Dekonstruktion und Dialog

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Staatskapelle Berlin: Zweimal Beethovens neunte Symphonie zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Mit Traditionen ist das so eine Sache. Sie verleihen den Menschen ein Gefühl der Verlässlichkeit und Sicherheit, können Wohlfühloase sein und Auffangnetz. Begrifflichkeiten, die in der Kunst normalerweise eher wenig zu suchen haben. Gilbt es hier Traditionen, sind sie daher mit besonderer Vorsicht zu genießen. Diejenige, zum Jahreswechsel, Ludwig van Beethovens neunte Symphonie aufzuführen, bildet da keine Ausnahme. Groß ist die Gefahr, das Werk folkloristisch zu verkleinern und seine Aufführung zu leerer Routine erstarren zu lassen. Eine Gefahr, der sich Vladimir Jurowski, neuer Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, bewusst ist. Und der er gegenübertritt, indem er so viel anders macht gegenüber seinem Vorgänger Marek Janowski, wie irgend möglich ist, ohne gleich das ganze Werk vom Spielplan zu werfen. Er will die „Neunte“ neu hörbar machen und sicher auch seine eigene Duftmarke setzen. ersteres ist löblich, letzteres verständlich, das Ergebnis eher zwiespältig.

Vladimir Jurowski (Bild: Bettina Stöß)

Das beginnt mit Jurowskis erster Entscheidung: Er wählt Gustav Mahlers Bearbeitung mit verdoppelten Streicher- und Holzbläsersätzen, was die Klangfarben und das Kräftverhältnis im Klangkörper deutlich verschiebt. Opulenter klingt das, größer und ja, auch (spät)romantischer. Jurowski versucht immer wieder kleine Brüche zu setzen, verknappt mal die Noten, nur um sie an anderer Stelle deutlich zu dehnen. Im vierten Satz setzt er gar – Gruß an Mahler – ein Fernorchester ein, welches das Publikum unvorbereitet trifft, aber eben auch seine Konzentration beeinträchtigt. Viel hilft eben nicht viel und so bleibt mancher Effekt Selbstzweck. Leider auch der größte. Denn zwischen den lyrischen dritten und den aufgewühlten, einer Lösung entgegenstrebenden Finalsatz schiebt der Dirigent Arnold Schönbergs intensives Shoa-Melodram A Survivor from Warsaw. Bass Dietrich Henschel macht seine Sache als Sprecher gut – viel besser als später als etwas schwachbrüstiger Solist im Beethovenschen Schlusssatz – stellt die entsetzlichen Worte mit brutaler Klarheit in den Raum, wie auch das Orchester scharf akzentuiert, den Zivilisationsbruch zumindest andeutend hörbar macht. Es fragmentiert, punktuiiert, reißt auf, ein wortloser Dialogpartner der einsamen menschlichen Stimme.

Welch ein Effekt – und wie er verpufft! Denn was den Abgrund darstellen soll, an dem Beethovens und Schillers Weltvereinigungsvision steht, bleibt Fremdkörper. Statt mit Beethovens Musik in Dialog, gar Konfrontation zu treten, hat der Einschub eher abschwächende Wirkung. Der Finalsatz braucht lange, bis er zu sich findet, gerade der Beginn, geht nach der Zwölfton-Episode weitgehend unter. Der Dialog der vorherigen Themen mit den ablehnenden  tiefen Streichern, Kraftquelle des Satzes, verläuft denn auch eher ereignislos – in der Folge gelingt es dem Satz nie wieder, eine Mitte zu finden. Das liegt nicht am von Benjamin Goodson einstudierten Rundfunkchor Berlin, der nuanciert wie kraftvoll zu Werke geht, die Herausforderung des verstärkten Orchesters annimmt und die große Geste nicht scheut. Auch das Solist*innen-Quartett harmoniert gut, vor allem die warmen Stimmen von Sopranistin Christina Landsamer und Tenor Torsten Kerl überzeugen. Doch insgesamt mäandert der Satz entlang, ist mal zu süßlich, mal sehr stark rhythmisiert, versucht sich an Pathos, nur um gleich wieder sachlich zu verknappen. Mal bremst Jurowski ab, dann wieder rast ihm die Musik fast davon. Sehr langsam etwas die Passage „Ihr stürzt nieder, Millionen“, extrem hektisch der Schlussteil. Der Mahlers Retuschen entstammende Farbenreichtum resultiert bisweilen in klanglichen Unschärfen, die Unruhe bringen, aber keinen roten Faden haben. Am Ende schreit das Orchester fast schrill. Nein, eine simpel-optimistische Apotheose gibt es nicht – eine stringente Gegenlesart fehlt aber leider auch.

Das hatte sich in den ersten drei Sätzen schon angedeutet. Im Kopfsatz betont Jurowski den erweiterten Klangraum, setzt auch Farbigkeit, den Dialog zwischen fließenden Streichern – die bei ihm einen sehr edlen, glitzernden Klang haben – und dem Licht der Holzbläser. Der Gestus ist gesanglich, der Preis ist reduzierte Kraft. Schön sind sonst oft untergehende klangliche Details zu hören, etwa der Widerstreit optimistischer Flöten mit störrischen Streichern, zuweilen aber verwechselt Jurowski Spannung mit Masse, wird klangliche Überwältigung zu seinem Ausweg. Sehr scharfkantig der zweite Satz, ein wenig zu affirmativ in den Ausdrucksspitzen, extrem auch die Tempiwechsel. Hier forciert Jurowski etwas, statt das Orchester laufen zu lassen. Der langsame Satz schließlich gelingt kantabel, klanglich transparent und vielfarbig. Schön pastoral der Gesang der Holzbläser, nicht zu übertrieben die romantische Einfärbung der Streicher. Doch mit zunehmenden Verlauf wird das alles sehr gemächlich, verliert sich im lieblich Ungefähren. Auch dieser Satz, eine Oase des Innehaltens, ein Versuch, einen Weg jenseits von Streit und Kampf zu finden, verläuft letztlich sehr unentschieden. Und so ist an diesem Abend mehr Dekonstruktion als alternative, mehr Ablehnung als Gegenentwurf. Aufzubauen ist auf dieser neunten aber allemal.

