Spiel des Lebens

Rosa von Praunheim: Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Rosa von Praunheim)

Von Sascha Krieger

Sie heißen „Analverkehr“, „Kleiner Penis“, „Sex after Death“ oder Täschchen von Gucci“: Anlässlich seines 75. Geburtstages darf sich Rosa von Praunheim, Ikone der Schwulenbewegung und, ob einem das gefällt oder nicht, einer der wichtigsten deutschen Filmemacher der letzten Jahrzehnte am Deutschen Theater selbst feiern. Einen eigenen Theaterabend bekommt er, gut zwei Stunden für 75 Jahre Leben, die er als Liederabend für zwei gestaltet hat. Song-Titel? Siehe oben. Das Duo, dem er sein Leben anvertraut, besteht aus DT-Ensemblemitglied Božidar Kocevski und dem Musiker und Schauspieler Heiner Bomhard. Es geht um Kindheit und Jugend, erste Lieben, das Schwulsein zwischen Privatheit und Politikum, die Kunst und den Aktivismus, Beziehungen und Sex und – natürlich – den Tod. Beim Hereinkommen wirken Film- und Fernsehausschnitte als Apettitanreger. Da gibt es Ausschnitte aus von Praunheims Dokumentarfilmen aber auch Schnipsel zu seinem größten „Skandal“: dem Zwangsouting Prominenter im Jahr 1991, ein ziemlich verzweifelter Versuch, Aufmerksamkeit für die aus dem Köpfen der Jungen zunehmend verschwindende AIDS-Problematik zu erzeugen. Allein Inge Meisel noch einmal zu sehen, wie sie von Praunheim in einer Talkshow vehement verteidigt, ist den Eintritt wert.

Bild: Arno Declair

Der sich, so viel sei verraten, auch in der Folge lohnt. Kocevski und Bomhard erweisen sich als kongeniales Duo mit null Scheuklappen, aber dafür viel komödiantischem Talent. Sie kommen, natürlich, in pink und rosa auf die Bühne, Kocevski wird später im knallgelben bauchfreien Tanktop an Freddie Mercury erinnern, sie werfen sich lustvoll in allerlei Gender- und Identitätsrollen und schrecken nicht vor ebenso augenzwinkernden wie eindeutigen Sexroutinen zurück. Kocevski gibt von Praunheim und spielt virtuos mit der Rolle. Das gelingt vor allem, weil der Wille zur Selbstironie bei von Praunheim mindestens so stark ausgeprägt ist wie seine Eitelkeit. Aus dieser ungewöhnlichen Kombination schöpft der Abend seine Kraft. Er nimmt sich und das Publikum ernst, eben indem er sich – und seinen Protagonisten – nicht so ernst nimmt. Von Praunheim kokettiert mit seinem Alter, mit seiner Promiskuität, seiner Eitelkeit, seinem Image. Er zieht sich und lässt sich ins Lächerliche ziehen, erlaubt den beiden Spielern jede erdenkliche Albernheit zwischen Showtreppe und (weißem!) Klavier, ertränkt die Bühne zum Schmalz von „Glückskinder“ in rotem Rosenblüten-Konfetti-Kitsch, bedient jedes Klischee, das ihm jemals entgegengeworfen wurde und dem er selbst frönte.

Episodenhaft rauscht der Abend durch von Praunheims komplexe Familiengeschichte (er erfuhr erst im Jahr 2000, dass er adoptiert war), seine Sex- und Beziehungs-„Karriere“, wir treffen wichtige Figuren seines Lebens, darunter Tante Luzi, Lotti Huber oder Mario, mit dem er wenige tage vor dessen AIDS-Tod ein Geduicht schrieb (das Video flimmert auch über die Leinwand). Dabei ist der Tod allgegenwärtig, ob als „Kollateralschaden“ im Krieg, als Folge der AIDS-Epidemie oder als Ventil für die Jammerorgien eines alten Mannes. Wie alles andere ist auch er todernst und unendlich lächerlich zugleich. Was ihn nicht entwertet: Seine Präsenz als Endpunkt alles Seins und Schaffens, des sinnhaften wie des zweckfreien, bleibt unbehelligt. Von ihm auch denkt sich der Abends zurück in und durch ein Leben, das sich stets inszenierte und daher auf die Bühne gehört – auf eine Revuebühne, versteht sich, mit viel Glamour, Kitsch, Anzüglichkeiten, Gelächter und Musik.

Immer wieder bringen O-Töne von Praunheim selbst zu Gehör. Trocken ironische Kommentare auf sich selbst, die das oft klamaukige Geschehen grundieren, konterkarieren, verstärken. Das Private, so hat von Praunheim sein Leben und seine Rolle als schwuler Aktivist und Künstler stets verstanden, ist politisch, das Politische privat. Damit spielt dieser Abend in all seiner oberflächlichen Albernheit. Denn die gründet auf Substanz, auf einem Leben, das ein Ziel hatte, einen Zweck, oder besser mehr als einen. Denn die private Glückssuche, die unbändige Sexualität und die öffentliche Rolle eines, der das Schwulsein so offensiv wie keiner vor ihm, in den öffentlichen Raum gestellt hat, die Gesellschaft zwang hinzusehen und hinzuhören, waren bei ihm immer verbunden, mussten es sein, um Aufmerksamkeit und Wirkung zu gewinnen. Und so spielt der Abend nicht nur mit dieser Persönlichkeitsdopplung, er reproduziert sie auch, stellt sie aus, macht die Mechaniken der Provokationskunst, die Rosa von Praunheim wie kaum ein zweiter beherrscht, sichtbar, aber auch, welchem Zweck sie stets diente.

An Anzüglichkeiten, an sexuell Eindeutigem geizt der Abend daher nicht: Einmal etwa bearbeitet sich Kocevski selbst oral mit einem Vibrator. „Alles für die Kunst“, kommentiert er. Das alles ist stets mit einem Augenzwinkern serviert, aber gleichzeitig auch bitterernst. Einer, der mit seiner öffentlichen Person spielt, aber der ein Ziel verfolgt, der sich ins Lächerliche zieht, um ernst genommen zu werden. Für alle, die Rosa von Praunheim nicht kennen, ist der Abend eine Einführung in ein Gesamtkunstwerk, das auch eine lebenslange politische Kampagne war und ist, die Provokation wie Lächerlichkeit zur Kunstform erhob und zur argumentativen Waffe. Hier, auf der Bühne, dargestellt von zwei wunderbaren und – wie in einer zwerchfellerschütternden und satirisch messerscharfen Outingszene offenbart – heterosexuellen Spielern – die auch die eigene Rolle immer wieder selbstironisch brechen dürfen – wirken die Provokationen, die Tabübrüche harmlos, amüsant, unterhaltsam. Womit der Abend bei seinem Kern angekommen ist: dem Spiel. Rosa von Praunheim ist und war ein Spielender, einer, der mit sich und der Gesellschaft, ihren Vorurteilen und Tabus spielte, um zu zeigen: Aus Spiel kann nicht nur Ernst werden, es kann ihn auch besiegen. In diesem Sinne ist Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht ein Triumph. An dessen Ende sich von Praunheim für den Premierenapplaus noch einmal umzieht. Das Spiel endet nie.

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