Wenn Spießer träumen

Roland Schimmelpfennig: Der Tag, als ich nicht mehr war, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause – und ist schon da. Das ist die Grundkonstellation von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück, dessen Uraufführung Anne Lenk in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besorgt. Eine Spießerfamilie wird aufgemischt, als sich zunächst der Mann, dann die Frau aufspaltet. In ein „normales“ Ich und ein alternatives – das nackt schläft, über die Strenge schlägt und die Fichte im Garten, die den Mann seit Jahren stört, einfach fällt. Am Ende gewinnt natürlich die spießige Anpassung. Oder nicht? Schimmelpfennigs Stück ist kurz – die Uraufführung dauert schlanke 70 Minuten – und für seine Verhältnisse eher geradlinig. Die Grundkonstellation wird durchgespielt bis zum bitteren, wenngleich durchaus ambivalenten Ende. Die hochkomplexen Verdopplungs- und Alter-Ego-Prozesse der digitalen Welt bleiben außen vor, das Geschehen wirkt Versuchslabor-mäßig reduziert und aus der Zeit gefallen. Eine Spielanordnung, bei der nur das Grundprinzip zählt, nicht die Realität. Da dürfen Familien- und Frauenbilder auch etwas, sagen wir freundlich, traditioneller daherkommen.

Bild: Arno Declair

Schimmelpfenning wäre jedoch nicht Schimmelpfennig, wenn er seine Geschichte nicht ständig untergrübe. Wie meist bei ihm sind die Akteur*innen auch und womöglich in erster Linie Objekte, die Erzähler*innen Erzählte. Unterschiedliche Möglichkeitsszenarien werden durchgespielt und verworfen, die Drahtzieher*innen sind die Kinder, die in ihrem eigenen Narrativ, natürlich selbst auch zu erzählten Figuren werden und bei Anne Lenk als Wiedergänger*innen und Miniaturversionen ihrer Klischeespießer-Eltern auftreten. Hier ist alles Klischee und seine eigene Konstruktion, ein Klischee noch dazu, das schon so alt ist unzeitgemäß ist, dass es längst zu seinem eigenen, nun ja, Klischee geworden ist. Schimmelpfennig türmt Metaebene auf Metaebene, so lange, bis alles in sich zusammenstürzt. Anne Lenk löst das nicht auf, sondern packt einfach noch ein paar Level drauf. Bei ihr wird Schimmelpfennigs nicht hyperkomplexe Parable zum albtraumhaften Märchen.

Die Bühne (judith Oswald) ist ein Guckkasten mit schwarzern Samtrückwanden und Glitzervorhang, das Design des Kammerspiele-Innenraums aufnehmend. Dort tanzen zunächst die Figuren und so manche Albdruck-Monster in einer musikalischen Traumsequenz umher, entrückt, geisterhaft, ein möglichkeitsraum so düster wie albern, so fantasierreich wie banal – wie man sich den Traum eines Spießers vorzustellen mag. Hier ist der Möglichkeitsraum, auf der Treppe vor der Bühne die realität. Die natürlich auch Zerrbild ist. Zwischen Boulevard und Farce changierend, probieren die sechs Darsteller*innen an der spießigen Familienidylle – die natürlich auch nur zweidimensionale Nachahmung konsumierbarer Vorgaben aus TV und Werbung ist – herum. Dabei sind die Kinder (Neu-Ensemble-Mitglied Jeremy Mockridge und Busch-Studentin Tabitha Frehner) die Narrativ-Bestimmer, welche das Geschehen starten und abbrechen können (wie am Schluss den gesamten Abend), in dem sie mit den Fingern schnipsen, und natürlich selbst Bestimmte.

Wo Schimmelpfennigs Text eindeutig und unterkomplex erscheint – und es womöglich auch ist – zieht Lenk einen Raum zwischen den Zeilen ein. Er heißt Spiel. Sie wechselt leichtfüßig zwischen den ästhetischen Repräsentationsebenen hinterher, zwischen Traumspiel (Guckkasten) und analytisch-metatheatraler Familienaufstellung (Hauptbühne), setzt sie als gleichwertige Pole gegeneinander und miteinander in Spannung, lässt sie sich gegenseitig ironisch brechen. Natürlich sind die alternativen Ichs (von Elias Ahrens und Franziska Machens mit viel Liebe zur Überzeichnung aufgeladen) ebenso albern wie ihre spießig grauen Originale (Camill Jammal als verloren trotziger Familienvater und Franziska Machens, deren Mutterfigur die besten, weil berührendsten Momente hat, weil bei ihr – etwa in einer mehrschichtigen Barszene mit ihr als Zufallssängerin – sich so etwas wie echte Verzweiflung und Sehnsucht andeuten).

Und ebenso wahr, wenn auch auf einer vollkommen anti-realistischen Ebene. So erstarrt wie der sich in nicht aneckender Mittelmäßigkeit eingerichtet habender Durchschnittsbürger ist eben sein Gegenentwurf. Wer sich kein Potenzial zugesteht, wird es auch in seinen Träumen nicht haben. m Ende sitzen all idyllisch sprachlos am Frühstückstisch – die angespannte Spießerfamilie wie ihre nackten, selbstbewussten Alter Egos. Ein Horrorbild oder eines der Hoffnung? Wahrscheinlich beides und eben nichts von beidem. Sondern einfach nur ein „So ist es halt“. „Wenn du nicht da bist, wo du bist, wo bist du dann?“, singen sie mehrfach. Vielleicht im Traum oder in der Vorort-Vorhölle. Die vielleicht ein Startpunkt sein kann. Wer weiß? In Anne Lenks angenehm unangestrengter, den Text liebevoll ironisierender und hinterfragender Inszenierung ist auch das keine Option, die verworfen wird.

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