Der Klang der Ehrlichkeit

Philippe Herreweghe dirigiert Bachs h-Moll-Messe beim Weihnachtskonzert des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Es geht schlicht zu im großen Saal des Amsterdamer Concertgebouw bei der diesjährigen Weihnachtsmatinee des nach dem Gebäude benannten Orchesters. Gegenüber früheren Jahren ist der saisonale Schmuck auf das Notwendigste reduziert. Lediglich links und rechts stehen zwei Kästen mit Weihnachtssternen, die sich leicht übersehen lassen. Protestantisch nüchtern gibt sich der Saal – passend zum Werk, das hier erklingt. Nachdem das Orchester in den beiden Vorjahren das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach spielte, steht diesmal dessen „Hohe Messe“ in h-Moll auf dem Programm. Als Dirigent hat das Orchester sich den belgischen Bach-Spezialisten Philippe Herreweghe, einer der renommiertesten Vertreter der historisch-informierten Aufführungspraxis samt dem von ihm gegründeten Chor Collegium Vocal Gent an die Seite geholt. Und so schlicht und unspektakulär wie es im Saal aussieht, geht es dann auch musikalisch zu. Dabei erweist sich Herreweghe keinesfalls als Purist. Während es bei anderen „historisch informierten“ Dirigenten schon mal sehr trocken zugehen kann, findet Herreweghe einen Weg, der seiner Bach-Lesart ebenso entspricht wie dem Orchester, vor dem er hier steht. Das Ergebnis ist ein hochkonzentrierter, analytisch scharfer und aufs Wesentlicher reduzierter, doch zugleich ungeheuer gefühlswarmer und klanglich geschliffener Bach, der auf die bestmögliche Weise zwischen den Welten wandelt.

Das Concertgebouw Amsterdam (Bild: Sascha Krieger)

In schlichtem Ernst, die Noten aufs Nötigste verknappt, mit hoher Transparenz hebt das „Kyrie“ an. Das Orchester spielt konzentriert, jede Stimme ist deutlich hörbar. Eine ruhige, fast stille Gottesanrufung durch den klanglich hellen, schnörkellos agierenden Chor. Kein Pathos, kein Dramatik, ein fast ein wenig zu unspektakulärer Einstieg. Überwältigungsgesten, Ersachütterungsroutinen oder pathetische Zuhörermanipulation sind Herreweghe fremd. Sein Bach soll direkt mit dem Publikum kommunizieren, aus der Musik heraus, ohne Umwege. das gelingt in der Folge immer wieder eindrucksvoll, wobei der Chor eine Schlusselrolle übernimmt. Er schöpft seine Kraft aus der Verdichtung, der klanglichen Konzentration, findet organische Wege zu den intensiven Aufwallungen, die das Werk verbirgt.. Klar und kraftvoll das Strahlen im „Gloria“, lebhaft das Credo, wundervoll balancierend zwischen inniger Lyrik und optimistisch ausladendem Strahlen das „Sanctus“. Die Wechsel zwischen den kraftvollen Passagen, in denen Orchester und Chor gemeinsame Verdichtungsbewegungungen vollführen, ohne das ersteres seine Transparenz verliert, und den innigeren, intimeren, die meist dem Solist*innen-Quintett gehören, sind deutlich, aber nie abrupt. Sie entspringen der gleichen Quelle, einer ehrlichen, offenen, unverstellten und vor allem persönlichen Zwiesprache mit dem Höchsten, einer individuell und zugleich universell erscheinenden Auseinandersetzung mit der Welt und ihrer Vergänglichkeit.

Dabei wandelt der Mensch, der hier spricht, nie hörbar am Abgrund. Diese Lesart reduziert den Schrecken der Endlichkeit und ersetzt ihn mit der Sicherheit spendenden Gewissheit, dass nicht alles umsonst gewesen sein werde. Ein fast störrisch erscheinender Optimismus durchzieht das Werk, einer, der nie naiv ist oder sich aus Illusionen speist. angenehm zurückhaltend und schnörkellos, seine Kraft aus sachlicher Klarheit beziehend, die Solist*innen, allen voran Sopranistin Hana Blažíková, die sich zuweilen beinahe an den Rand des Verschwindens zurücknimmt, und Tenor Robin Tritschler, der beweist, dass Innigkeit und gefühlsstarker Ausdruck aus einem nüchternen Duktus entstehen können, der die Grenze zur Trockenheit zuweilen zumindest berührt. Einzig Sopranistin Dorothee Mields will mitunter zuviel, kippt streckenweise leicht ins Pathetische und kann doch durch die Wärme ihrer Stimme wieder vieles wettmachen.

Ganz bei sich ist diese „Hohe Messe“ am Schluss. Das „Agnus Dei“ hebt ihn maximaler Reduktion an und verströmt doch trotz der sehr zurückhaltenden Begleitung viel Wärme. Wie überhaupt das Orchester Klarheit und Transparenz mit einem geschliffenen warmen Grundton zu kombinieren vermag, dem jede Schroffheit ebenso fehlt wie auch nur die Andeutung von Pathos oder irgendwelcher romantischer Überfülle. Ein durchaus moderner, heutiger Klang, der die Partitur und die Bachsche Intention in keiner Sekunde verrät. Da fächern sich Chor- und Orchesterklang im „Dona nobis pacem!“ sogar ein klein wenig auf, deuten eine klangliche Raumweitung an, einen Lichteinfall, der Vision bleibt, aber im klaren, vollkommen pathosfreien Schluss schon mitschwingt. Die Welt, in die dieser Bach hineinsingt, ist keine des Schmerzes nur, sie birgt Hoffnung und sucht das Licht. Ohne Illusionen, ohne Gefühligkeit. Es gibt Interpretationen der h-Moll-Messe, die stärker berühren, die dem Zuhörer viel mehr in Mark und Bein fahren als diese. Ehrlichere gibt es nicht.

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