Die Magie des Dialogs

Manfred Honeck und Jan Vogler mit einer Uraufführung zu Gast beim DSO

Von Sascha Krieger

Enthusiastisch war der Beifall in der fast ausverkauften Berliner Philharmonie nicht, als der scheu lächelnde Dai Fujikura von Dirigent Manfred Honeck und Cellist Jan Vogler auf das Podium geholt wurde. Erleichterung, die Uraufführung seines Cellokonzerts überstanden zu haben, war nicht nur bei ihm zu spüren, sondern auch beim Publikum. Die dritte Inkarnation des Werks – Fujikura hatte es zunächst als Werk für Solo-Cello verfasst, dann zum Konzert für Voloncello und Ensemble erweitert und nun erstmals die Orchesterversion vorgestellt – stieß bestenfalls auf Wohlwollen. Was auch der Länge geschuldet sein mag: Mit 25 Minuten überschreitet es deutlich die Dauer, die Orchester ihrem Publikum mit zeitgenössischen Werken meist zumuten, zumal auch der Beginn, Claude Debussys Six épigraphes antiques in der 2014 von Alan Fletcher erstellten Orchesterfassung es den Zuhörer*innen kaum leicht machten und ihnen wenig gaben, woran sie sich festhalten konnten. Nein, es dem Publikum leicht zu machen, ist Honecks Sache an diesem Abend nicht. Er fordert die Anwesenden und lädt sie ein, sich einzulassen, genauer zuzuhören. Wer das tut, erlebt ein streckenweise außergewöhnliches Konzert.

Manfred Hoeck (Bild: Felix Broede)

Und das obwohl die beiden Werke vor der Pause nicht dazu geeignet sind, vordergründig zu beeindrucken. Debussys von einem Gedichtband seines temporären Freundes Pierre Louÿs inspirierten Miniaturen sind klangliche Preziosen, die in der Orchesterfassung einen ganz besonderen Glanz erhalten. Honeck kostet das Farbenspiel voll aus, ohne je auf die Tube zu drücken. Das DSO findet eine delikate Leichtigkeit, lässt viel Luft und Licht herein in die fragilen Klanggebilde, schwelgt nicht im Farbenreichtum, wie das bei Debussy-Interpretationen gern passiert, sondern reduziert ihn aufs Wesentliche. Die Wechsel der Klangfarben vom Lichte ins Dunkle und Zurück, vom Romantischen ins Antikisierende und weiter bis an den Rand der Neuen Musik, vom leichten Schweben bis zur erdigen Verdichtung, arbeitet Honeck fein, mit äußerster Detailschärfe und ohne irgendwelche Überbetonungen heraus. Schlicht entfaltet sich dieser Debussy, fast ein wenig introvertiert, und erblüht gerade dazu zu vollster Blüte. Vor allem aber etabliert er bereits den Grundgestus des ganzen Abends: den Dialog des Einzelnen, der einzelnen Stimme mit dem Kollektiv, hier vor allem exemplifiziert durch das Wellenspiel zwischen solistischen Holzbläsern und meist sehr luftig agierenden Streichern. Dabei verschieben sich Vorder- und Hintergrund immer wieder, was das Klangbild wiederholt zu durchaus überraschenden Schattierungen führt.

Dieses Grundprinzip sucht Honech gemeinsam mit seinem Solisten dann auch bei Fujikura. Wobei der Dialog zunächst auch ein Selbstgespräch ist. Vogler, der später in der Zugabe den unvermeidlich erscheinenden Bach angenehm aufraut, wechselt hochpräzise dutrch die sehr unterschiedlichen Klangwelten und Ausdrucksfarben, die Fujikura verlangt. Ihm gelingt das sanglich Fließende wie die stehenden Akkorde, die teilweise extrem hohen Lagen wie die perkussiven Abschnitte in gleich makelloser Sachlichkeit. Das Orchester ist sein Resonanzboden, sein Verstärker, sein Dialogpartner. Klar herausgearbeitet die echohaften Passagen, in denen das DSO mal auf das musikalisch-rhythmische Material, mal auf die klanglichen Eigenheiten des Soloinstruments reagiert, es spiegelt, bricht, neu zusammengesetzt zurückwirft. Das wirkt zunächst ein wenig nüchtern und sehr analytisch, als ginge es Honeck und Vogler zunächst darum, Fujikuras Werk 1:1 dem Publikum vorzulegen, ängstlich bemüht, so wenig wie möglich einzugreifen. Das gibt ihm zunächst eine gewisse Kühle und Distanz, die sich später zunehmend auflösen und einer klanglich gespeisten Binnenspannung weichen, als Orchester und Solist stärker auf die atmosphärischen Qualitäten des Werks vertrauen und sich mehr Gestaltungswillen zutrauen. Und so zieht in die Klarheit vor allem des Orchesterspiels eine Fragilität und Ambivalenz ein, welche die Lichtspiele des Debussy aufnehmen und eine spannungsreiche Zwielichtsituation erschaffen, eine musikalische Zwischenwelt zwischen Stillstand und Bewegung, die am Ende nicht nur überzeugt, sondern dem dialogischen Ansatz dieses – wie immer bei Manfred Honeck – klug durchdachten Konzertprogramms gerecht wird.

