Zum Licht

Mit Werken von Mozart und Bruckner: Herbert Blomstedt und Maria João Pires zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Wenn Dirigenten ein gewisses Alter erreichen tendieren sie zu einer gewissen Verengung ihres Repertoires. Das hat sicherlich auch praktische Gründe, aber nicht nur, denn eines ist auffällig: Es sind immer wieder bestimmte Komponisten, die bei Maestros, welche die 80 überschritten haben, auf der Liste stehen. Anton Bruckner ist einer davon. Vor einigen Tagen stand Bernard Haitink am Pult der Berliner Philharmoniker. Auch wenn er diesmal Gustav Mahler dirigierte: Anton Bruckner ist seit Jahren der Komponist, zu dem er immer wieder zurückkehrt. Das gilt auch für Herbert Blomstedt, der vor einigen Monaten seinen 90. Geburtstag feierte und jetzt in der Philharmonie gastiert. Der tiefgläubige Katholik Bruckner, ein musikalischer Spätzünder, einer, der stets an sich zweifelte, der die großen und vor allem die letzten Dinge verhandelte, der wie sein Nachfolger Mahler, Symphonien als musikalische Weltbilder begriff, in denen sich die menschliche Existenz in all ihrer Vergänglichkeit entfaltet. Und vielleicht ist es tatsächlich so, dass, wenn nicht mehr allzu viel Zeit zu bleiben droht, der universelle Blick zählt.

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)Was auch immer es ist, der Blick, den Herbert Blomstedt auf Bruckners dritte Symphonie – geschrieben in d-Moll, universeller geht es nicht – wirft, ist vor allem eines nicht: sentimental. Das deutet sich schon beim „Vorprogramm“ an, Wolfgang Amadeus Mozarts vielgespieltes A-Dur-Klavierkonzert KV488. Maria João Pires ist die Solistin und sie geht äußerst schnörkellos zu Werke. Energisch und recht muskulös ist ihr Zugriff – und auch wenn Blomstedt, der im Sitzen dirigiert, hinter dem Flügel fast verschwindet, als Dirigent tut er es nicht. Bald entspinnt sich ein faszinierender Dialog zwischen Orchester und Solistin, die beide sachlich und detailscharf agieren. Da ist viel Zug und kein Gramm Fett an diesem Mozart. Hell ist der Grundton des Orchesters, ein voller, den Blick ins Weite andeutender Klang, der aus dem perfekten Mit- und Ineinander insbesondere von hohen Streichern und Holzbläsern lebt. Darüber, damit, daneben entfaltet sich Pires‘ fester, unsentimentaler Gesang. Ein vorwärtsgewandter Blick ohne jede Naivität. Überraschend licht der zweite Satz in gespenstischem fis-Moll. Pires verlangsamt, scheint den Tönen nachzulauschen, die ihren Weg suchen und sich zugleich selbstbewusst in die Welt stellen. Sie verknappt, reduziert jeden Ton auf seine Essenz und das Orchester tut es ihr gleich, ohne zu kopieren. Immer wieder blickt die Solistin ins Orchester, sucht die Zwiesprache.

Die Philharmoniker gehen auf das Dialogangebot ein, mit der ihnen eigenen und doch an diesem Abend besonders beeindruckenden Präzision. Auch im Finale. Das setzt einen deutlichen Bruch zur nüchternen Nachdenklichkeit des in dieser Interpretation wenig abgründigen Adagio. Gemeinsam finden sie eine überzeugende Balance aus energischem Vorwärtsdrängen und schlichter Sanglichkeit. Bei aller Formstrange bleibt stets ein Rest Beschwingtheit, bei allem Ernst ein Hauch Spiel. Es sind diese Zwischentöne bei aller Klarheit, dieser ununterdrückbarer Rest Lebendigkeit in all der Sachlichkeit, die nicht nur zu einer überaus gelungen und überraschen optimistischen, dabei nie leichtgewichtigen Lesart des Konzerts beitragen – sie bilden auch das Bindeglied zur anschließenden Bruckner-Symphonie.

Hier expandiert diese Doppelgesichtigkeit mit der Weitung des Klangraums. Wo das Spiel mit höchster Detailschärfe und sachlicher Klarheit jegliche Schnörkel, alles unnötige Pathos und jegliche Sestimentalität verhindert, strebt der orchestrale Klang von Beginn an ins Weite. Blomstadt pumpt ihn voller Licht, sucht einen satten, hellen, äußerst durchsichtigen Klang, der stets voller Potenzial zur Verdichtung steckt. Blomstedt betont den Kontrastreichtum des Materials, setzt sehr deutliche Generalpausen und kippt doch nie ins Extreme. Die Zusammenballungen sind immer auch voller Licht, in den kantablen Passagen versteckt sich ein Rest Dunkelheit. Gerade im Kopfsatz führt die Balance von dem Erdigen, Dunklen auf der einen und dem Lichten, Luftigen auf der anderen Seite zu einer Spannung, die nicht dramatisch ist aber höchst lebendig. Dieser Bruckner strotzt nur so vor Neugier, vor abrupten, aber nie schroffen Wechseln. Er ist in einem Moment voller Leichtigkeit und im nächsten hart und unerbittlich. Und doch fehlt ihm jede Schärfe, alles Schrille, verbirgt die Gewalt nie die Hoffnung.

Die Balance von Licht und Dunkel setzt sich auch im Adagio fort, das alle Wagnersche Schwere abstreift, stattdessen zu einem stillen, hartnäckigen Fluss findet, der statt mäandernd auszuladen, kompakt und unbeirrt in seinem Bett bleibt, lebendig nach vorn will ohne zu hasten. Das tut auch das Scherzo nicht, in dem Blomstedt die tänzerischen Teile stark betont. Viel Zug herrscht hier, der Walzer schwingt und steht doch immer auch am Rande zur Verdunkelung, wie andererseits das strenge Fanfarenmotiv einen Rest tänzerischen Schwungs in sich trägt. Der Satz eilt voran, findet immer wieder zu Entladungen und verliert doch nie seine lebendige Leichtigkeit. Diese Musik will zum Licht und findet im Finale ihren Weg. Hier findet alles zusammen: Die klangliche Offenheit des Kopfsatzes, die Sanglichkeit des Adagio, der Tanzgestus des Scherzo. Sie prallen aufeinander in einer Vielgesichtigkeit, die doch nie zerklüftet wirkt. Sie gehören zusammen, sind verschiedene Aspekte des gleichen Universums. Wie das gesamte Werk ist auch dieser Satz vorwärtsgewandt. Langsam schält sich ein sacht hoffnungsvoller Grundton heraus, der stärker wird, selbstbewusster, dominanter. Der vom Kontrast lebt, aber zur Vereinigung des Disparaten, zur Annäherung der Pole strebt. Und so endet das Werk voller Bewegungsenergie, lebendig affirmativ und mit unbändiger Kraft. So klingen keine Abschiede, so klingen Aufbrüche.

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