Daniel Barenboim (Bild: Holger Kettner)

Um einiges weniger ambitioniert geht Daniel Barenboim in  der Staatsoper die Aufgabe an. Auch dies ein Neuanfang. Ein paar Jahre hatte man mit der Neunten zu Silvester pausiert, jetzt bietet die Neueröffnung des renovierten Stammhauses Gelegenheit, die Tradition wiederaufzunehmen. Dabei fällt vor allem auf, wie optimistisch Barenboim das Werk angeht, ganz im Gegensatz zu Jurowskis und Alan Gilberts eher pessimistisch düsternen Lesarten. Klar arbeitet Barenboim das werden der Musik aus den einzelnen, klar und einsam im Raum stehenden Klangfetzen, die sich rasch zusammenfinden und zusammenballen. Dicht, konzentriert und konturenschrf ist der klang, den Barenboim wählt, wenig transparent, aber auch nicht zu massig, sehr elastisch und formbar. Im Kopfsatz ein feiner Dialog aus Kraft und Lyrik, füllig glänzenden Streichern und hellen, körperlichen Holzbläsern. Die An- und Abschwellbewegungen betont, entwickelt sich eine erhebliche Binnenspannung, die den Satz trägt, die Licht und dunkel in Balance hält. Da herrscht im Untergrund gar etwas Unruhe, die Lebenskraft, die hier pulst, kann stets kippen. Tut sie aber nicht, auch nicht im Presto.Hier herrscht bei mittleren bis schnellen Tempi viel Zug, auch hier steht das Dialogische im Vordergrund, begegnen sich Lyrik und Dramatik, Gesang und kraftvolle Entladung auf Augenhöhe. Strukturell liest Barenboim den Satz als Zwiegespräch von bewegtem, dunklerem Hauptteil und kantablem, lichterem Trio, ein Dialog, durch den sich ersterer beim zweiten auftreten nochmals hörbar schärft.

Sehr langsam dann die Tempi im dritten Satz. Das ist gewöhnungsbedürftig, weil es kaum ein Dirigent heute mehr so spielen lässt. Ein Neuanfang, nach dem Widerstreit der ersten beiden Sätze, der klanglich zu Beginn auch an das Werden am Anfang des Kopfsatzes erinnert. Ein neuer Weg, ein sehr anderer. Barenboim zelebriert das Gesangliche, das sich Zeit lässt, wagt den Schönklang, der entsteht aus vorsichtigem Harmonieren von Streichern und Holzbläsern. In seinen besseren Momenten hat der Satz einen scheuen, fragenden Charakter, in seinen schwächeren plätschert er ein wenig behäbig dahin. Und nimmt doch gegen Ende des dialogischen Duktus wieder auf –lyrischer Gesang, durchpulst vom Lebensrhythmus der Pauken. Ein hörbarer, donnerklarer Bruch dann der Schlusssatz. Die Abweisung der vorherigen Themen wird hier tatsächlich zum Gespräch, das auch schon mal konfrontativ werden kann. Die ersten Gehversuche des Freudenmotiv erscheinen fast fahl, erst behutsam tritt Farbe hinzu, hellt sich der Klang auf, wird er mutiger. Das klangliche-dynamische Werden verbindet Barenboim mit einer merklichen Beschleunigungsbewegung, der optimistische Gegenentwurf gewinnt an Selbstbewusstsein.

So geht es weiter: ein organischer Wiederstreit aus hoffnungsvollem Werden und skeptischem abbrechen. Erschütternd in seiner Klarheit und Härte das Ende der Cherub-Passage – der von Martin Wright einstudierte Staatsopenchor überzeugt durch Klangfülle, Nuancierung und Ausdruckswillen – trocken und dunkel das „Seid umschlungen“, innig, flehend, mit kontrolliertem Pathos aufgeladen die chorischen Rufe nach Brüderlichkeit. Der Satz ist ein ehrliches, sanftes Ringen, bei dem auch das Solist*innen-Quartett überzeugt, unter anderem Tenor Simon O’Neill mit erzählerisch heldischem Ton und Camilla Nyland mit klarem, affirmativem Sopran (einzig der ein wenig zu expressive René Pape schert bisweilen aus). Immer wieder bremst das Geschehen ab, um sich erneut zu beschleunigen. Am Ende führt der Weg über berührendes Flehen zu durchaus euphorischem Jubel. Ein hart erkämpfter und wahrhafter. Kraftvoll, lebendig und triumphal endet diese „Neunte“. Keine zeitgeistige, aber eine, die der Intention des Werkes entspricht und in ihrer dialogischen Herführung überzeugt. Und ein bisschen Optimismus schadet in diesen unruhigen Zeiten sicher auch nicht.

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