Auf dem Recyclinghof

Jean Genet: Die Zofen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Es ist gut vier Jahre her, da starb Dimiter Gotscheff, der Reduzierer und Raumleerer, der meinster der stillen, existenzialistischen Clownerie. Das Zentrum auch einer einzigartigen Theaterfamilie, die sich mit ihm durch sein weites, nicht selten feindliches, ort- und zeitloses Universum begab. Sie hat überdauert. Ivan Panteleev, langjähriger Mitstreiter Gotscheffs, hat seinen Platz nicht eingenommen, aber agiert als so etwas wie sein Stellvertreter, Samuel Finzi und Wolfram Koch, diese postmodernen und zuweilen postdramatischen Valadimir und Estragon, lassen sich noch immer mit ihm treiben, mit Johannes Schütz ist jetzt sogar noch ein Bühnenbildner hinzu gekommen, der mit seinen minimalistisch assoziativen Arbeiten perfekt in den absurden Existentialismus Absurde der Gotscheff-Welt passt. Und so ist der Geist des Bulgarin stets spürbar an diesem Abend im Deutschen Theater, wo er so manchen seiner größten erfolge feierte. Insbesondere eine Arbeit ist in Erinnerung geblieben: seine Aischylos-Reduktion Die Perser mit der berühmt gewordenen gelben Wand, gegen die sich anrannten und mit der sie sich im Kreis drehten, die Spieler*innen, im ewigen Kreislauf aus Macht und Gewalt, die sich im Kampf stets aufs Neue zeugten.

Bild: Arno Declair

Eine solche Wand steht nun auch im Mittelpunkt von Panteleevs Inszenierung von Jean Genets Die Zofen, ein Stück das zuletzt in Berlin im Prater der Volksbühne in der Regie Lc Bondys zu sehen war – als auf bürgerliche Intrigenspiele reduziertes Kammerspiel. Jetzt ist der Blick wieder weiter, das Bühnenrund riesig und leer, darin die besagte Wand. Nicht gelb, sondern auf einer Seite mit Spiegelglas versehen, auf der anderen weiß und gespickt mit Kleiderbügeln. Eine Reflexionswand, eine zum Rollenspielen. In der sich der Spieler sieht und die ihm die Rolle zurückwirft. Und an der er ein Anderer werden kann, Identitäten wechselt, sich neu erfindet. Denn darum geht es ja auch in Genets Stück: das Spiel als Möglichkeitsraum, als Ausstellungsort wie Experimentierfeld von Machtmechanismen. Hier spielen die Hausmädchen Claire und Solange die hierarchischen Rituale ihres Haushalts – und damit einer auf Herrschaft und Knechtschaft basierten Gesellschaft – nach, proben die Rebellion, planen den Ausbruch. Genet wollte die Rollen von Männern gespielt wissen und Panteleev hält sich daran.

Das passt ihm gut, denn um Realismus, um Annäherung der Kunstwelt an das vermeintlich Wirkliche geht es ihm nicht. Pantellev abstrahier, er zerlegt die Spielstrategien in ihre mechanischen Einzelteile, lässt das eingespielte Duo Finzi/Koch ihre Routinen abspulen und ausstellen, lässt sie zeigen, dass die allumfassende Kontrolle der Macht, die man ausübt oder erstrebt, in alles eindringt. Und so zeigt er exemplarisch, wie ihr Instrumentarium immerfort wirkt – ob es nun gerade im Spiel explizit vorgeführt wird oder in der „Realität“ der Bediensteten, die ja auf der gleichen Ebene zu agieren scheinen, weiter seine Macht entfaltet. Denn alles ist (Macht)Spiel hier und so kommt auch die recyclete Perser-wand als physische Spielfläche ins selbige. Sie trennt, dient dazu, den Anderen vor sich herzutreiben, kehrt Machtverhältnisse plötzlich um, andere Male tippelt man gegen sie an in einem manischen Hinterherlaufen einer Ordnung, die man am liebsten umstürzen möchte, ohne zu merken, dass dieser Umsturz zwar die Verhältnisse zwischen oben und unten umkehren, die Mechanik einer hierarchischen Gesellschaft jedoch nicht antasten würde. Sie bliebe gleich, nur die Besetzung der verschiedenen Positionen änderte sich.

Natürlich sind Finzi und Koch großartig in ihrer eigenen Mischung aus unterschwelliger Aggression und traurig existenzieller Clownerie, passt sich Bernd Stempel als „Gnädiger Frau“ in seiner typisch trocken schwebenden Ironie kongenial ein. Und so entspinnt sich ein Kreislauf – das ist im Wortsinn zu verstehen – zwischen clownesker Farce und Beckettscher Weltentleerung, in der am Ende niemand gewinnt, weil niemand gewinnen kann. Das klingt – und hier liegt die Crux des Abends – um Länge besser, als es sich auf der Bühne darstellt. Denn dies ist eigentlich kein Theaterabend, sondern eine Museumsvitrine. Panteleev recycelt und zitiert, bis am Ende alles durcherklärt und totgespielt ist. Er kreuzt Gotscheff-Kopie mit Genet-Werktreue, sucht die distanzierte Abstraktion, die eindeutige Aussage und spült damit jeden Zwischenton konsequent weg.

Die Abgründigkeit des Textes kommt dabei unter die Räder. Es geht bei Genet schließlich um einen Mord und um eine Gesellschaft jenseits der Moral, in der „moralische Werte“ und Hemmungen nicht nur nichts gelten, sondern nur noch als Machtinstrumente eingesetzt werden, sodass jeglicher Umsturz mit der Ablehnung der zu einer Waffe verkommenen „Moral“ beginnen muss. Davon ist in der aseptischen Spielanordnung, die eben nichts anderes sein will, nichts zu sehen oder gar zu spüren. Der Abend hält eine mittlere bis laue Betriebstemperatur, spult sich in purer Selbstausstellung herunter, ungefährlich, harmlos, selbstverliebt und in seiner bemühtet Zitathaftigkeit erschreckend leer. Hier ist alles museales Reenactment und Kontextbefreiung, reine Theatermechanik, die aufdecken will, aber nur sich selbst entlarvt mitsamt ihrer Ideenarmut und interpretatorische Verweigerung. Ein Abend, der sich darin gefällt, die Welt zu durchschauen, ohne auch nur Lust zu verspüren, auf sie zu blicken. Einer, der selbstgerecht im eigenen Saft schmort und sich auch noch etwas daraus einbildet. Und damit ist er so weit entfernt von Gotscheffs Theater, wie es nur geht. Denn das suchte stets nach einer Wahrheit, die sich durch die theatrale Versuchsanordnung, durch das Spiel aufschließen ließe. Panteleev reicht letzteres. Dem Publikum auch?

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