Musik, die lebt

Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Werken von Schumann und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons mag einer der meisten gefeierten Dirigenten der Gegenwart sein, einer, der das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit sucht, ist der Lette nicht. Dabei hätte er gerade allen Grund dazu: Nicht nur gilt er als der besten seiner Zunft, hat von ihm geleitete Klangkörper – allen voran das Royal Concertgebouw Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – in ungeahnte neue Höhen geführt, der bescheidene Maestro wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt und gerade mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Philharmoniker. Doch Jansons ist keiner, der sich im Mittelpunkt stehend gefällt. Dorthin gehören für ihn andere. An diesem Abend zum Beispiel Daniil Trifonov. Der 26-Jährige gilt bereits als der große neue Tastenstar. Nicht zu unrecht: Der Russe ist ein begnadeter Virtuose und einer der leidenschaftlichsten Pianisten unserer Zeit. Technische Perfektion paart er mit Mut zu emotionalem, ausdrucksstarken Speil, und es gelingt ihm auch bei den schwersten Werken, beide Aspekte kongenial miteinander zu verknüpfen.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons (Bild: Bayerischer Rundfunk)

Robert Schumanns Klavierkonzert gibt ihm dazu reichlich Gelegenheit. Ein echtes Virtuosenstück ist es gleichzeitig ein Musterbeispiel romantischer Ausdruckskraft. Trifonov wirft sich vom ersten Takt mit vollem Körpereinsatz hinein. Sein Anschlag ist kraftvoll, sein Spiel von herausragender Plastizität, und zugleich meistert er jede Nuance, sucht und findet er jeden Zwischenton, gelingen gerade die ruhigeren, intimeren Passagen eindringlich, auch weil er stets weiß, wann er vom Gas zu gehen hat, weil er es sich erlaubt, den Tönen nachzulauschen, sie ausklingen zu lassen, ihnen gleichsam hinterherzublicken, bevor er mit höchster Energie weitereilt, nie hastend, aber mit oft spannungsreichem Vorwärtsdrang. Sein Ausdrucksspektrum ist atemberaubend: Von beinahe manisch anmutenden Läufen bis zu fast fragmentiertem verzögerten Spiel, bei dem er jede einzelne Note formt, als wäre sie eine ganze musikalische Welt, durchschreitet er das gesamte Schumannsche Universum. Ein leidenschaftlicher Musikwahnsinniger, in dem sich ein akribischer Analytiker verbirgt.

Dies hat er mit dem ungleich ruhigeren Jansons gemein und vielleicht gelingt das Zusammenspiel beider auch deshalb so gut. Jansons lässt die Philharmoniker transparent spielen, den Reichtum der Schumannschen Klangfarben entfalten, gibt den Instrumentengruppen und ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen viel Raum und führt sie dann immer wieder zu klanglichen Verdichtungen, die viel Kraft entfalten und nie irgendwie aufgesetzt wirken. Herrlich behutsam, sich zuweilen scheu vorantastend gelingt etwa der langsame zweite Satz, schwungvoll und scharfkantig, rhythmisch wie kantabel der dritte. Das Orchester betont die unterschiedlichen Ausdrucksmodi, setzt an und bricht wieder ab, während Trifonov seinen Weg sucht und geht. Man findet zusammen und driftet auseinander, in einem stets vorwärtsweisenden Dialog, der mit großer Leidenschaft und Energie endet. Eine faszinierende, höchst lebendige Reise durch die Gipfel und Täler romantischer Musik. Virtuos und ausdrucksstark.

Die Romantik ist eine Welt voller Kontraste. Größte Euphorie steht neben abgrundtiefer Trauer. Das deutet Schumann an, zu voller Entfaltung gelangt dies erst in der Spätromantik, vor allem bei Anton Bruckner. dessen sechste Symphonie ist nach der pause zu hören. Dabei zeigt sich erneut, dass Jansons kein Überwältigungskünstler ist. Er erlaubt dem Orchester nicht, das Publikum mit purer Erhabenheit zu verblüffen, sein Blick geht stets vom Einzelnen aus. Nur von hier, so ist er überzeugt, lässt sich das Ganze fassen. Der Kopfsatz beginnt des auch sehr sachlich, erst langsam lässt Jansons die Zügel lockerer,  die Entfaltung des Farbspektrum wirkt wie ein langsamer, sanfter Sonnenaufgang. Aufhellung und Verdichtung treten in ein Wechselspiel, er öffnet Klangräume, weitet das Spektrum und ballt sogleich wieder zusammen, erhellt und verdunkelt. Er findet und sucht die Kontraste, baut ein intensives Spannungsfeld auf, gerade weil er das Disparate als organisch einander bedingend und auseinander hervorgehend betrachtet. Er ist kein Dirigent, der die Partitur seziert. Vielmehr fokussiert er, zoomt heran und wechselt zurück in die Totale. Er nimmt das einzelne ins Visier, um das Ganze sichtbar zu machen. Für ihn gibt es kein Entweder-Oder, keine Wahl zwischen Detailschärfe und dem Werk als Ganzem, für ihn ist das eine nicht ohne das andere zu haben.

Und so gelingt es ihm, die Sechste als das erfahrbar zu machen, was sie für Bruckner eben auch war: ein Versuch formaler Konsistenz nach der ausufernden Fünften, ein Beweis, dass er die Form beherrscht und in ihr unbekannte Universen zu bannen vermag. Das Wechselspiel zwischen Verdichtung und Vereinzelung, zwischen Öffnung und Konzentration, zwischen Hell und Dunkel verfolgt er durch alle vier Sätze. Wunderbar das Spiel massiver Streicherdecken und glockenhell singender Oboe (zwei Worte: Albrecht Mayer), ungeheuer detailgenau die plötzlich abbrechende Anschwellbewegung, die sagt: All dieser Glanz all diese Fülle sind zerbrechlich und können jederzeit verschwinden. Ein musikalisches Momento Mori. Rhythmisch klar und voller Lichtwechsel der dritte Satz, der gegen Ende eine Aggressivität, eine Unerbittlichkeit andeutet, die das Finale aufgreift. Hier herrscht Unruhe, beschleunigt sich der Wechsel zwischen Offenheit und Dichte nochmals, werden die Abbrüche deutlicher, finden sich klangliche Schärfen, nimmt die Fallhöhe der Musik zu. Streicher, Blechbläser und Holzbläser konkurrieren um die klangliche Vorherrschaft, was zu einem ebenso faszinierenden wie zunehmend unsicheren Farbenspiel führt. So endet es, im Widerstreit von Blech und Streichern, aufgewühlt, kontrastreich und lebendig. Der Brucknersche Kosmos, der auch ein Fortentwicklung des Schumannschen ist, steht in all seiner Widersprüchluchkeit, seiner Ambivalenz, seiner Ungelöstheit im Raum. Ohne Effekthascherei oder Überwältigungsmechanik. Transparent, offen, einladend zur Betrachtung. Musik, die lebt.

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Ein Gedanke zu „Musik, die lebt

  1. […] Was langsam zum running gag der Musikkritik wird: In den letzten zwölf Monaten erklang sie mindestens dreimal in Berlin, darunter nun das zweite Mal bei den Philharmonikern. Satthören kann man sich an […]

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