Keine Schwermut

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Silvesterkonzert als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Und plötzlich wird es politisch: Gerade haben die Berliner Philharmoniker das Philharmonie-Publikum mit drei Tanzszenen aus Leonard Bernsteins Musical On the Town beinahe von den Sitzen gerissen. Rhythmisch pointiert und klangscharf waren sie zu Werke gegangen, haben die schmissigen Jazz-Anspielungen ebenso klar herausgearbeitet, wie sie im mittleren Satz, „Lonely Town“, die Einsamkeit der Großstadt im Spannungsfeld zwischen scharfen Rufen der Blechbläser und einem unruhigen Wühlen der Streicher beschrieben haben, bevor der Schlusssatz dann sehr wuselig, auch humoristisch gelingt, in Verdichtungsbewegungen stets bereit zur Entladung. Zuvor hatte sich das Orchester gar die eine oder andere Verlangsamung geleistet. Der hochkonzentrierte Klang ist für den Rhythmus der Lebensfreude angelegt – aber er weiß auch um seine Zerbrechlichkeit. Dann greift Sir Simon Rattle zum Mikrofon. Leonard Bernstein sei, so der Brite, ein „politisches Tier“ gewesen. Ich glaube, er wäre froh, wenn wir dieses Lied in dieser Zeit spielen würden“, fügt er hinzu. „Dieses Lied“ ist „Take Care of this House“ aus einem Musical über das Weiße Haus. Das Publikum weiß, was Rattle meint. Mezzosopranistin Joyce DiDonato singt es mit einem Flehen, das unmittelbar wirkt, ohne Pathos, fast scheu. Ein Bitten, das verwundert wirkt, darüber, dass ein solches Lied jetzt wieder gesungen werden muss.

Sir Simon Rattle dirigiert das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker 2017 (Bild: Monika Rittershaus)

Vor der Pause war der diesjährige Stargast der Silvesterkonzerte in der Philharmonie in einem anderen musikalischen Universum unterwegs – in dem von Richard Strauss. Fünf Lieder präsentierte sie mit ihrer warmen, glockenklaren und doch leicht dunkel timbrierten Stimme und stellte erneut unter Beweis, dass es derzeit wohl nur wenige Mezzospranistinnen mit vergleichbarer Ausdrucksstärke gibt. Angenehm unprätentiös, beinahe sachlich die „Zueignung“, Sacht lyrisch und zugleich kraftvoll anschwellend, über einem wunderbare glitzernden und gegen Ende sich konzentrierenden Orchester das „Wiegenlied“, plastisch modellierend die „Muttertändelei“ mit dem Orchester als akzentuierender und verstärkender Begleiter, intim und von großer Zartheit das Duett mit Konzertmeister Noah Bendix-Balgley in „Morgen“, ein organisches Werden das Heine-Lied von den drei Königen „aus Morgenland“. Wunderbar hier die Streicherdecke, fest, ausladend und zugleich butterzart.

Ansonsten gehören dioe Silvesterkonzerte der Berliner Philharmoniker dem lebendigen Rhythmus, dem Tänzerischen. Insbesondere in diesem Jahr, schließlich ist dies das letzte Mal, dass Rattle diese Konzerte als Chefdirigent leitet. Und er beweist nochmal, dass seinem Orchester in Sachen Rhythmusverständnis, Präzision und Klangschärfe kein anderes das Wasser reichen kann. Los geht es mit der Ouvertüre „Karneval“ von Antonín Dvořák. Farbenreich, kraftvoll, konzentriert ist der Klang, durchaus geschliffen, aber stets auch zur Schärfe fähig. Die pastorale Mittelpassage nimmt das Orchester recht vorsichtig, wie überhaupt es sich immer wieder zurücknimmt, wenn es langsamer und inniger wird. Wird es schneller, tönen die Philharmoniker mit atemberaubender Klangfülle, in stilleren Momenten dünnen sie das Klangspektrum wirkungsvoll aus. Sie drehen sich um eine abgedunkelte Mitte und stehen immer kurz vor der Explosion. Ungetrübt ist der Spaß nicht. Am ehesten noch in Iwan Strawinskys hauchzarten Pas de deux aus Apollon mussagète. Fast scheu, am Rande zur Brüchigkeit tastet sich das Streichorchester voran, versucht ein zartes Schmelzen und bleibt doch stets fragil. Die Harmonie, die Strawinsky hier beschreibt, sie kann nicht halten.

Dass sie es nicht tut, ist am Ende bei Strawinskys Landsmann Dmitri Schostakowitsch zu hören. Seine Suite aus Das goldene Zeitalter hebt an als wilde Aneinanderreihung schärfter musikalischer Karikaturen, im Werk selbst gemeint als Persiflagen kapitalistischer Dekadenz. Rattle betont die Einzelteile und verweigert eine Einheit. Hier soll nichts zusammenpassen und so tut es dies auch nicht. Treibende Kraft ist, das war bei Rattle oft so, die Rhythmik. Herrlich die Herausarbeitung der Einzelstimmen im zweiten Satz, wobei unter anderem Bendix-Balgley und Klarinettist Andreas Ottensamer brillieren. Einsame Klagen prallen auf scharf Groteskes, die Spannung nimmt zu, der Satz endet in berührender Verlorenheit. Der dritte knüpft an den fragmentiertem ersten an und übertrifft beide Vorgänger noch im Mut zur Schrillheit. Extrem scharfkantig, fast rasend der hochkonzentrierte Schlusssatz, bei dem das Orchester fast zu bersten droht. Da sind die zugaben nur noch genau das: Schön sehnsüchtig der subtil und zurückgenommen daherkommende Slawische Tanz in e-Moll von Dvořák, ein bisschen zu zügig und beinahe schwerfällig der unvermeidliche und in diesem Jahr ein wenig massige erste Ungarische Tanz von Johannes Brahms. Dann ist es vorbei, Sir Simon Rattles letztes Silvesterkonzert. Mit viel Freude, Spiellust und musikalischer Intelligenz, aber ganz ohne Schwermut. Wie man es von dem Briten eben kennt.

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