder vielleicht eine „Mutter ohne Absicherung“, definiere ich mich als „pragmatisch“, „skeptisch“ oder gar als „Klassenkämpfer*in“?

Bild: Sascha Krieger

Wer will sich exponieren, wer ist bereit vorzutreten als einzelne angreifbare Stimme, wer sich als repräsentativ behaupten? Denn es geht ums Eingemachte, ums Eigentum, das „wohlgehütete Geheimnis“ des Untertitels, das große Tabu im gesellschaftlichen wie privaten Diskurs, das, worüber „man nicht spricht“. Das „Wir“ des Publikum, es ist ein volatiles, das „Alle“ ein Konglomerat aus sich aufspaltenden, widerstreitenden, entgegengesetzten Teil-„Wirs“. Wer gehört dazu, wer nicht, und was macht das mit dem „Wir“? Oratorium ist ein Lehrstück im Brechtschen Sinne, das sich im Moment des Entstehens ironisch bricht und dekonstruiert. Denn natürlich ist der chorische Dialog ein witziges Spiel, die Verunsicherung überlagert vom glucksenden Vergnügen über die Vielzahl gesellschaftlicher Teilmengen, zu denen man sich gehörig fühlen könnte, ein Stückchen Anarchie der fehlerhaften Selbstzuordnung ist auch dabei. Denn bei allem Ernsthaften, was hier verhandelt wird, der Ambivalenz von Eigentum zwischen notwendigem Egoismus und geforderter Verantwortung, der klaffenden Schere zwischen Habenden und Nicht-Habenden, der existenziellen Frage gerade des Wohneigentums, bleibt stets eines klar: „Wir sagen das, was hier steht.“ Das „Wir“ ist ein konstruiertes, vorgegebenes, Teil des Systems, das hier verhandelt wird. Es ist eben keine Öffentlichkeit, oder zumindest keine echte, der „öffentliche Ort“, der zu beginn beschworen wird, ein behaupteter, ja, manipulierter. Wer weiter will, muss raus aus dem System. Eine Unmöglichkeit, wenn die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauer*innen bleiben und sich zwar hinterfragen lassen, aber nie aufgelöst werden.

Es gehört zu den Stärken des Abends, sich, sein Dilemma, sein Scheitern mitzureflektieren. Das auch darin besteht, dass er sich nicht zutraut, die dialogische Struktur eines scheinöffentlichen Pseudo-Diskurs, der die Zuschauer*innen zur Selbstbefragung drängt und zugleich die Anonymität des Sich-Versteckens zulässt, nicht traut. Also kommen bald die „Delegierten“ auf die Bühne, die Fahnen schwenken, aus denen später Kostüme werden sollen. Sie sprechen für gesellschaftliche Gruppen – und definieren erst einmal, für wen sie nicht sprechen. Bei Gast Brigitte Cuvelier etwa reduziert sich die von ihr akzeptierte Repräsentativität auf die „Französischspechenden in Brüssel“. Der kleinstmögliche Nenner regiert, am Ende bleibt man sich selbst der oder die Nächste. Brechtisch geht es weiter: mit der „Fabel von der Entmietung“, dem „Lied von der zynischen Empathie“ oder dem „von der moralischen Überforderung“. Die Möglichkeit von Solidarität wird diskutiert, ihre Unmöglichkeit thematisiert, etwa, wenn die gesellschaftliche Position die vermeintlich Solidarischen zu Gegnern macht. Die Entmietungsgeschichte – auf einem Text der Schriftstellerin Annett Gröschner basierend – lässt man immer wieder durchs Publikum als „Anekdote“ kritisieren, wärend Gröschners Worte die Geschichte einer Entfremdung vom Mitmenschen erzählen, der sich plötzlich nur noch als das wahrnehmen lässt, was er vermeintlich repräsentiert. Da wird das „schlechte Gewissen“ zum Unterhaltungsintermezzo, das vom Publikum von der Bühne gejagt werden.

Perspektiven kippen, spalten sich auf, Positionen werden hinterfragt, Gewissheiten verunsichert. Doch geschieht das alles mit einem Augenzwinkern, einem milden Lächeln und einem Gestus der Harmlosigkeit. Alles nur Spiel, sagt der Abend, eine Probe sei es, heißt es am Ende. Da darf man noch einmal gemeinsam summen, zusammen einen Ton finden, die Einheit zerstören und vielstimmig zusammensetzen. Da ist sie, die Gemeinschaft, fragil, temporär, nie greifbar, aber vielleicht zumindest für einen Moment denkbar. Antworten gibt der Abend keine, auch die Fragen packt er ein wenig zu sehr in Pappe, drückt zuweilen selbst ein wenig zynisch auf die Empathietube. Aber vielleicht hat er auch genau den Ort entdeckt, an dem sich genau solche Fragen verhandeln lassen, an dem es möglich erscheint, zumindest ein wenig aus der eigenen Zuordnung herauszutreten und sich ein anderes Augenpaar zu leihen. Womöglich ist das Spiel dieser Ort und die Probe der ernst. Last uns summen.

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