Mit klarem Blick in die Nacht

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Bernard Haitink spielen Mahlers neunte Symphonie

Von Sascha Krieger

Am Ende, da brandet der Jubel in der vollbesetzten Philharmonie auf, sind Bernard Haitink seine 88 Lebensjahre erstmals anzusehen. Erschöpft wirkt er, ein wenig unsicher auf den Beinen. Das ist kein Wunder: Hinter ihm und den Berliner Philharmonikern liegen gut 80 Minuten Höchstarbeit. Gustav Mahlers neunte Symphonie ist kein Leichtgewicht und so wie Haitink sie dirigiert vergleichbar mit einem Marathon. Oder vielleicht doch nicht: Denn da gibt es – so vermeint der eher unsportliche Rezensent zumindest gehört zu haben – Ruhephasen, Passagen, in denen der Läufer auf Autopilot schalten kann. Nicht so bei diesem Werk: Wer es ernst nimmt, muss jede Sekunde hellwach sein, ständig Entscheidungen treffen, in jedem Moment den richtigen Ausdruck und Klang finden – für das Detail wie für das Ganze. Und Bernard Haitink nimmt es ernst. In seiner späten Schaffensphase – davon darf man bei einem bald 90-Jährigen sicherlich sprechen – hat er sich vor allem auf den Kanon der deutschen Musikliteratur konzentriert. Neben Mozart, Beethoven und Schubert spielen dabei vor allem zwei Komponisten eine Schlüsselrolle: Anton Bruckner und Gustav Mahler. Haitink, der in den 1960er Jahren zu den Protagonisten der Mahler-Renaissance zählte, fühlt sich diesen Musik-Titanen besondern verbunden, diesen Am Ende einer Epoche Stehenden, diesen Verhandlern der größten und letzten Dinge, diesen Türöffnern in eine ihnen unbekannte Zukunft.

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Bernard Haitink dirigiert Mahlers Neunte bei den Berliner Philharmonikern (Bild. Monika Rittershaus)

Mahlers Neunte ist ein Werk des Abschieds. Zu seinem letzten vollendeten symphonischen Werk hat Leonard Bernstein einmal gesagt, es ginge darin um vier Arten, Lebewohl zu sagen. Eine durchaus valide Theorie, die Haitink an diesem Abend sowohl bestätigt als auch widerlegt. Denn diese Neunte ist keine lange Reise in die Nacht, sie ist ein Aufbäumen und Auseinanderfallen, ein Neubeginnen und Aufgeben, einen Ringen mit sich, der Welt, dem Leben. Ein ungemein vielstimmiges Werk, was in vielen allzu stringent sein wollenden Interpretationen untergeht. Nicht hier: Vom ersten Ton an ist klar, dass hier jede Note und vor allem jede Stimme zählt. Langsam setzt Haitink das vereinzelte musikalische Material zusammen, Fragmente, Bruchstücke einer zersprengten Welt, die nur zu einem fragilen Zusammenhalt finden – die Gefahr eines endgültigen Auseinanderbrechens klingt in jeder Minute dieses Abends mit. Tatsächlich: So zerklüftet hat man den Kopfsatz wohl nur selten gehört: Er ist ein stetiges Ringen der Stille mit dem Lärm, des Vergehens und der Auflösung mit einem aggressiven, mitunter gewalttätigen und vielleicht finalen Sich-Aufbäumen.

Immer wieder dünnt der Klangraum aus, fragmentiert sich das musikalische Material bis an den Rand des Verschwindens. Es ist, als spiele das Orchester am Rande eines schwarzen Lochs. Und welch wunderbare wie wundersame Details finden sich hier: das Klopfen der Harfe über extrem reduzierten fahlen Streichern etwa, die kaum erträgliche klangliche Schärfe – bei höchster Präzision, versteht sich – in der Konduktpassage, der ungeheuer fein beobachtete Satzschluss, in dem zarte, scheue Sanglichkeit (vor allem durch Noah Bendix-Balgleys Solovioline) eine zerbrechliche Balance mit zaghaft trauriger Brüchigkeit sucht. Die Spannung ist kaum greifbar, doch sie hält das Publikum in Atem.

