Am Ende war der Mops

Nach Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist uns das ziemlich fremd, was Friedrich Schiller, ja der mit der „Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, da auftischt. Boy meets Girls, so weit ist es klar. Aber dann? Boy entstammt dem nun ja, nicht übermäßig hohen Adel, Girl dagegen ist eine „Bürgerliche“. OK, klar, kennen wir. Prinz Harry und Meghan Markle und so, kein Problem, oder? Bei Schiller schon. Da entspinnt sie hierum eine Intrige mit erzwungenen Briefen, Rechtsbeugung und am Ende zwei Toten. Romeo und Julia, nur eben mit viel Bürokratie. Schön deutsch halt. Aber eben doch arg aus der Zeit gefallen. Der Adel ist längst entmachtet, wer einander lieben und letztlich auch heiraten will darf das spätestens seit vergangenem Jahr auch, das Problem, das Schiller anprangerte, ist also gelöst. Oder nicht? Denn dass die Klassenunterschiede von eins sich heute in sozialen Differenzen zu wiederholen scheinen, Bildungschancen vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängen und die Tendenz, innerhalb der eigenen sozialen Gruppierung zu bleiben – und eben auch in dieser zu lieben, zu heiraten, Familien zu gründen – nimmt nicht unbedingt ab.

Bild: Ruthe Zuntz

So zumindest erzählt es uns der Mops. Er, auf dem Arm der seine Worte mitteilenden Gloria Iberl-Thieme, wie alle Darsteller*innen dieses Abends Studentin der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“, das letzte Wort dieses Abends. Und sagt Sätze wie: „Muss man sich Liebe nicht auch leisten können?Wer sucht denn außerhalb der eigenen Einkommensklasse?“ Nun gut, die modernen Luises und Ferdinands sterben heute vielleicht nicht mehr dran, aber womöglich begegnen sie sich gar nicht erst? Das deuten auch die persönlichen (?) Geschichten der Darsteller*innen an, die sie, säuberlich aufgereiht, das Mikrofon weitergereicht, zuvor zum besten gegeben haben. Geschichten moderner aufgeschlossener Erziehung zwischen helikopterhafter Daueranalyse und antiautoritärem Laissez-faire. Und „erste Lieben“, harmlos, banal, ohne irgendein Risiko. Heute, wo alles sozial, medial und transparent ist, scheint alles irgendwie beliebig. Sagen die Geschichten. Ist es aber nicht. Sagt der Mops.

Dabei packt der Abend den Zeigefinger erst spät aus, und das bekommt ihm gut. Denn zunächst konzentriert sich Regisseur Christian Weise tatsächlich auf die vermeintliche Fremdheit des Stoffs. Er inszeniert ihn als Stummfilm, mit tonlosen Mundbewegungen, weit aufgerissenen Augen, extremst verzerrten Gesichtern, grell überzeichnenten Bewegungen. Drei Räume hat ihm Bühnenbildnerin Paula Wellmann hingestellt: Rechts eine Küche in Schwarz-Weiß, aus Pappe und Papier, viel mehr Schein als sein (das Regal kippt stets, wenn die Tür sich öffnet) – das reich der bürgerlichen Millers. Links ein monströser, bewohnbarer Schreibtisch, ins riesenhafte aufgeblasen wie alles, was zu ihm gehört: die Stempel, die Zigarre des Präsidenten von Walter, sein roter Atomknopf (er ist ja schließlich Präsident), der Stift, mit dem Luise später den inkriminierenden Brief schreiben wird. Türkis und schwarz sind die Farben dieser Welt, elegant, selbstbewusst, aber auch irgendwie recht kalt. Dazwischen ein Aquarium hinter Plexiglas, in orange und rosa. Hier thront die Lady Milford, eine Unterwasserwelt, bewohnt von Automaten.

Jens Dohle kümmert sich um den Soundtrack, spielt Fahrstuhlmusik auf der Orgel oder wird auch schon mal dramatischer, stets im Stummfilmmodus verbleibend. Butch Warns streut Sounds ein, ein brutales Stakkato für Walter und seine Bande, Unterwassergeräusche für die lebende Tote Milford. Wenn der Präsident spricht, tut er das im Schreibmaschinenduktus, ein Bürokrat der Macht. Ein schöner Effekt im Gespräch mit Luise: Auf seine mechanischen Klänge antwortet sie in Klaviernoten. Wie überhaupt der Abend vor hübschen und durchaus sinnigen Einfällen nur so strotzt. So verfällt Ferdinand später, da ist er schon betrogen, in den Duktus des Vaters. Der Herkunft kann halt keiner entkommen. Das weiß auch der Mops. Nur braucht es ihn nicht, denn es ist alles schon im Stummfilm vorhanden. Den Weise immer wieder bricht. Tritt Ferdinand (Noah Saavedra) herunter vom Bühnenpodium, steigt er heraus aus der Stummfilmwelt, gewinnt seine Stimme wieder (eine allerdings auch etwas künstliche sehr hohe) und wird zum eigenen Beobachter. Er liest halb verständnislos die per Übertitel eingeblendeten Textzeilen oder deklamiert einen Monolog, als habe er keine Ahnung, wovon er da spricht. Er blickt mit fremdelndem Blick auf das seltsame Geschehen, kann das im Gegensatz zur einzigen stets stumm bleibenden, Noelle Haeseling als Luise. Das Patriarchat, das die Frau ihrer Stimme beraubt, es ist alles andere als überwunden.

Wie gesagt: Das ist alles durchaus sinnig. Die Fremdheit der Geschichte treibt Weise ins extreme. er scheut keine Albernheit und keinen Slapstick, überzeichnet, wo er kann, borgt bei Herbert Fritsch (die Ästhetik) und Vegard Vinge oder Ersan Mondtag (Klangwelten und Tempo), bleibt aber narrativ im Gegensatz zu Genannten weitgehend linear. Die irren Kostüme (Wellmann) und weißgeschminkten Gesichter bauen maximale Distanz auf und reinterpretieren das Geschehen als Farce. Doch kommt der Blick von außen hinzu: der fragende Blick des aus der Zeit fallenden Ferdinand, die stumme Frau, die klanglichen und ästhetischen Verschiebungen, die etwa Ferdinand zunehmend in der sphäre der macht verorten (er neigt etwa zunehmend zu Wutausbrüchen) deuten an, subtil und zugegeben durchaus übersehbar, dass das, was wir zu sehen bekommen vielleicht nicht ganz so lächerlich, nicht ganz so fremd, nicht ganz so gestrig ist, wie wir es uns gern einreden. Nur misstraut Christian weise – nicht ganz zu unrecht – der Kraft seiner ästhetischen Setzung, diese Botschaft mitzuvermitteln. Also wird er gegen Ende didaktisch – mit Aus-der-Rolle-Treten und mit Mops. Da plumpst dann leider das schöne erzählerische Konstrukt zusammen, wirkt die nachgeschobene Schlussszene – nach der Geschichtenstrecke und vor dem Mops – seltsam angepappt und plötzlich wahnsinnig schal. Auch dieser Abend scheut letztlich das Risiko: nämlich nicht oder nur teilweise verstanden zu werden. Also wird er überdeutlich und entsorgt sich damit am Ende selbst. Schade.

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