Davon profitiert dann auch der Publikumszubringer des Abends, Ludwig van Beethovens siebte Symphonie. War das Rhythmische bei Debussy und Fujikura noch einer von mehreren Dialogpartnern, rückt es nun in den Mittelpunkt.Während die gewählten Tempi eher moderat sind, ist der Eindruck des Werks von Beginn an ein zügiger bis rasender. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen lässt Honeck die Noten bis an den Rand des musikalischen Zusammenhalts verknappen, zum anderen setzt er extrem harte und radikale Kontraste. Vor allem auf den Klang- und Ausdriucksebenen: Seine Siebte ist ein durch mehrere Phasen gehender Dialog zwischen Melodie und Rhythmus (nein, das ist keine Anspielung an die Musikzeitschrift gleichen Namens). Auf der einen Seite knappe, perkussive, zuweilen – etwa mehrfach im Kopfsatz – stakkatohaft anmutenden Rhytmik, auf der anderen, fließende, lichte, helle Melodik, angetrieben von stark solistisch auftretenden Holzbläsern. Dies führt immer wieder zum Aufeinanderprallen des Gegensätzlichen, wobei beide Pole intakt bleiben. Insbesondere sie schnellen Sätze sind von dieser Dialoghaftigkeit geprägt. Klangdichte und Transparenz lösen sich auf engstem Raum ab, Vorder- und Hintergründe wechseln, stärker noch als bei Debussy, Klangbilder verschieben sich, etwa im Finale, in dem die Blechbläser eine ungewöhnlich bestimmende Funktion erhalten. Der Farbenreichtum scheint unendölich, aber er präsentiert sich weniger in klanglicher Auffächerung als im Spiel der Kontraste: Je weniger Raum etwa das Lyrische bekommt, je mehr es in jedem Moment bedroht scheint, desto klarer und selbstbewusster positioniert es sich.

Das Ergebnis ist atemberaubend: Die für die Siebte typische Energie ist von ersten bis zum letzten Takt vorhanden und doch klingt das Werk wie selten zuvor: Schroff sind die Klanggebirge, die Honeck erklimmen lässt, voller unerwarteter Einblicke und Wendungen, klanglicher Verschiebungen, spannungsreich, ein Edge-of-the-Seat-Beethoven, wie man ihn eigentlich nur von Honecks Landsmann Nikolaus Harnoncourt kennt. Da droht das berühmte Allegretto ein wenig unterzugehen: Sehr rhythmisch lässt es Honeck nehmen, ohne jedes Pathos, äußerst schlicht und sachlich, die Rhythmik auch in den sanglichen Passagen stets hörbar präsent. Und doch überzeugt das in seiner Stringenz, seinem Fokus nicht auf das Gegensätzliche, sondern das notwendige Miteinander von Melodik und Rhythmik, von Licht und Schatten, von Hoffnung und Verzweiflung. Rau, beinahe roh klingt das, von ehrlicher Unpoliertheit. Dann explodiert die Musik wieder in den beiden Schlusssätzen und bleibt doch im Ringen, das ein gemeinsames ist, präsent. Der Dialog führt sich fort, etwa im Beginn des dritten Satzes: So dialogisch hat man den perkussiven Beginn und den puren, vorwärtsdrängenden Gesang des Hauptthemas vielleicht noch nie gehört. Ein Dialog, der wie auch in den vorherigen Werken sich zu einem nicht unwesentlichen Maße aus dem Wechselspiel der Einzelstimmen (an dieser Stelle sollte man stellvertretend des Soloflötisten Gergely Bodoky hervorheben) und des Kollektivs entsteht. Redet miteinander, scheint das Motto des Abends zu sein. Dem kann der Rezensent nur zustimmen.

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