Schlag nach bei Kafka

Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Das ist ja ein schöner Jahresauftakt, den sich das Maxim Gorki Theater überlegt hat: Mit Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung stellt es einen der hoffnungslosesten, pessimistischsten und deprimierendsten Texte der Literaturgeschichte an den Anfang seines Theaterjahres. Die Geschichte der jungen Elisabeth, die hoffnungsvoll versuchend, sich eine bescheidene Exostens aufzubauen, bei jedem Schritt von einer feindlichen Welt und den nicht minder abweisenden wirtschaftlichen Verhältnissen der Zwischenkriegszeit zurückgeschlagen wird, bis sie einen halb zufälligen und himmelschreiend erbärmlichen Tod stirbt, ist keine, die einen oprimistischen Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt wirft. Ein nicht gerade hoffnungmachender Schritt ins neue Jahr. Regisseur Hakan Savaş Mican versucht die Düsternis des Stücks denn auch in keiner Sekunde zu kaschieren. Sylvia Rieger hat ihm eine abweisend schwarze expressionistische Stummfilmkulisse mit in die Höhe strebenden schrägen Blöcken, urbanen Stacheln mit gesichtslosen, kaltes Licht verströmenden Fensterlöchern, auf und neben die Drehbühne gebaut, von der zunächst vor dem Eisernen Vorhang nur Teile zu sehen sind. Geht dieser hoch, setzt sich das Labyrinth moderner Albträume fort. Kein Ausweg nirgends.

Bild: Esra Rotthoff

Es ist eine unmenschliche Welt, gegen die Sesede Terziyans Elisabeth zunächst leicht blauäugig, später mit trotzigem Beharren anrennt, eine stille Hoffnungsfanatikerin im bordeauxroten Kleid (das später auch Orit Nahmias als ähnlich Geschlagene trägt, die schlichte Uniform der Ausgegrenzten). Bedrohlich dräut die Soundkulisse, Schritte hallen durch den leeren Raum, die Stimmen sind geisterhaft verstärkt, man bleibt auf Distanz, schaut sich oft nicht einmal an. Die anderen sind Fortsetzungen der ausschließenden Großstadtsäulen, kalte Agenten eines namenlosen Systems, die mal einzeln auftreten, mal eine undurchdringliche Wand bilden, in einer Szene gekippt in nach noch weiter unten tretende ebenfalls geschlagene, frühe Versionen der heutigen AfD- und Pegida-Wutbürger, die hier (in Horváth-texten, die nicht aus dem Stück stammen) gegen Juden, Freimaurer oder Jesuiten hetzen. Die Mechanik einer ausschließenden Gesellschaft setzt sich fort bis in ihre geringsten Glieder. Kafka-getränkt ist dieser Abend, nicht greifbar und damit nicht bekämpfbar, willkürlich die Macht des Oben. Gerade die Figuren der Staatsmacht, Mehmet Ateşçis distanziert arroganter Richter oder Lea Draegers todeskalter Oberinspektor, erinnern wie die labyrinthische Welt, in der sich Elisabeth verliert, tatsächlich an Kafka.

Und sind doch auch konkreter. Die Hetzreden deuten es an, das musikalische, vom phänomenalen Daniel Kahn gestaltete Fundament des Abends spinnt es weiter. Die Lieder zwischen Kurt Weill und Country ziehen die menschliche Ebene ein, die in Elisabeths vergeblicher Suche bald verloren geht. Und sie zitieren Narrative von Ausgrenzungen. Jiddisch inspirierte Lieder etwa, welche die antisemitischen Ausfälle der Proto-Pegidisten weiterspinnen, oder die herzergreifend sehnsüchtige türkische Klage, die Terziyan astimmt, als alles eigentlich schon verloren ist. Ihre Menschlichkeit hat sie, so scheint es, bereits verpfändet, doch wenn sie singt, taucht sie auf aus der Dunkelheit. Die Musik ist der Kraftquell dieses Abends, sie deutet Verbindungslinien an, Assoziationen, die ins Heute reichen, jenseits von Sophie du Vinages exquisiten 20er-Jahre-Kostümen, selbst stoffgewordene Ausgrenzung, Schutzpanzer gegen die zu Vergessenden. Und sie ist der Ort, an dem das Menschliche überlebt, sich störrisch beharrt.

Denn sonst ist es längst verschwunden. Fast alle Nebenfiguren – dargestellt von Draeger, Nahmias und Ateşçi – sind zweidimensionale Karikaturen, Agenten einer kalten, entmenschlichten Welt, die sich abstrakt als Kafkaeske Machtmaschinerie oder konkreter als instrumentalisierter Hass gegen vermeintlich Andere lesen und denken lässt. Die Ausnahme ist Alfons, Elisabeths Kurzzeit-Bräutigam, als teddyhafter Träumer gegeben von Taner Şahintürk. In ihren Szenen erlaubt sich Savaş Mican sogar so etwas wie berührend melancholischen Slapstick, etwas, wenn Şahintürk Blumenstrauß auf Blumenstrauß aus den Kulissen holt. Ein fragiler, traurig lächerlicher Traum in einer Realität, die im Albtraum wohnt. Aber auch diese ein scheues Aufbäumen der Menschlichkeit. Das bleibt, auch als Alfons sich ob Elisabeths Vorstrafen abwendet, buchstäblich eintritt in die Phalanx der Ausgrenzer. Hier hellt sich die instensive, einengende, erstickende Atmosphäre des abends kurz auf und macht die anschließende Dunkelheit nur noch düsterer. Und doch vermeint man einen schwachen Lichtschein zu sehen, wenn alles vorbei scheint. Irgendwo da hinten, jenseits der Horrorkulissen des Menschenverachtung. Eine Fata Morgana, eine Sinnestäuschiung. Vielleicht.

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