Dabei liegt Haitink nichts ferner als Effekthascherei. Der Niederländer ist ein analytischer Dirigent, sein Star ist stets die Partitur. Aber er ist eben auch kein trockener Akademiker, sondern sucht die lebendige Essenz in der Musik. Er arbeitet weniger interpretatorisch als manche Kolleg*innen, aber er ist kein distanzierter Beobachter. Und so hat diese Neunte eine Schärfe, die sich bisweilen kaum aushalten lässt. Das gilt auch für die Mittelsätze, die Haitink als Einheit begreift. Bis auf die Ebene der Einzelstimmen lässt er die Philharmoniker die hinterfotzigen Tanzelemente dekonstruieren, die Hörner etwa ins Groteske weisende Verzerrungen spielen. Verlangsamungen lässt er betonen, hohe Holzbläser und Streicher wetteifern um den schrillsten Klang, der sachte Schluss erhält eine ironische Note. Ähnlich die anschließende Rondo-Burleske, die sich im Duktus an den Ländler- und Walzer-Satz anschließt. Eine Mischung aus Verlorenheit und abgründiger Schärfe, eine Abfolge von Abbrüchen und Neuanfängen. Dringt so etwas wie Beschwingtheit ein, ist sie vergiftet. Der Satzschluss hat eine nicht zu verleugnende Brutalität. Die zerrissene Klangwelt Mahlers zwischen Hoffnung und tiefer Verzweiflung, zwischen Lebensbejahung und apokalyptischer Düsternis: Hier liegt sie klar auf dem Tisch.

Das gilt selbstverständlich auch und gerade für den Schlusssatz. Da ist sie wieder, die unerbittliche Transparenz, in der jede Stimme gleichwertig ist, eine Unruhe erzeugende Vielstimmigkeit des oft sehr Disparaten. Immer öfter fällt das musikalische Material auseinander und kippt ins Geisterhafte (etwa das Zusammenspiel der ausgedünnten hohen und der nüchtern trockenen tiefen Streicher). Zunehmend macht sich ein Zwielicht breit, das unweigerlich ins Dunkel führen muss. Der Satz vollführt eine Wellenbewegung, schwillt an und ab, wehrt sich gegen die eigene Auflösung. Die sich jedoch nicht aufhalten lässt. Immer zaghafter und fragmentarischer werden die Versuche etwa der hohen Holzbläser, Licht einzulassen. Bis zuletzt hält das Orchester seine Vielstimmigkeit aufrecht, bevor sich Stimme für Stimme verabschiedet. Ein langes, schmerzvollen, doch nie pathetisches Lebewohl. Berührend zart und rau ist denn auch das finale Verschwinden, ein sanftes letztes Flehen, aber auch eine offene Wunde. Der abschied ist unausweichlich, aber schmerzt. Insbesondere wenn er in einer Klarheit daherkommt wie an diesem Abend. Bernard Haitink verwischt nicht, er blinzelt nicht, er führt und sehenden, wissenden und verstehenden Auges in die Nacht. Ist der letzte Ton verklungen, lässt er die stille nur kurz halten. Meditation ist seine Sache nicht. Auch das gehört zur musikalischen Ehrlichkeit, die er dem Publikum an diesem Abend schenkt.

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4 Gedanken zu „Mit klarem Blick in die Nacht

  1. […] 80 überschritten haben, auf der Liste stehen. Anton Bruckner ist einer davon. Vor einigen Tagen stand Bernard Haitink am Pult der Berliner Philharmoniker. Auch wenn er diesmal Gustav Mahler dirigierte: Anton Bruckner ist seit Jahren der Komponist, zu […]

  2. Kurt-Victor Selge sagt:

    Ich fand bemerkenswert, daß Mahlers Neunte vom überbiblisch alten Haitink – den ich schon als noch sehr jungen Concertgebouw-Mitchef (mit E. Jochum, nach dem vorzeitigen Tod Eduard van Beinums) erlebt habe -, die Sinfonie altersweise „leise, mit größter Zurückhaltung“ hat erklingen lassen, was ihr sehr gut getan hat. Sicher glitten manchmal die hohen und tiefen Streicher ins fast Unhörbare. Aber nie hat mich das Ganze so überzeugt wie in dieser im ganzen leisen und zurückgenommenen Wiedergabe. Hätte nicht geglaubt, daß so etwas bei dem Stück so möglich ist. Rattle und noch mehr andere Hochberühmte konnten davon etwas lernen. Gegenerinnerung: die Überpointierung aller dissonanten Polyphonien durch Andris Nelson vor nicht sehr langer Zeit. Ich glaube, daß das die mahlerischste Wiedergabe war, die möglich ist. Er war doch kein „Neutöner“.

  3. Stimme zu, finde aber auch Nelsons‘ sehr gegensätzliche Lesart durchaus überzeugend.

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