Die sich ins Leben singt

Wolfgang Herrndorf (Bühnenfassung von Robert Koall): Bilder deiner großen Liebe, Theater Neumarkt, Zürich (Regie: Tom Schneider) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin (Roter Salon)

Von Sascha Krieger

Da ist sie nun: Isabelle, „Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles andere“. Einer ganzen Leser*innen-Generation ist sie bekannt als episodische, doch hängen bleibende Figur aus Wolfgang Herrndorfs Roman-Äquivalent eines viel zu oft gehörten Songs, Tschick. Das mit dem Hängenbleiben galt auch für den Autor, den sie nicht losließ. Und so besuchte er sie noch einmal, gab ihrer Stimme in Bilder deiner großen Liebe eine literarische Bühne, ein die Zeit vergessendes Mäandern durch das, was einmal ein Leben hätte sein sollen, die Welt und das Universum „und alles andere“ umfassend. Unvollendet ist der Roman geblieben und das passt zu ihm wie zu den anderen großen unvollendet gebliebenen Werken der Kunstgeschichte. Schuberts Sinfonie gleichen Namens etwa oder Kafkas „Amerika“-Roman. Werke, die nicht enden können, weil sie keinen Anfang haben. Oder besser, weil Anfang und Ende hier identisch sind, weil die Zeit nicht linear, der Raum nicht dreidimensional fassbar ist. Doch der Rezensent schweift ab. So wie Isa, die in Tom Schneiders Zürcher Bühnenadaption aussieht wie Sandra Hüller. Die da steht in einer bestenfalls skizzierten Andeutung von Welt. Eine Konzertbühne, darauf ein Drumset auf Fellteppich, musikalische Equipment, eine Topfplanze, ein schwarzer Ledersessel in der Ecke. Zu wenig zum Leben, genug zum Erzählen.

Bild: Niklaus Stauss

Hüller ist nicht Isa, sie erzählt sie. Oder erzählt, wie sie sich erzählt. Oder irgendetwas in der Art. Robert Koall hat die Bühnenfassung erstellt – einen Monolog, ein Konzert, eine Selbstentäußerung, die ihre eigene Distanz mitdenkt. Wir sehen: ein fantastisches Mädchen, bestehend aus Fantasie. Aus Selbstermächtigung und externer Zuschreibung, aus Eigen- und Frendbildern, oszillierend, nie fassbar, eine, die sich immer wieder selbst entgleitet. Sie ist trotzig sich Behauptende, panisch Verzweifelte, wütend gegen die Welt, die Menschen und die Männer anbrüllend – vielleicht auch gegen sich selbst – sich und ihre nonkonformistische Kompromisslosigkeit herausfordernd ins Scheinwerferlicht schiebend. Das Mädchen, dem die beiden Tschick-Jungs auf der Müllkippe begegnete, ist dort nie weggekommen. Weggeworfen als Nichtpassende, Ver-Rückte, nicht zu Definierende. Egal, sie ist trotzdem da, denn auf der Müllkippe sind wir auch, wir haben es nur verdrängt.

Hüller gibt Isa als Rastlose, die ihre Welt formt, kontrolliert, das Licht an- und ausgehen lässt, die Atmosphäre bestimmt, vom kalten Licht der Klarheit über die schummrige Pseudo-Gemütlichkeit sphärisch hinterlegter Introspektion bis hin zur fahlen ewigen Nacht, in der die Gespenster wohnen. Ihre und vielleicht auch die, die vor ihr sitzen. Sie bringt die Sonne zum Stillstand und bricht das Tor auf, zur Anstalt, der sie gerade entkommt. In eine Welt voller Missbrauch und Gleichgültigkeit, fantasierter Liebe und brotloser Treue. Sie erzählt Geschichten, ihre, solche, die ihre hätten sein können, in einer anderen Realität oder einer anderen Zeit, malt sprachliche Bilder von romantischer Opulenz, expressionistischer Wildheit und düsterer Schlichtheit. Sie wechselt den Erzähl- und Ausdrucksmodus von einer Sekunde zur nächsten, ist Rockstar (begleitet vom Musiker-Duo Moritz Bossmann und Sandro Tajouri) und Verlorene, Provokateurin und Liebessucherin, trotzige Rebellin und still Verzweifelte.

Und vor allem Einsame. Aber eine, die sich aus ihrem existenziellen Alleinsein eine Welt erschafft, die nur die ihre ist. Die andere nicht sehen, für ein Zeichen ihrer Verrücktheit halten und als Anlass nehmen, sie aus ihrem Blickfeld zu verbannen. Aber sie kommt zurück, weil sie immer da ist, die als anders Deklarierte, die Schubladensprengerin, das Prinzip Mensch, Subkategorie weiblich. Aber nein, auch das ist schon zu viel Etikettierung. Bei Sandra Hüller ist sie Performerin, gestaltet, (er)findet ihr leben als Show, als spektakulär gebrochene Revue, die Erwartungen aufbaut und brutal an die Wand klatscht. weil sie immer anders ist, in ihrer zerbrochenen Vielfalt. Der vielleicht die Mitte fehlt, aber nicht der Kern. Der heißt Leben. Ein monologisches, dem sie aber auch – einmal – Gegenüber abtrotzt. Hüller/Isa nötigt ihre Musiker, Maik und Tschick zu geben. Ausgeburten ihrer Fantasie, klar, aber auch potenzielle Mitverschwörer, deren pure Möglichkeit sie weitermachen lässt, weil sie Hoffnung gibt, das es sie doch geben könnte: eine Welt, in der sie bleiben könnte, ein Leben, das ihres ist. Weil sie es erzwingt, ertrotzt, erfindet. Und sich von der Realität nicht kirre machen lässt.

Der Abend feiert sie nicht, die psychisch Kranke, Verzweifelte, Suizidgefährdete, (Selbst)Zerstörerische. Aber er reduziert sie nicht auf ihre Symptome, sucht, das Nichtkontaminierte. Und hält uns vielleicht auch einen Spiegel vor. „Das ist das Leben“, sagt sie und brüllt sich zu harten Rockklängen die Seele aus dem Leib. Sie hat Recht. Immer. Es ist ein phänomenaler Abend, was natürlich auch an Sandre Hüller liegt. Wie sie sich und vor allem ihre Isa aus dem, durchs, ins Leben singt, wütet, spricht, rührt zu Tränen, fasst an, erschüttert, aber erprobt auch das Zwerchfell. Die Zuschauerseele lacht und weint und wippt mit. Leben halt. Nicht mehr, vor allem aber auch nicht weniger.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: